Fußballschuhe Kängurus an den Füßen

Vergessene Regeln, Beckhams Extravaganzen, die Rivalität der Dassler-Brüder - eine kleine Schuhkunde.

Von René Hofmann

Die Schuhe, welche die deutschen Fußballer beim Endspiel der WM 1954 in Bern trugen, wogen 350 Gramm. Halb so viel wie die der ungarischen Gegner.

Je schwerer der Schuh, desto mehr Schwung und desto härter der Schuss? Falsch. Mit weniger Gewicht wird der Fuß schneller und der Schuss härter.

Heutige Top-Schuhe wiegen weniger als 250 Gramm.

Sie sind aus Synthetikmaterialien gefertig - oder dünnem Känguru-Leder. Die Sohle besteht aus gegossenem Polyurethan, bei manchen Modellen auch aus Kohlefaser und Glasfiber.

In der Ferse steckt eine Art Schalensitz aus Kunststoff - vom Autorennsport inspiriert.

Die Schraubstollen werden aus Aluminium gegossen, Nocken aus Kunststoff. Um den Halt zu verbessern, werden sie inzwischen oft asymmetrisch angeordnet, was noch einen weiteren Vorteil hat: Die Sohle reinigt sich weitgehend selbst.

Zwei Jahre Entwicklung

Das Rasenkompetenzteam hat ermittelt: Wegen der hohen Temperaturen war die Rasenoberfläche zu Beginn der WM bei vielen Spielen extrem trocken. Die Spieler wählten deshalb eine Trocken-Bestollung für ihre Schuhe. Das war falsch. Denn zwischen dem Boden und dem Grasansatz hatte sich wegen der vielen Niederschläge vor der WM eine Wasserschicht gebildet. Die Folge: Der so genannte Gliding-Effekt trat auf, die Spieler rutschten aus. Für die K.o.-Runden wurden die Spielfelder perforiert. Seitdem gibt es weniger Gliding.

Die Entwicklung eines neuen Fußballschuhs dauert etwa zwei Jahre.

Die Firma Adidas experimentierte vor der WM mit unterschiedlichen Schuh- typen für unterschiedliche Spielertypen. Harte Verteidiger brauchen vor allem einen guten Stand, Stürmer einen gewaltigen Schuss - so die Idee. Das Ergebnis nach umfangreichen Studien: zu viel gedacht.

Im modernen Spiel müssen Verteidiger genauso wendig sein wie Stürmer, und die haben gerne einen ebenso guten Stand wie ihre Verteidiger-Kollegen.

Ewald Hennig, Leiter des Biomechanik-Labors an der Universität Essen, forscht seit 1998 im Auftrag des Sportartikelherstellers Nike. Er sagt: "Laufwege und Laufgeschwindigkeit beim Fußball haben sich erheblich erhöht." Selbst Durchschnittsspieler bringen in einem WM-Spiel 13 bis 14 Kilometer hinter sich. Besonders fleißig sind in der Regel der letzte Mann der Viererkette und der Rechtsaußen.

Den deutschen Fußball-Nationalspielern werden die Schuhe vor jedem Spiel in der Kabine von den Zeugwarten Thomas Mai und Manfred Drexler zurechtgelegt - zusammen mit Trikots, Hosen und Stutzen.

Die deutsche Mannschaft ist als einzige komplett an die Schuhmarke des Ausrüsters gebunden. In den anderen WM-Teams dürfen die Spieler abweichende Marken tragen.

Viele WM-Spieler tragen Sonderanfertigungen. Oliver Kahn steht auf ein unscheinbar verändertes Modell des "World Cup" von 1978, Kaka ließ sich "Jesus in first place" auf die Lasche sticken, Lionel Messi erinnerte an "La Mano de Dios" - Maradonas göttliches Handtor 1986. David Beckham trug zu jeder Partie eine andere Inschrift.

Die Abteilung, die sich bei seinem Sponsor um diese Wünsche kümmert, heißt MTM - Made-to-Measure. Sie umfasst 18 Leute. Beckhams Schuhgröße hat sich im Laufe der Jahre verändert: von 8 1/4 auf 8 3/4. Bei der WM in Japan und Korea ließ Beckham sich fernöstliche Schriftzeichen aufsticken.

Oft trägt er die Namen seiner Söhne "Brooklyn", "Romeo" und "Cruz". Auch für den Nachwuchs bestellt er bei MTM. Auf den kleinen Schuhen soll "Mummy" und "Dad" stehen. Für Gattin Victoria sind weniger Bestellungen überliefert. Sie bekam erst ein Paar individuell gefertigte Freizeitschuhe.

80 bis 100 Paar pro Jahr

Beckham selbst will pro Jahr 80 bis 100 Paar Fußballstiefel. "Was er mit den vielen Schuhen will, wissen wir auch nicht", hat Abteilungsleiterin Erika Wittmann der Zeit gesagt.

Trotz aller Extravaganzen: "80 Prozent aller Profifußballer laufen mit Schuhen auf, die es so auch im Geschäft zu kaufen gibt", sagt Markus Wucherer, Fußballexperte bei Nike.

