FC Ingolstadt Der Prototyp

Kein Bundesligaspieler führt mehr Zweikämpfe als Mathew Leckie. Kein anderer verkörpert das erfolgsbringende Pressing-System des Bundesliga-Aufsteigers FC Ingolstadt besser als der bullige Angreifer.

Von Sebastian Fischer

Als Ralph Hasenhüttl in dieser Woche daheim auf der Couch saß, im Fernsehen Champions League schaute und Zlatan Ibrahimovic für Paris Saint-Germain gegen den FC Chelsea spielen sah, da hatte er Mitleid. Hasenhüttl sah, wie der wohl beste Mittelstürmer der Welt zwischen den gegnerischen Innenverteidigern umher tigerte; wie der Schwede entspannt auf seine Chancen wartete, stand, trabte, hier und da einen Sprint einstreute und mit ein paar Bewegungen das Spiel entschied. Der Trainer des Erstligisten FC Ingolstadt dachte: "Meine Spieler tun mir leid." Warten, Stehen, Traben - das dürfen die Stürmer des FCI nicht. Sie laufen, sprinten und grätschen. Pausenlos.

Wer erklären möchte, warum der Aufsteiger sich lange vor der Zielgeraden der Saison von der Konkurrenz im Abstiegskampf abgesetzt hat, kommt nicht herum um Hasenhüttls Pressing-System, in dem die drei Angreifer die Hauptrolle einnehmen - und einer ganz besonders, der quasi das Gegenteil ist vom Typ Ibrahimovic: Mathew Leckie, 25, hat in 23 Spielen 724 Zweikämpfe bestritten, so viele wie kein anderer Bundesligaspieler. Er gibt keinen Ball verloren, dient bedingungslos seiner Mannschaft, arbeitet nach vorne und hinten. "Mathew", sagt Hasenhüttl, "ist ein Prototyp unserer Art Fußball zu spielen."

Baumstammartige Oberschenkel, unermüdlich im Zweikampf: Australiens Nationalstürmer Mathew Leckie (links, gegen Augsburgs Philipp Max).

(Foto: Johannes Simon/Getty Images)

Dass der australische Nationalspieler, der im Sommer 2014 vom damaligen Zweitliga-Konkurrenten FSV Frankfurt zum FCI kam, eine solch tragende Rolle in seinem System einnehmen würde, hatte Hasenhüttl bei Leckies Verpflichtung zunächst gar nicht erwartet, sagt er. Der Transfer galt als Coup, denn Leckie weckte bei der WM in Brasilien, vor der er sich bereits für den FCI entschieden hatte, das Interesse ganz anderer Klubkaliber. Vor allem mit seiner Qualität im Dribbling, die beim FCI nun systembedingt eher selten zur Geltung kommt. Denn Leckie hat sich dem Ingolstädter Spielstil untergeordnet.

In der vergangenen Zweitligasaison hatte er immerhin noch sieben Tore zum Aufstieg beigetragen. In dieser Spielzeit hat er bislang eines geschossen, in der Hinrunde beim 1:0-Sieg in Augsburg. Wie fühlt sich ein Stürmer in einem System, in dem er vor allem erster Verteidiger ist und 90 Minuten lang dem Ball hinterhersprintet; in dem er deshalb kaum Tore schießt?

Mathew Leckie sitzt vor dem Heimspiel am Samstag (15.30 Uhr) gegen den VfB Stuttgart entspannt in der Geschäftsstelle auf dem Vereinsgelände - und lacht. 724 Zweikämpfe, wow, das sei schon eine verrückte Statistik. Ja, sagt er: "Pressing ist immer gut. Es macht keinen Spaß, als Stürmer in der eigenen Hälfte zu warten." Balleroberer anstatt Dribbler? Leckie sagt: "Ich renne lieber den ganzen Tag ohne Ball, als dass wir ein Spiel verlieren." Verloren hat der FCI seit vier Spielen in Serie nicht mehr und in 25 Partien nur 26 Gegentore kassiert - auch, weil die Stürmer Gegenstöße oft schon im Keim ersticken.

Leckie über seine Rolle beim FCI

"Pressing ist immer gut. Es macht keinen Spaß, als Stürmer in der eigenen Hälfte zu warten. Ich renne lieber den ganzen Tag ohne Ball, als dass wir ein Spiel verlieren."

