Formel-1-Neuling Pascal Wehrlein Früher an später denken

Der jüngste Meister der DTM wagt den Sprung in die Formel 1 - und wird dort wohl zunächst hinterherfahren. Mercedes will ihn als junge Kraft aufbauen.

Von René Hofmann, Melbourne

In der Formel 1 geht es auch darum, Aufmerksamkeit zu erregen. Pascal Wehrlein hat das offenbar verstanden. Bei seinen ersten Schritten ins Fahrerlager im Albert Park in Melbourne trägt er zur weißen Hose knallrote Turnschuhe, die weit über die Knöchel reichen. Lewis Hamilton führt gerne ähnliche Stücke aus. Und der ist nicht nur Weltmeister; der Brite gilt generell als Trendsetter.

"Wir haben die coolsten Fahrer", behauptet Mercedes-Teamchef Toto Wolff über Hamilton und seinen Kollegen Nico Rosberg. Dieser "Coolness-Faktor" habe maßgeblich zum Aufschwung der Marke in den vergangenen drei Jahren beigetragen, glaubt Konzern-Chef Dieter Zetsche. Diese Ansicht hat der Mercedes-Lenker bei einer Veranstaltung in Stuttgart geäußert, bei der die Formel-1-Fahrer für die Reise zum ersten von 21 Rennen 2016 verabschiedet wurden. Mit dabei war dort auch Pascal Wehrlein. Dabei fährt der 21-Jährige gar nicht für Mercedes, sondern für das bisher rückständige Manor-Team. Aber das könnte sich bald ändern.

Früher an später denken: Der Werbespruch für mehr private Altersvorsorge wird auch in der Mercedes-Motorsportabteilung beherzigt. Wehrlein wird als junge Kraft aufgebaut, um gerüstet zu sein, falls sich Hamilton, 31, und Rosberg, 30, allzu sehr in die Haare bekommen, falls einer der beiden irgendwann keine Lust mehr aufs Im-Kreis-Fahren hat - oder bei den nächsten Vertragsverhandlungen allzu forsche Forderungen stellt. "Wir hätten uns nicht derart für ihn eingesetzt, wenn wir nicht daran glauben würden, dass er eines Tages einen Silberpfeil fahren kann", sagt Mercedes-Sportchef Toto Wolff über Wehrlein. Der sagt selbst: "Mein Ziel ist es, irgendwann im Silberpfeil zu sitzen."

Mit fünf Jahren sah er die schnellen Autos zum ersten Mal kreisen, in Hockenheim: Jetzt fährt Pascal Wehrlein selbst Formel 1.

(Foto: Lars Baron/Getty Images)

2015 wird Wehrlein jüngster Meister der DTM

Den Traum jagt er schon länger. Gekeimt ist er aus der Motorsportbegeisterung seines Vaters Richard. Von klein auf verfolgten Sohn und Vater gemeinsam die Formel-1-Rennen im Fernsehen, auch die, die mitten in der Nacht gestartet wurden. Mit fünf sah Wehrlein junior die schnellen Autos zum ersten Mal wirklich kreisen, in Hockenheim. Da war für ihn klar: Eines Tages will ich auch so einen fahren! Sein Idol: der Finne Mika Häkkinen. Eigentlich hatten es Wehrlein aber vor allem die silbernen Autos von McLaren-Mercedes angetan.

Go-Kart, Formel ADAC, Formel 3: Wehrlein, dessen Mutter Chantal aus Mauritius stammt und der in Sigmaringen aufwuchs, hat eine typische Motorsport-Karriere hinter sich. Was eher untypisch ist: Dass er auf jeder Karrierestation Siege feierte. 2012 nahm Mercedes Wehrlein unter Vertrag. 2013 gab er sein Debüt in der Tourenwagen-Serie DTM. 2015 wurde er dessen bisher jüngster Meister. Es folgte eine kurze Phase der Ungewissheit, bis am 10. Februar dieses Jahres die Bestätigung kam: Wehrlein darf in die Formel 1.

Deutsche Fahrer in der Formel 1 seit der Saison 2010 2016: vier Nico Rosberg, Sebastian Vettel, Nico Hülkenberg, Pascal Wehrlein 2015: drei Nico Rosberg, Sebastian Vettel, Nico Hülkenberg 2014: fünf Nico Rosberg, Sebastian Vettel, Nico Hülkenberg, Adrian Sutil, André Lotterer 2013: vier Nico Rosberg, Sebastian Vettel, Nico Hülkenberg, Adrian Sutil 2012: fünf Michael Schumacher, Nico Rosberg, Sebastian Vettel, Nico Hülkenberg, Timo Glock 2011: sechs Michael Schumacher, Nico Rosberg, Sebastian Vettel, Nico Hülkenberg, Nick Heidfeld, Timo Glock 2010: sieben Michael Schumacher, Nico Rosberg, Sebastian Vettel, Nico Hülkenberg, Nick Heidfeld, Timo Glock, Adrian Sutil

Wehrlein gewann jedes Jahr mindestens ein Rennen - 2016 dürfte das schwer werden

Der Platz bei Manor ist auf den ersten Blick kein besonders attraktiver. Das Team hat im vergangenen Jahr - unter dem Namen Marussia - keinen einzigen WM-Punkt geholt. 2014 waren es gerade einmal zwei Punkte gewesen. Aber seit einiger Zeit gibt es einen neuen Besitzer (Stephen Fitzpatrick), einen neuen Teammanager (Dave Ryan/einst McLaren) und zwei neue Top-Techniker (Pat Fry und Nikolas Tombazis/beide einst Ferrari). Vor allem aber gibt es Technik-Hilfe von Mercedes. Mit dem starken Motor im Heck soll es vor allem für Wehrlein vorwärts gehen. Seinem Teamkollegen Rio Haryanto, 23, dem ersten Formel-1-Fahrer, der Indonesien repräsentiert, wird nicht so viel zugetraut.

"Es sind viele neue Leute dazugekommen. Es herrscht Aufbruchsstimmung", beschreibt Wehrlein die Atmosphäre im Team. Seine Erwartungshaltung musste er trotzdem justieren. Seit er den Kart-Sport verließ, gewann er jedes Jahr mindestens ein Rennen. In diesem Jahr wird das vermutlich nicht klappen. "Ich brauche einen anderen Ansatz, weil es wohl kaum möglich sein wird, Erster oder Zweiter zu werden", weiß Wehrlein, der einräumt: "Das fällt mir nicht leicht." Aber auch wenn es mit der Champagner-Dusche auf Anhieb nicht klappt: Um seine weitere Karriere muss er sich deshalb nicht gleich sorgen. Bei Mercedes sehen sie seine Entsendung zu Manor vor allem als Charaktertest. Auf die Frage, was er von Wehrlein erwartet, sagt Sportchef Toto Wolff: "Dass ich am Ende des Jahres sagen kann: Er hat Manor in seiner Entwicklung weitergebracht."