Von Kathrin Steinbichler, Schanghai

Für die Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen legt sich China ins Zeug. Das geschieht nicht nur aus Begeisterung für die Kickerinnen - es ist ein Trainingslauf für Olympia.

In einer Stadt, die einem keine Ruhe lässt, fällt Stille auf. Sun Wen, die in Schanghai geboren ist, mochte noch nie laut sein. Auch jetzt, da sie es mit ihrer Bekanntheit könnte, hält sich Sun Wen zurück. Immer wieder drängen vor dem Hongkou Football Stadium Menschen an ihren Tisch: Männer in Anzughosen und T-Shirts, die mit einem kurzen, scharfen Laut auf sich aufmerksam machen. Frauen in den hier beliebten dünnen Gummi-Turnschuhen, die in der Schlange der Wartenden munter mitdrängeln.

Anzeige

Wer auch immer an diesem Vormittag vor Sun Wen tritt, bekommt einen Moment ihrer Zeit und eine Unterschrift, die sie ernst und geduldig auf die ihr hingehaltenen Papiere und Kuverts setzt.

"Es gehört bei dieser Weltmeisterschaft zu meinen Aufgaben, Termine wahrzunehmen und Werbung zu machen", sagt die populäre, ehemalige chinesische Fußball-Nationalspielerin und nickt sachte mit dem Kopf. So richtig ist nicht klar, ob sich die 34-Jährige damit nun Chinas Regierung oder dem Fußball verpflichtet fühlt. "Die Frauen-WM ist für China eine große Chance, sich zu zeigen", fährt Sun Wen fort, "und es macht mich froh, ein Teil davon zu sein."

Die Hafenstadt Schanghai dampft an diesem Morgen von der aufkommenden Schwüle des Tages. In den Gassen von Hongkou verdunstet das erste Wasch- und Kochwasser, auf den mehrspurigen Hochstraßen um und in das Geschäftsviertel Pudong schieben sich die Fahrzeuge im üblichen Dauerstau voran. Überall gehen und stehen Leute mit Thermoskannen oder Plastikflaschen, in die sie heißes Wasser und ihre Lieblings-Teemischung gefüllt haben.

Klatschen auf Zuruf

Auf dem Vorplatz des Hongkou Fußball Stadions aber sind jetzt neben einer Blaskapelle in weißer Paradeuniform rund 200 Schülerinnen und Schüler in Reih und Glied angetreten, um an den passenden Stellen der vielen Reden auf Zuruf Beifall zu klatschen. Chinas Staatspost und die Fifa haben zur Veröffentlichung einer WM-Sondermarke der Frauen geladen, eine von vielen Marketing-Ideen, mit denen das Turnier in dem riesigen Land beworben wird. Es ist eine bildträchtige Aktion, die das sportliche Interesse von Chinas Bürgern schon im Hinblick auf Peking 2008 wecken soll. Sun Wen blickt ernst. Es ist vor allem ein anstrengender Termin.

Die lokalen Funktionärsgrößen enthüllen einer nach dem anderen unter Tusch und Beifall die Gestelle mit den Sondermarken. Sun Wen bleibt die ganze Zeit still und zurückhaltend auf dem Podium auf ihrer Position, die mit einer bronzefarbenen Plakette auf dem Teppich markiert ist.

Die heutige Fußballfunktionärin und Fernsehkommentatorin, die noch 2002 von der Fifa neben der Amerikanerin Michelle Akers zur Jahrhundert-Fußballerin gekürt wurde, ist eine der berühmtesten Sportpersönlichkeiten Asiens und im Frauenfußball ein Weltstar. Doch die Rolle Sun Wens, die nach einigen Jahren in der US-Profiliga wieder in der 19-Millionen-Metropole Schanghai lebt, ist nicht länger die der Macherin, wie einst auf dem Rasen.

Die Welt beeindrucken

Auf dem Spielfeld, da war sie frei. Da konnte die begnadete Spielmacherin mit der feinen Technik, die bei ihrem Ligadebüt in den USA als "chinesische Sensation" angekündigt wurde, gestalten und initiieren, anstoßen und entscheiden.

Jetzt, nach vier Weltmeisterschaften als Spielerin, ist sie Fifa-Botschafterin und Repräsentantin ihres Landes, eine gern gesehene Galionsfigur und zweite Vorsitzende des chinesischen Fußballverbandes. Sun Wen muss jetzt lernen, nicht mehr alles selbst in die Hand nehmen zu können. Dass diese Weltmeisterschaft funktionieren muss, um einen guten Eindruck auf die Welt vor Peking 2008 zu machen.

Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite

  1. Sie lesen jetzt Geschmückt mit Marketing und stählernen Rosen
  2. Seite 2
Leser empfehlen