Leckie fehlte nur zuletzt beim 1:1 in Frankfurt, als Hasenhüttl viele Spieler schonte, und einmal in der Hinrunde wegen einer Gelbsperre. In allen anderen Spielen stand der 1,81 Meter große Australier mit den baumstammartigen Oberschenkeln als linker Flügelstürmer in der Startelf. Mit stampfenden Schritten sprintet er unermüdlich die Außenbahn entlang und wuchtet sich nach jedem langen Ball ins Kopfballduell. Jeder seiner Angreifer, sagt Hasenhüttl, habe seine Eigenarten.

Winter-Zugang Dario Lezcano sei ähnlich wie Leckie ein "Wühler", sagt der Trainer, der früher selbst ein Stürmer war. Der Paraguayer geht im Schnitt fast in genauso viele Zweikämpfe wie Leckie. Stefan Lex dagegen, sagt Hasenhüttl, warte auf Steilpässe, die besten Torschützen Moritz Hartmann (6 Treffer) und Lukas Hinterseer (4) wiederum kommen eher entgegen und empfangen die Vorlagen von Spielmacher Pascal Groß. Nur wenn sie nicht den Ball haben, ist die Aufgabe für alle gleich: angreifen, schon weit vor der Mittellinie.

724 Zweikämpfe

hat Mathew Leckie in bislang 23 Saisonspielen bestritten. Damit führt er die Ligastatistik vor Stürmer Sandro Wagner (697) vom SV Darmstadt 98 an. 43,9 Prozent seiner Duelle hat Leckie gewonnen - für einen Flügelstürmer ein beachtlicher Wert (zum Vergleich: Douglas Costa vom FC Bayern hat 51 Prozent seiner Zweikämpfe erfolgreich geführt). Das Spiel des FCI ist insgesamt sehr zweikampflastig. Nur Leverkusen und Bremen sind noch mehr in Duelle gegangen.

Das Ingolstädter Pressing "ist etwas Neues für die Bundesliga", sagt Hasenhüttl: "So extrem hat es noch niemand gespielt". Er klingt stolz dabei, denn die Taktik ist ja sein Entwurf, den er mit dem Verweis auf dessen Pragmatik tapfer gegen Kritik verteidigt. Destruktiv sei der FCI-Stil, heißt es oft. "Ekelhaft", nannte ihn der Hamburger SV. "Es ist unsere einzige Chance zu bestehen", sagt Hasenhüttl.

Leckie sagt, die Mannschaft habe nach dem Aufstieg zunächst daran gezweifelt, ob die Taktik auch gegen Bundesligisten funktionieren würde. Inzwischen zweifelt niemand mehr. Mittlerweile spricht Hasenhüttl in Ingolstadt bereits von einem entspannten Frühling. Dass seine Mannschaft mit dem 34. Spieltag die Klasse halten wird, nennt er "Fakt". Erstligafußball in Ingolstadt - daran hat sich auch der WM-Stürmer Mathew Leckie gewöhnt.

Es war ein schwieriger Start für ihn im Sommer 2014, Leckie kam erschöpft vom Nationalteam zum neuen Klub. Hasenhüttl schickte ihn erst mal mit einem Physiotherapeuten in den Sonderurlaub, gegen Leckies Willen. Doch seitdem ist er fit - und Stammkraft in einer Offensive, die so anstrengend ist, dass ihr Personal eigentlich rotieren muss.

Es ist nicht absehbar, dass der FCI seine Taktik in naher Zukunft ändert, kein Spieler habe sich getraut, das zu fragen, sagt Hasenhüttl. Nach einem Lachen fügt er ernsthaft hinzu, dass sein Team das System längst nicht ausgereizt hat: "Wir können deutlich mehr Tore schießen." Bislang sind es 19 in dieser Saison. Andererseits, findet Hasenhüttl, würden Tore in der Bewertung von Stürmern überschätzt. Die Arbeit gegen den Ball sei ihm viel wichtiger. Was Leckie angeht, sagt der Österreicher und lacht noch einmal, könne es sogar etwas Gutes haben, dass er gerade kaum trifft. "Mit einem Tor tun sich für einen Stürmer nicht so große Chancen auf, woanders hin zu wechseln." Und Mathew Leckie soll ja noch möglichst lange bleiben.