Fußball-Wettskandal Das erste Geständnis

Was geschah im Berliner Café King? Wie manipulierten die Zocker von dort aus europaweit Spiele? Ein Hauptbeschuldigter im Wettskandal packt aus.

Von Hans Leyendecker

Das Café King in der Rankestraße ist die berühmteste Sportbar Berlins. Dabei wirkt der Prunk in dem nahe Kudamm gelegenen Laden furniert; es herrscht der Plastikgeschmack der achtziger Jahre vor, aber das Café ist sogar für manche auswärtigen Besucher eine Attraktion, weil sie hoffen, ein bisschen Verruchtheit schnuppern zu können.

Das Berliner Café King, Schauplatz der Manipulationen.

(Foto: Foto: AP)

Beim großen Wettskandal, der 2004 publik wurde, war das von dem Kroaten Milan Sapina betriebene Lokal, in dem manchmal sein Bruder Ante aushalf, die Schaltzentrale, und als es 2009 erneut um Fußball, Wettbetrug und Millionen ging, sausten die Reporterteams erneut in die Rankestraße. Wieder sollen im Café viele Fäden zusammengelaufen sein. Ante Sapina, der "Navigator", wird zur Führungsebene einer Bande gezählt, die angeblich 200 Spiele in Europa manipuliert hat oder beeinflussen wollte. Milan soll Handlanger gewesen sein.

Jetzt hat die Bochumer Staatsanwaltschaft, die am 19.November auf einen Schlag 15Verdächtige verhaftete - darunter die beiden Sapinas -, einen Einblick in das Treiben im Café King bekommen. Levent G., der bis September 2009 als Aufsicht im Lokal arbeitete, hat vor Ermittlern der Bochumer Sonderkommission "Flankengott" ausgepackt. Der 35-jährige Türke, der in Aachen einsitzt, hat als erster der 15 Untersuchungshäftlinge geredet. Seine Aussage bestätigt, zumindest grob, das Bild, das sich die Ermittler, die auf die Auswertung von Telefonüberwachungen angewiesen waren, bislang von dem Fall gemacht hatten. Ante Sapina und die anderen reden nicht.

Sapina war nach dem ersten Wettskandal zu zwei Jahren und elf Monaten Haft verurteilt worden. Nach der Hälfte kam er auf Bewährung frei. Levent G. war zeitweise ein Vertrauter Sapinas, er war Kurier, der sogenannte "Runner", manchmal auch nur Laufbursche. Er beschreibt in seiner viele Seiten umfassenden Aussage die Wettleidenschaft Sapinas. L. berichtet von Kurierfahrten in die Türkei, bei denen er hunderttausend Euro dabei hatte, die an Spieler und Funktionäre verteilt wurden. Er skizzierte die Beziehungen zu Londoner Wettbüros und schilderte die Erlebnisse mit Fußballern im Café King.

Zunächst aber wollten die Ermittler wissen, wie Ante überhaupt rückfällig geworden sei. Dazu Levent G.: Nach der Entlassung aus der Haft habe Ante Sapina "ungeheure Angst" gehabt. Er sei immer wieder angesprochen worden, ob er nicht mal einen Tipp für ein Spiel habe. Kurz vor der Europameisterschaft 2008 habe ihn Ante dann gefragt, ob er auf den Namen Levent G. ein Wettkonto aufmachen dürfe. Er brauche einen Ausweis.

Und? "Er ist mein Freund, ich wusste, er kann davon" nicht lassen. "Komm, hier hast du" habe er gesagt. Weitere Wettkonten seien so eröffnet worden. Unweit des King habe er dann für die Wettgewinne Sapinas ein Konto bei der Volksbank aufgemacht. Bald darauf habe ihn Ante zur Internetstation im King gerufen und stolz gezeigt, welche Summen er schon gewonnen habe. So fing alles wieder an.

Ein Spieler der Oberliga Nordost, Stammgast im Café, habe gefragt, ob Ante noch Sportwetten mache. "Ja, er zahlt noch Prämien", habe er geantwortet. Dann sei ein Spiel verschoben worden. Drei Spieler seien gekauft worden, jeder habe tausend Euro erhalten. Ante "wollte nur mal anfüttern". Das sei geglückt. Der Torwart habe einen "Ball über seinen Körper ins Tor fallen lassen. Ich war selbst baff". Ante habe gesagt, dem "müsste man 500 Euro extra geben".

In den Schilderungen des Beschuldigten L. über die Verhältnisse im Nordosten kommt oft der Name des Vereins TSG Neustrelitz vor. L. berichtete dann von einem Spieler des Regionalligisten SSV Ulm, der Milan Sapina sogar eine Trainingsjacke mitgebracht habe. Die Fahnder legten ihm ein Bild des Spielers Davor Kraljevic vor, der ebenso wie zwei kroatische Landsleute im November in Ulm wegen des Verdachts, sie hätten absichtlich Spiele verloren, entlassen wurde: "Ja, das ist er." Belgische Spieler, die auch Geld bekommen hätten, habe er in Berlin ins Puff kutschiert. Vorm Bordell habe ihm mal ein Kontaktmann für Ante 50.000 Euro gegeben. 40.000 habe er dem im King überreicht, 10.000 Euro habe er abgezweigt.

"Nicht auf das tel!!!"

Lauter Geschichten aus dem Milieu. Wem Ante Sapina besonders vertraue, wollten die Fahnder wissen: "Sein engster Vertrauter war Ivan Pavic", der Basketballer, der 2004 mit dem Bundesligisten GHP Bamberg deutscher Meister wurde. 2007 holte er mit dem in Brose Baskets umbenannten Verein erneut den Titel. Ein Jahr später musste er aus gesundheitlichen Gründen seine Laufbahn beenden. Er kooperiert seit Anfang 2009 mit einer Spieleragentur und bekam einen Vertrag als Spielerbeobachter in Bamberg.

Mitte November 2009 wurde der 28-Jährige festgenommen. Auffällig war seine Nähe zu Sapina, er hantierte mit großen Geldbeträgen und war selbst ein leidenschaftlicher Zocker. Im Haftbefehl findet sich die Formulierung, Pavic sei "Mitglied des engen Führungszirkels der Bande mit der Bezeichnung CIA" gewesen. Ob das so war, steht dahin. Richtig ist, dass er der Lebensgefährte einer Cousine von Ante Sapina war und sich oft im Café King aufhielt.

Ihm wird unter anderem vorgeworfen, fünf Fußballspiele beeinflusst zu haben.

Als "konspiratives Verhalten" wertet die Polizei einen SMS-Dialog zwischen Sapina und Pavic. Sapina: "Nicht auf das tel!!! Das musst du doch gerade wissen."

Pavic: "Ich weiß, tut mir leid." Der Fall Pavic ist, ebenso wie das Geständnis, eine Zäsur in diesem Verfahren. Eine Haftbeschwerde seines Kölner Anwalts Michael Tsambikakis hatte am Donnerstag Erfolg. Pavic kam gegen 50000 Euro Kaution frei. Wenn es nach den harten Bochumer Ermittlern ginge, wären noch alle 15 in Haft. Hans Leyendecker