Finale der NBA Doch besiegbar

Die Rückkehr von Trainer Steve Kerr kommt für Golden States Basketballer gerade recht. Nach dem Dämpfer im NBA-Finale können die Spieler Motivation von ihrem Coach gut brauchen.

Von Jürgen Schmieder, Oakland/Los Angeles

Es ist wichtig, dass Steve Kerr wieder auf der Ersatzbank der Golden State Warriors sitzt. Das lässt hoffen, dass Kerr seine schlimmen Rückenprobleme vorerst überstanden hat. Es ist aber auch deshalb bedeutsam, weil Trainer nur der Nebenjob von Kerr ist, hauptberuflich ordnet er als Sportphilosoph die Finalserie der nordamerikanischen Basketballliga NBA und bisweilen auch mal die komplette Sportart ins Weltganze ein.

Vor der vierten Partie am Freitagabend, bei der die Warriors mit einem Sieg gegen Titelverteidiger Cleveland Cavaliers eine Ausscheidungsrunde ohne Niederlage hätten vollenden können, da unterhielt sich Kerr mit ein paar Reportern. So ein Rekord muss ja historisch eingeordnet werden, und da hatten zuvor wieder einige "ehemalige Profis" oder "gegenwärtige Gurus" erklärt, dass diese Warriors ziemliche Leichtgewichte seien im Vergleich zu den großartigen Teams der Vergangenheit.

"Das stimmt schon, die würden uns alle absolut zerstören", sagte Kerr mit Augenzwinkern: "Dieser Sport wird im Laufe der Zeit immer schlechter, die Spieler sind immer weniger talentiert. Es ist schon komisch, dass die Evolution des Menschen im Sport umgekehrt wird: Die Akteure werden schwächer, kleiner, weniger talentiert. Ich weiß auch nicht, warum das so ist."

Kerr weiß natürlich, bei allem Respekt vor den Chicago Bulls aus der Saison 1995/96 und den Los Angeles Lakers 1985/86, dass seine Mannschaft die wohl begabteste Ansammlung von Akteuren in der NBA-Geschichte ist, da ist so ein selbstironischer Seitenhieb auf all die Legenden wie Magic Johnson, Julius Earving und Rasheed Wallace nicht nur erfrischend, sondern auch mal dringend notwendig.

Die Warriors hatten in der Hauptrunde 2016 eine Rekordbilanz von 73 Siegen (bei bloß neun Niederlagen) geschafft, die Finalserie jedoch nach 3:1-Vorsprung auf dramatische Weise gegen die Cavaliers verloren. Sie haben diesem Kader in der Sommerpause Kevin Durant hinzugefügt, vor drei Jahren zum wertvollsten Spieler der Liga gewählt und mit 28 Jahren in der Blüte seiner Karriere. Wie das geht, wo die Gehaltsobergrenze doch so etwas wie Chancengleichheit garantieren soll? Nun, der Tarifvertrag aus dem Jahr 2011 besagt, dass die Gehälter der Spieler proportional zu den Einnahmen der Liga wachsen müssen. Aufgrund lukrativer TV-Verträge ist der so genannte Salary Cap zwischen den beiden Spielzeiten von 70 auf 94,1 Millionen angestiegen. Durant verdient in dieser Saison 26,5 Millionen Dollar.

Die Warriors haben in den Playoffs und auch in den ersten drei Partien der Finalserie bewiesen, dass sie nicht besiegt werden können, wenn nicht Wundersames geschieht. Das freilich passierte am Freitag in Cleveland: Die Cavaliers schafften im ersten Viertel 49 Punkte, so viele wie noch nie eine Mannschaft in einem Spielabschnitt der Finalserie seit Gründung der Liga im Jahr 1946. Sie stellten auch noch Rekorde für die meisten Punkte in einer Halbzeit (86) und die meisten erfolgreichen Drei-Punkte-Würfe (24) auf, LeBron James zog mit seinem neunten Triple Double (zweistellige Werte in drei Statistiken: 31 Punkte, zehn Rebounds und elf Zuspiele) in einer Finalserien-Partie an Magic Johnson vorbei. Cleveland siegte mit 137:116 und erzwang eine fünfte Partie, die am Montag in Oakland stattfindet.

"Am Montag denken wir wieder daran, was wir können"

Es ist deshalb unheimlich wichtig, dass Steve Kerr seit dem zweiten Spiel der Finalserie wieder dabei ist, er kann all dem ein bisschen Perspektive verleihen. "Wir hatten keine Angst davor, Geschichte zu schreiben. Wir haben gegen eine verzweifelt agierende Mannschaft verloren, deren großartige Spieler es uns mal ordentlich besorgt haben", sagte er nach der Niederlage: "Diesen großartigen Spielern werden wir am Montag wieder begegnen. Wir wissen jetzt, was sie können; und jetzt denken wir wieder daran, was wir können." Die Übersetzung - wie eigentlich bei 99 Prozent der Aussagen von Kerr: Locker bleiben, alles halb so dramatisch.