Das Spitzenmodell seiner Firma für diese WM heißt: "Mercurial Vapor III". Puma tritt mit dem "v1.06" an, Adidas mit dem "Predator Absolute".

Predator heißt übersetzt Raubtier, Räuber, Plünderer.

Werbeversprechen: "Die revolutionäre Exchangeable PowerPulse™ Technologie des neuen +Predator® Absolute ermöglicht es den Spielern, in jeden Schuss noch mehr Kraft zu legen."

In den dreißiger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts wurde Fußball vor allem an englischen Schulen gespielt. Das Spiel war hart. Angriffe wie beim Rugby gehörten dazu. Um die Füße so gut wie möglich zu schützen, legten sich viele Spieler Schuhe aus festem Leder zu, die bis über das Sprunggelenk reichten.

Die ersten Fußballschuhe tauchten Ende des letzten Jahrzehnts des neunzehnten Jahrhunderts auf. Was zum Kicken getragen werden durfte, war nicht vorgeschrieben. Aber: "Das Tragen von hervorstehenden Nägeln, Eisenplatten oder Guttaperchastückchen auf Schuhsohlen oder Absätzen ist verboten", hieß es in der Regel Nummer 14, welche die englische Football Association am 8. Dezember 1863 veröffentlichte. Guttapercha ist ein unelastischer Naturlatex, aus dem damals Golfbälle gefertigt wurden.

Wer der Erste war, der Schraubstollen erfand? Darüber gibt es Streit. Am 1. Februar 1948 meldete der Schuhmacher Albert Bünn aus Preetz bei Kiel beim Deutschen Patentamt in München einen "eindrehbaren Fußballstollen" an.

Wie bei den Spikes der Leichtathleten ragten Stifte aus der Schuhsohle, auf die Lederstollen geschraubt wurden. Vermarkten konnte Bünn die Idee nie. Adolf Dassler drehte das Prinzip um und führte es mit seiner Firma Adidas zum Weltruhm.

Vor der WM in Deutschland wies die von Adi Dasslers Bruder Rudolf gegründete Firma Puma darauf hin, dass es in den ersten Jahren mehrere Patente für Schraubstollen gegeben habe. Eines hätten die beiden Brüder gemeinsam gehalten, eines ein Brite und eines der Anfang des Jahres im Alter von 81 Jahren verstorbene Albert Bünn.

Die Rivalität der Dassler-Brüder ist legendär, worüber sie sich genau zerstritten, blieb ungeklärt. In Herzogenaurach, wo die beiden herkommen, kursiert eine Geschichte: 1943 flüchteten beide Familien vor Fliegerangriffen in den Familienbunker. Als Rudolf Dassler mit seiner Frau in den Keller kletterte, soll Adolf, genannt Adi, gesagt haben: "Da kommen die Schweinehunde wieder."

Rudolf Dassler soll anschließend nicht mehr davon zu überzeugen gewesen sein, dass sein Bruder eigentlich die britischen Bomber gemeint hatte.

Nur untereinander heiraten

Der Belfast Telegraph nennt Herzogenaurach "die Stadt der gebeugten Köpfe" ("Niemand spricht mit dem anderen, bevor er ihm nicht auf die Schuhe geschaut hat") und berichtet: "Puma-Angestellte heiraten keine Adidas-Angestellte, in den Schulen gibt es Gangs der unterschiedlichen Firmen, und in den Gaststätten, die loyal zu einer Firma stehen, werden die Arbeiter der anderen nicht bedient. (...) Maler, die bei Puma eine Wand streichen sollten und in den falschen Schuhen ankamen, wurden vom Chef in Minuten mit den richtigen ausgerüstet. Einen Monat später machten sie bei Adidas das gleiche Spiel."

Bei der WM 1970 sponsorte die Firma mit den drei Streifen alle 16 Mannschaften. Trotzdem stahl der kleinere Konkurrent ihr die Show. Beim Finale im Azteken-Stadion verzögerte Pele den Anstoß - indem er sich vor allen Kameras seine Schuhe nochmal band. Auf denen prangte die springende Raubkatze.

Die Gräber von Adolf und Rudolf Dassler liegen im gleichen Ort - aber an zwei verschiedenen Enden des Friedhofs.

Die Zukunft des Fußballschuhs ist wohl die "Modularisierung": Schuhe, die sich nach dem Baukastenprinzip allen Platz-, Wetter- und Stimmungslagen anpassen lassen - mehrere Chassis-Varianten, verschiedene Farben, Klimaeigenschaften, einmal mehr Dämpfung, einmal weniger.

Djibril Cissé hat das beim FC Liverpool schon vorgeführt. Vor der Pause Gelb, nach der Pause Schwarz am linken und Rot am rechten Fuß. Bei der WM entfiel die Show. Im letzten Testspiel brach sich Cissé Schien- und Wadenbein.

Tipp des Roten Kreuzes für alle WM-Besucher: Viel Mineralwasser, wenig Alkohol, feste Schuhe.