Herthas 1:0 gegen den FC Slow Football

Clevere Berliner festigen mit einem geduldig herausgespielten Sieg ihren erstaunlichen dritten Tabellenplatz. Die Kölner ärgern sich mal wieder über Schiedsrichterentscheidungen.

Von Philipp Selldorf, Köln

Jörg Schmadtke bekam einen Wutanfall von beinahe Völlerschen Ausmaßen. Vor dem zeternden Kölner Sportdirektor musste sich stellvertretend für den Spielleiter Tobias Stieler und dessen gesammelte Versäumnisse der vierte Schiedsrichter Robert Schröder verantworten. Dass Stieler einige Minuten zuvor einen Handelfmeter übersehen hatte, den er dem 1. FC Köln hätte zuerkennen müssen, das war aber gar nicht mal der Grund, warum Schmadtke so außer sich geriet - obwohl dieser Elfmeter in der 83. Minute geeignet gewesen wäre, die 0:1-Niederlage gegen Hertha BSC doch noch abzuwenden.

Schmadtke ist es allerdings längst gewohnt, dass die Kölner Mannschaft in ihrer Heimat im Stadtteil Müngersdorf regelmäßig durch Missgeschicke der Schiedsrichter benachteiligt wird. Leon Andreasens dreistes Hand-Tor beim Spiel gegen Hannover (0:1) war nur das auffälligste Exempel einer frappierenden Serie von Justizirrtümern zu Lasten der Kölner. "Fakt ist, dass wir langsam das Gefühl haben, in der größten Handballarena Deutschlands zu spielen", höhnte Schmadtke später, "bei uns ist das schon extrem mit den Fehlentscheidungen."

Hertha BSC spielt "Slow Football"

Was den Manager des FC gegen Ende der Partie so richtig aufregte, das war die Dauer der Nachspielzeit, die Tobias Stieler zugeteilt hatte. Vier Minuten Zugabe waren Schmadtke nicht genug, das machte ihn zornig, und tatsächlich wäre in Anbetracht des mutwilligen strategischen Zeitdiebstahls, den Hertha BSC an diesem Abend betrieben hatte, die Verlängerung um eine halbe Stunde nicht übertrieben gewesen.

Für all ihre Erledigungen nahmen sich die Berliner so viel Zeit, als ob sie nach dem kulinarischen Genießerkult des "Slow Food" nun das Prinzip Slow Football ersonnen hätten. Einwürfe, Freistöße und Auswechslungen zelebrierte die Hertha in einem Tempo, gegen das die herkömmliche Zeitlupe wie ein Schnelldurchlauf wirkt. Marvin Plattenhardt, der linke Verteidiger, bekam sogar die gelbe Karte zu sehen, als er die Ausführung eines Eckstoßes für Hertha enervierend in die Länge zog.

Das kalkuliert subversive Zeitspiel der Hertha machte die Kölner Verlierer später doppelt wütend. "Das hat nichts mit Fußball zu tun", klagte der junge Verteidiger Dominique Heintz aufgebracht. Die erfahreneren FC-Profis dagegen suchten die Schuld bei sich selbst, "die Herthaner tun zwar nicht viel fürs Spiel, aber sie sind sehr effektiv vor dem Tor", stellte Torhüter Timo Horn fest.

Berlin ist die reifere Mannschaft

Auch Trainer Peter Stöger wollte keine Beschwerde vorbringen über das Benehmen der Gäste. "Solange das Spiel läuft, ist das erlaubt, und wenn es unterbrochen ist, dann gibt's jemanden, der nachschauen kann" - den Schiedsrichter nämlich, der die Autorität besitzt, bei der Beschleunigung nachzuhelfen. Was er am Freitagabend nur sporadisch tat. Stöger hat aus dem Nervenkrieg, den Hertha inszenierte, aber vor allem eines gelernt: "Das ist ein Beleg dafür, dass es abgebrühtere Mannschaften gibt als unsere."

Denn dass an diesem Abend die reifere und cleverere Mannschaft gewonnen hatte, daran gab es trotz des Kölner Pechs mit dem Schiedsrichter und einer Handvoll ordentlicher Ausgleichschancen (Anthony Modeste traf den Pfosten) nichts zu deuteln. Es erscheint einem als Laune des Durcheinanders in der Liga, dass anstelle von Gladbach, Wolfsburg, Leverkusen oder Schalke die im Vorjahr beinahe abgestiegenen Berliner einigermaßen solide auf dem dritten Platz stehen. Aber eine gewisse Klasse ist der Mannschaft nicht abzusprechen. Das zeigten die Herthaner in Köln vor allem während der ersten Halbzeit, als sie einerseits das Spiel bis zur Unkenntlichkeit verschleppten - die beiden Innenverteidiger John Brooks und Niklas Stark hatten Ballbesitzzeiten von Bayern-München-artigen Ausmaßen -, und andererseits im passenden Moment für Tempo und scharfes Pass-Spiel sorgten.

Frohe Berliner: Die Hertha holt in Köln die ersten drei Punkte im Jahr 2016.

(Foto: Patrik Stollarz/AFP)

"Gewinnen in Köln, das ist schon was"

Der starke Per Skjelbred dirigierte die spontanen Rhythmus-Wechsel aus der Tiefe. Das Tor, das die Partie entschied, beruhte allerdings auf einem Kölner Aufbaufehler, den die Routiniers Salomon Kalou (als Passgeber) und Vedad Ibisevic (als Torschütze) sofort zu nutzen wussten (43. Minute). Hertha-Trainer Pal Dardai wäre vermutlich auch ohne dieses Tor zufrieden gewesen. Er hatte vor dem Anpfiff ein 0:0 geweissagt und lag tendenziell ganz richtig damit.

Knapp 49.000 Zuschauer mussten in der ersten Halbzeit dafür büßen, dass beide Teams von ihren Kommandeuren die Order erhalten hatten, das Risiko zu meiden, zwischenzeitlich war das Spiel statischer als eine Partie Memory mit Grundschulkindern. Aber Dardai fühlt sich nicht verantwortlich für das Amüsement der Zuschauer. Er war zufrieden mit seinen Leuten und erst recht mit dem Resultat, nachdem es 2016 noch keinen Sieg gegeben hatte. "Gewinnen in Köln, gegen eine gute Mannschaft, gegen einen guten Trainer, das ist schon was", sagte der Hertha-Trainer. Es klang, als plante er schon die nächste List.