Fußball in Italien Gegen den Pöbel

Mit einer Stadionsperre für Juventus Turin wird versucht, den dunkelhäutigen Italiener Mario Balotelli vor Anfeindungen zu schützen.

Von Birgit Schönau

Die Mailänder Internazionale beschäftigt, wie ihr Name schon sagt, Fußballer aus aller Herren Länder. In der Stammformation spielen Brasilianer und Argentinier, ein Rumäne, ein Portugiese, ein Schwede. Seit Monaten ist nur ein einziger Italiener auf dem Platz: Mario Balotelli, gerade 18 Jahre alt, geboren in Palermo auf Sizilien. Balotelli ist schnell, wendig, ballverliebt und torgefährlich, er gilt als größtes Offensivtalent im italienischen Fußball. Und als Rowdy, denn nichts ist Balotelli weniger als gentlemanlike, selten entspricht die Eleganz seiner Bewegungen seinem Verhalten gegenüber dem Gegner.

Mario Balotelli

Mario Balotelli: in fast jedem Stadion angefeindet.

(Foto: Foto: dpa)

Balotelli teilt gern aus, am liebsten ebenso mutwillige wie überflüssige Fouls, er macht sich über Gegenspieler lustig, er schickt den Schiedsrichter zum Teufel. Deshalb hat er schon fast so viele Verwarnungen wie Tore gesammelt. Ein geniales Enfant terrible also -, aber das ist nicht der Grund, warum Mario Balotelli in Italiens Stadien geschmäht wird wie kein Zweiter. Der Grund dafür ist: Mario Balotelli ist schwarz. Seine Eltern stammen aus Ghana. Seine Adoptiveltern aus Brescia.

Aus nahezu jeder gegnerischen Fankurve klang Balotelli rassistisches Gegröle und Affengeheul entgegen, egal ob es sich um rechte Roma-Fans handelte oder um den als eher links eingestuften Anhang des AC Florenz und des FC Genua. Für ihre pöbelnden Fans wurden die Klubs zu eher lächerlichen Geldbußen herangezogen - mal 8000 Euro (AS Rom, Genua, Udine), mal 12.000 (AC Florenz). Am Montag jedoch beschloss das Sportgericht der Federcalcio härtere Maßnahmen. Wegen der Ausfälle beim Derby d'Italia Juventus Turin - Inter (1:1) wurde die Juve dazu verdonnert, das nächste Heimspiel am 3. Mai gegen US Lecce vor leeren Rängen auszutragen.

Jenes Publikum, das Mario Balotelli mit Sprechchören wie: "Es gibt keine italienischen Neger" beleidigt hatte, muss dann also draußen bleiben. Sportrichter Gianpaolo Tosel bemerkte, es sei besonders schwerwiegend, dass niemand im Stadion sich gegen diese Schmähungen gewandt habe. Übrigens auch niemand auf dem Platz: Kein einziger Juve-Spieler verurteilte das, was zweifellos auch er gehört hatte.

Im Gegenteil, Torwart Gianluigi Buffon und Nicola Legrottaglie nutzten die Gelegenheit, ihrem Kollegen Balotteli vorzuhalten, er müsse sich endlich besser benehmen. Dabei hatte der Schiedsrichter den Inter-Torschützen schon mit Gelb bedacht. Und Inter mit einer 1000-Euro-Geldstrafe, weil Balotelli nach der Pause zu spät auf den Platz zurückgekehrt war. Die Spielleitung hatte aber auch korrekt über das gruselige Spektakel auf den Rängen Buch geführt.

Die auffällig häufigen Ermahnungen der Kollegen für Balotelli hingegen haben einen merkwürdigen Zungenschlag. Über Antonio Cassano, der sich als jugendlicher Hitzkopf ähnlich aufführte und sogar freimütig gestand: "Wenn ich nicht Fußballer geworden wäre, dann wohl Krimineller", hatte sich seinerzeit kein Gegenspieler so aufgeregt. Von dem dunkelhäutigen Balotelli jedoch wird offensichtlich erwartet, dass er zurückhaltender auftritt: Solidarität nur gegen Wohlverhalten. Bedenklich, dass der frühere Inter-Trainer Luigi Simoni darauf hinwies, gegen Balotellis Kollegen Sulley Muntari aus Ghana habe es in Turin keine Schmähung gegeben: "Nur Mario provoziert das mit seinem Verhalten."

Was Balotelli widerfährt, ist ein Lehrstück über die schwierige Umwandlung Italiens in eine multikulturelle Gesellschaft. Es ist paradox, dass gerade in den Fankurven der Fußballstadien so getan wird, als würde es diesen Wandel nicht geben. Während in den Grundschulklassen Turins italienische Kinder mit allen möglichen Hautfarben lernen, wird im Olympiastadion gegrölt, Schwarze könnten keine Italiener sein. Das passt ebenso wenig oder ebenso gut zusammen wie die eilfertigen Verdammnisse von Politikern, die jetzt die rassistischen Tifosi verurteilen, obwohl sie noch vor kurzem selbst Bürgerwehren gegen gefährliche Ausländer einsetzen wollten.

Fürs Länderspiel berufen?

Seit Ewigkeiten gibt es schwarze Spieler in der italienischen Liga - auch wenn sich manche Klubs, wie etwa Lazio Rom, lange weigerten, Dunkelhäutige anzustellen. Aus Rücksicht auf die Rechtsaußen in der Kurve. Als Lazio 1992 mit dem Holländer Aron Winter erstmals einen Schwarzen engagierte, wurde der Neue im Trainingszentrum mit "Winter raus!"-Plakaten empfangen. Auf Deutsch. 2001 kam gegen den Protest der Irriducibili-Ultras dann der Italiener Fabio Liverani zum Hauptstadtklub.

Liveranis Mutter stammt aus Somalia. Mit drei Einsätzen für die Squadra Azzurra wurde Fabio Liverani der erste dunkelhäutige italienische Nationalspieler. Der Basketballer Carlton Myers war 2000 der erste schwarze Olympia-Fahnenträger für Italien. Balotelli selbst spielt in der U-21-Nationalelf. Wenn Marcello Lippi ihn zum nächsten Länderspiel am 6. Juni in die Squadra Azzurra berufen würde, wäre das ein eindeutiges und positives Signal.

Kein gutes Zeichen ist hingegen, dass Juventus gegen die Sperre in Berufung gehen will - mit der Begründung, das Urteil sei unangemessen. Der Verband Federcalcio will jedoch bald noch weiter gehen. Künftig sollen Spiele abgepfiffen werden können, sobald die Kurve buht und grölt: "Jeder Schiedsrichter, der gegen den Rassismus abpfeift, wird von uns unterstützt."