Freshfields-Bericht Was wir wissen und was nicht

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Zehn Millionen Franken wanderten nach Katar - die entscheidende Frage ist nun: Warum, und was passierte dort damit?

Was wir über den Geldfluss wissen...

Ende Mai 2002 wanderten zehn Millionen Schweizer Franken vom ehemaligen Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus auf ein Konto in Katar. Dazwischen war eine Kanzlei in der Schweiz geschaltet.

Das Konto in Katar gehört der Firma KEMCO Scaffolding Co. Alleiniger Anteilseigner der KEMCO-Gruppe ist der ehemalige Fifa-Funktionär Mohammed Bin Hammam. Er bestreitet, die Zahlung erhalten zu haben. Bin Hammam ist mittlerweile lebenslang wegen Korruption gesperrt. Die Kemco-Gruppe ist erwiesenermaßen eine Schmiergeld-Station von Bin Hammam.

Schon vor der Zahlung flossen sechs Millionen von einem gemeinsamen Konto von Franz Beckenbauer und dessen langjährigem Manager Robert Schwan an die Kanzlei und von dort nach Katar. Nachdem die zehn Millionen von Dreyfus auf dem Konto eingegangen waren, erhielt Beckenbauer die sechs Millionen wieder zurück.

Das Geld ging von einem Oder-Konto an die Kanzlei. Bei einem Oder-Konto reicht es, wenn nur ein Inhaber des Kontos eine Zahlung veranlasst. Inhaber des Kontos waren Franz Beckenbauer und Robert Schwan.

Im April 2005 überwies der DFB 6,7 Millionen Euro über ein Konto der Fifa an Dreyfus zurück. Die 6,7 Millionen entsprechen umgerechnet dem Soll-Betrag (zehn Millionen Schweizer Franken plus Zinsen für drei Jahre) des Kontos von Dreyfus.

Die Deklarierung der Rückzahlung als Beitrag zum Fifa-Kulturprogramm war eine Lüge. Die Zahlung wurde vom DFB bewusst falsch gekennzeichnet.

Und was nicht...

Wozu der Zahlungsfluss diente. Was ist mit dem Geld in Katar passiert? Wurde es nochmals weitergeleitet? Warum brachten Dreyfus und das Duo Beckenbauer/Schwan diese Zahlung in Gang? Das sind nun die entscheidenden Fragen in dieser Affäre.

Ob die ursprüngliche Erklärung der Beteiligten, man habe das Geld zahlen müssen, um einen Fifa-Zuschuss von 170 Millionen Euro zur WM zu bekommen (Nach dem Motto: Zahle zehn Millionen Franken und bekomme 250 Millionen Franken) falsch ist, lässt sich nicht beweisen. Laut Freshfields-Experte Christian Duve wäre das anhand der Aktenlage zumindest nicht ausgeschlossen.

Dann stellt sich allerdings die Frage, warum der Vorgang mit rätselhaften Deklarationen wie "Erwerb von TV und Marketing Rechten Asien Spiele 2006" gekennzeichnet war. Oder warum Beckenbauer/Schwan und Dreyfus das Geld gezahlt haben und das WM-Organisationskomitee es sich nicht bei einer normalen Bank geliehen hat.

Was wir im Zusammenhang mit der WM-Vergabe wissen...

Laut Freshfields gibt es Belege dafür, dass im DFB Führungszirkel im Februar 2000, etwa sechs Monate vor Wahl des Ausrichtungslandes für die WM 2006, darüber debattiert wurde, dass nur drei der vier erhofften Stimmen der Fifa-Exekutivmitglieder aus Asien als sicher galten.

Der DFB ging nach der Wahl allerdings davon aus, dass alle vier Wahlmänner aus Asien für Deutschland gestimmt hätten. Laut dem Freshfields-Bericht gibt es aber nur Hinweise darauf, dass dies tatsächlich so gewesen ist.

Vier Tage vor der WM-Vergabe - am 2. Juli 2000 - unterzeichneten Franz Beckenbauer für den DFB und der damalige Fifa-Vizepräsident Jack Warner für den Fußball-Verband Nord- und Zentralamerikas sowie der Karibik (CONCACAF) eine Vereinbarung, die der CONCACAF "auch ungewöhnliche Leistungen" in Aussicht stellte, wie es Freshfields-Mann Christian Duve formulierte.

Dieser Vertrag trat "formal wohl nicht in Kraft". Einzelne Leistungen seien jedoch erbracht worden. So wurden Fahnen und Tickets für den Verband gedruckt. Darüber hinaus reiste Warner im August 2000 auf DFB-Kosten nach Deutschland - diese Leistungen hätten einen "nicht unerheblichen Wert" gehabt, sagte Duve.

Beckenbauer nennt es dagegen "ein Entwicklungshilfe-Paket mit Ticketing-Möglichkeit" für den Kontinentalverband CONCACAF. Wie üblich, habe er auch dieses Papier "blind" unterschrieben. Die DFB-Interimsführung nannte das Dokument einen "Bestechungsversuch."

Die in diesem Zusammenhang ausgewerteten Rechnungen, Belege und Unterlagen sind demnach mit dem "handschriftlichen Zusatz 'WM 2006 Entwicklungshilfe' (mit leichten Abwandlungen) versehen" worden.

Deutschland gewann die Abstimmung in der dritten Runde letztlich mit 12:11 Stimmen und setzte sich gegen den letzten verbliebenen Konkurrenten Südafrika durch. Möglich wurde dies durch die Enthaltung des Fifa-Exekutivmitglieds Charles Dempsey aus Neuseeland.

Und was nicht...

Wurden von Seiten des DFB Stimmen gekauft, um die WM 2006 nach Deutschland zu holen? Der Freshfields-Bericht besagt, dass es dafür keine Beweise gebe. Man könne "diesen aber nicht ausschließen".

Der Bericht gibt zudem keine Antwort darauf, zu welchem Zweck Beckenbauer und Warner oben erwähnten Vertrag eigentlich schlossen. Was erhoffte sich Beckenbauer davon? Und stimmte das DFB-Präsidium der Vereinbarung zu? Wusste das DFB-Präsidium davon? Welchen Gegenwert die tatsächlich von DFB-Seite erfüllten Leistungen exakt haben, ist ebenfalls nicht klar.

Welche Exekutiv-Mitglieder stimmten bei der WM-Vergabe tatsächlich für Deutschland? Als sicher gilt, dass die acht europäischen Vertreter allesamt für Deutschland votierten.

Was wir über die Rolle von Wolfgang Niersbach wissen ...

Er erfuhr spätestens im Juni 2015 davon, dass es Unregelmäßigkeiten im Rahmen der WM 2006 gegeben habe. Er entschied sich, nicht die offiziellen Gremien des DFB zu informieren.

Stattdessen beauftragte Niersbach eigene Mitarbeiter mit der Recherche. Eine Mitarbeiterin lieh im Juni 2015 einen Aktenordner mit dem Namen "Fifa 2000" aus dem DFB-Archiv aus. Der Ordner ist nicht mehr auffindbar.

DFB-Interimspräsident Rainer Koch kritisierte die Vorgänge scharf: "Dem Präsidium wurden über Monate Informationen vorenthalten. Das ist ein inakzeptabler Vorgang." Koch sprach von einem "völligen Versagen" interner Kontrollmechanismen.

Und was nicht ...

Wie es nun mit Niersbach weitergeht. Als DFB-Präsident ist er zurückgetreten, allerdings besetzt er für den Deutschen Fußball-Bund noch Posten bei der Uefa und der Fifa.