Flüchtlingsteam für Olympia Schwimmen können

Vor der Küste von Lesbos läuft ein Schlepperboot voll. Eine junge syrische Sportlerin zieht es an Land. Jetzt trainiert Yusra Mardini in Berlin für die Spiele in Rio.

Von Verena Mayer, Berlin

Yusra Mardini sitzt vor der versammelten Weltpresse, die allein ihretwegen gekommen ist, aber sie wirkt, als wäre sie lieber woanders. In einer 50-Meter-Bahn zum Beispiel, dort, wo die 18-jährige Schwimmerin derzeit die meiste Zeit ihres Lebens verbringt. Oder, noch besser, bei den Olympischen Spielen, denn dort will Mardini so schnell wie möglich hin. Doch an diesem Freitag muss Yusra Mardini erst mal auf eine Bühne in einem Zweckbau neben dem Berliner Olympiastadion und sich den Fragen von hundert Journalisten aus Japan, Großbritannien, Brasilien oder den USA stellen.

Wie es zum Beispiel kommt, dass eine 18-jährige Syrerin, die erst vor wenigen Monaten in Deutschland ankam, offenbar zur Hoffnungsträgerin des Deutschen Olympischen Sportbundes wurde. Das ist gar nicht so einfach zu beantworten, denn Mardinis Geschichte ist lang. Sie handelt von Vertreibung, Krieg und irrwitzigen Zufällen. Aber auch von der Rettung, die der Sport sein kann. Von einem Lebensziel, das einem selbst dann bleibt, wenn man alles andere aufgeben musste.

Aber der Reihe nach. Erst geht es an diesem Berliner Märzvormittag um ein Team, das bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro das erste Mal an den Start gehen soll. Es wird nur aus Flüchtlingen bestehen, eine Art olympische Willkommensklasse gewissermaßen. 43 Sportler, unter ihnen Mardini, sind in der engeren Auswahl, die meisten von ihnen Leichtathleten und Schwimmer aus Syrien, Kenia oder dem Südsudan, die es auf der Flucht in die unterschiedlichsten Weltgegenden verschlagen hat. Bis Juni will das Internationale Olympische Komitee (IOC) fünf bis zehn von ihnen auswählen, um sie nach Rio zu schicken. Unter der olympischen Fahne. Und da will Yusra Mardini unbedingt dazugehören. Dafür schwimmt sie vier bis fünf Stunden täglich.

Flüchtling Yusra Mardini, 18, in ihrem Element - das Wasser hätte fast ihren Tod bedeutet.

(Foto: Alexander Hassenstein/Getty)

Mardini sitzt in Jeans und Pulli auf ihrem Stuhl und beantwortet jede Frage gewissenhaft, als sei sie gerade an die Tafel gerufen worden. Dass sie ihre Freunde und ihr Zuhause in Damaskus vermisse, "vor allem mein Bett". Dass die Schule in Berlin "ein Spaß" sei, "wenn ich nur nicht so viel Deutsch lernen müsste". Sie spricht schnell und auf Englisch, oft sieht sie zu ihrem Vater, der ebenfalls im Publikum sitzt. Und immer wieder zucken ihre Füße in den weißen Turnschuhen. So, als sei sie in Gedanken schon bei den Kicks, die sie später im Wasser ausführen will. Kraul ist ihre Lage, 200 Meter. Mardini schwimmt, seit sie ein Kind ist. Sie war in der syrischen Nationalmannschaft, bei der Kurzbahn-WM in Istanbul schaffte sie einen syrischen Landesrekord. 2012 war das, ein Jahr, nachdem Assad begonnen hatte, die Revolution blutig niederzuschlagen.

Der ungarische Grenzer fragte, warum sie lache. Mardini sagte: "Ich habe das Meer überlebt."

Auch für die Mardinis wurde die Lage schlimmer, vergangenen Sommer machten sie sich auf den Weg. Erst nach Beirut, dann in die Türkei. Dort stiegen sie auf ein winziges Boot, um nach Griechenland zu kommen, der typische Fluchtweg über das Meer. Auf dem Boot saßen knapp 30 Leute, fast nur Männer. Irgendwann ging der Motor aus, Wasser lief ins Boot. Yusra und ihre Schwester Sarah sprangen ins Wasser, hielten das Boot oben, strampelten, zogen es irgendwie an die Küste von Lesbos. Die Mädchen waren die einzigen auf dem Boot, die schwimmen konnten.

"Seither hasse ich das Meer", sagt Yusra Mardini.

Fotos werden auf die Wand projiziert. Mardini, wie sie an der serbischen Grenze zu Ungarn gebückt durch Gebüsch streift, auf die Kommandos der Schlepper wartend. Mardini mit den ungarischen Grenzern, die sie aufgriffen und fragten, warum sie lache. Sie antwortete, sie habe gerade das Mittelmeer überlebt, da könne sie doch lachen. Mardini erzählt das alles im lockeren Plauderton. Man kann nicht sagen, ob sie ihre Flucht, die sie über Wien und München schließlich nach Berlin führte, im Nachhinein als eine Art Abenteuer empfindet. Oder ob sie damit einfach nur alles von sich fernhalten will. Um ihren Traum nicht aus dem Auge zu verlieren: im Wasser zu bleiben, auch wenn es fast ihren Tod bedeutet hätte. Sie wolle Flüchtlingen auf der ganzen Welt beweisen, "dass man auch bei Krieg und Flucht etwas erreichen kann", sagt sie.

Bei einer Pressekonferenz in Berlin, eingerahmt von Trainer Sven Spannekrebs (rechts) und Vater Izzet.

(Foto: Odd Andersen/AFP)

Dass sie nun in Berlin trainiert, war wieder einer dieser Zufälle. In der Flüchtlingsunterkunft sagte sie einem Dolmetscher, dass sie gerne schwimmen gehen würde. Der brachte sie zu den Wasserfreunden Spandau 04. Mardini ist derzeit vor allem eine Symbolfigur für das olympische Projekt, denn ob sie es in das Flüchtlingsteam schafft, ist nicht klar. Sie müsse die 200 Meter Kraul in zwei Minuten und drei Sekunden schwimmen, sagt ihr Trainier. Derzeit kommt sie auf zwei Minuten und elf Sekunden. Vielleicht schafft sie es auch erst zu den Spielen 2020 nach Tokio.

Aber schon heute steht Yusra Mardini für die doppelte Heimatlosigkeit, die eine Flucht für Wettkampfsportler bedeutet. Sie haben nicht nur ihre Heimat verloren, sie haben auch kein Land mehr, für das sie antreten könnten. Wenn sie es sich aussuchen könnte - würde sie im August in Rio lieber hinter der syrischen oder der olympischen Fahne laufen? Das sei ihr egal, sagt Yusra Mardini. "Ich sehe mich nur als Schwimmerin."