FC Ingolstadt Bis die Sonne untergeht

Schrei vor Glück: Pascal Groß (Mitte) bejubelt sein erstes und bislang einziges Bundesligator nach einem Fernschuss gegen Eintracht Frankurt.

(Foto: Armin Weigel/dpa)

Die Geschichte der Freistoß- und Eckballkünste von FCI-Mittelfeldspieler Pascal Groß beginnt vor 20 Jahren auf einem Bolzplatz in Mannheim-Neckarau. Jetzt hält seine Technik den Aufsteiger wohl in der Bundesliga.

Von Sebastian Fischer, Ingolstadt

Um sein Geheimnis zu lüften, zieht Pascal Groß die Badelatsche aus und streckt sein rechtes Bein über die Tischplatte: "Du machst deinen Fuß so zusammen", sagt er und drückt die Zehen in Richtung Fußballen, so dass seine weiße Socke Falten schlägt. Das Fußgelenk stabil, der Fußrücken eine Gerade. Dann soll der Ball über den Spann rutschen, fast bis zum Außenrist, damit er sich leicht zum Tor hin dreht. Seine Technik, nahezu perfekt gegen den Ball zu treten, macht Pascal Groß, 24, zu einem besonderen Fußballer. Ohne sie würde er an diesem grauen Märztag nicht das Sweatshirt mit der Nummer zehn eines Bundesligisten tragen; ohne sie würde zwei Etagen tiefer in der Lobby der Geschäftsstelle des FC Ingolstadt nicht ein Bild von ihm an der Wand hängen.

Der FC Ingolstadt 04 ist in seiner ersten Bundesligasaison eher für seine starke Defensive bekannt, die mit dem ständigen Anlaufen der gegnerischen Verteidiger schon in der Angriffsreihe beginnt. Doch so ganz ohne Kreativität und Spielwitz geht es natürlich auch nicht, und dafür ist Groß zuständig, als Zehner. Er schießt so präzise Freistöße und Eckbälle, schlägt so genaue lange Pässe wie kaum jemand in Deutschland. Ligaweit hat er mit die meisten Torschüsse vorbereitet, 73. Bei seinem ersten Bundesligator gegen Frankfurt schoss er den Ball aus 20 Metern genau an den Innenpfosten.

"Ich merke, dass ich den Gegnern Probleme bereiten kann, mit meinen Ideen und mit meinen Pässen", sagt Pascal Groß: "Ich fühle mich wohl in der Liga. Ich glaube, dass wir dahin gehören."

Groß, erzählen die alten Freunde, war der Verrückteste

Die Technik von Pascal Groß erklärt zu einem Gutteil den Erfolg des FC Ingolstadt. Doch die Technik von Pascal Groß erzählt auch eine Geschichte von Freundschaft und ehrlicher Liebe zum Fußball. Diese Geschichte beginnt vor 20 Jahren auf einem Bolzplatz in Mannheim, Stadtteil Neckarau.

Sie waren zu siebt, und sie spielten jeden Tag bis in den Sonnenuntergang. Sieben Jungs, deren Mannschaft beim VfL Neckarau jeden Gegner schlug, und die in der B-Jugend gemeinsam zur TSG Hoffenheim wechselten, um dort deutscher Meister zu werden: Manuel Gulde, Robin Szarka und Marco Terrazino sind Profis geworden, spielen für Karlsruhe, Cottbus und Bochum. Philipp Meyer, Marcel Gruber und Anthony Leviso arbeiten oder studieren. "Wir waren einfach verrückt nach Fußball", sagt Groß, der Siebte. Und Pascal, erzählen die Freunde, war schon immer der Verrückteste.

Loviso, 25, wollte natürlich auch immer Fußballer werden, doch er arbeitet inzwischen im Vertrieb einer Firma, die italienische Kunststoffartikel in Deutschland verkauft. Er sei einfach zu faul gewesen, sagt er ins Telefon und lacht, er hat längst abgeschlossen mit seinem Traum, schon okay. Irgendwie hat er ja seinen Anteil an der Bundesligakarriere des Freundes, vor jedem Spiel schickt er eine SMS. Pascal, sagt Anthony, war nie faul, sondern vor jedem Training schon da und hinterher länger auf dem Platz, mit seinem Vater. Stephan Groß, früher selbst Bundesligaprofi in Karlsruhe, war der Trainer in Neckarau. Die Fußhaltung beim Schuss ist sein Entwurf.

Vater Stephan Groß war der Lehrmeister

Immer wieder ist Pascal Groß damals schräg aufs Tor zugelaufen, Zehen in Richtung Fußballen, Fußgelenk stabil, Fußrücken gerade. Jeden Schuss hat Stephan Groß kritisiert. Am langen Eck vorbei, das ist der typische Fehler, sagt er: zu viel Innenrist. Trifft man den Ball zu weit oben, sagt der Vater, dann hoppelt er. Zu weit unten, dann fliegt er drüber.

Immer wieder haben sie das geübt, "hundertmal am Tag", sagt Stephan Groß, und irgendwann schoss und passte sein Sohn so präzise wie kein anderer in seinem Jahrgang. Er habe sich niemals etwas anderes vorstellen können, als Fußballer zu werden, sagt Pascal Groß. Und doch wäre sein Traum zweimal fast zerplatzt.

Zuerst in der Jugend in Hoffenheim: "Das war brutal", sagt er. 5.30 Uhr Aufstehen, 6.06 Uhr in den Zug, 7.11 Uhr am Bahnhof in Sinsheim, 7.30 Uhr Unterrichtsbeginn am Gymnasium, danach Training, nie vor 22 Uhr zu Hause. Sein Sportlehrer meinte, das würde nichts werden mit der Fußballkarriere, und in Hoffenheim fanden sie ihn zu dünn: "Es gibt Phasen, wo du in ein Loch fällst", sagt Groß.

Die zweite kam später in Ingolstadt. Im Sommer 2013, Groß war seit einem Jahr beim FCI, verpflichtete der Klub Marco Kurz als Trainer. Und Kurz erklärte dem Mittelfeldspieler, dass er fortan keine Chance mehr haben werde. Groß rief zu Hause an und sagte, er würde lieber wieder beim VfL Neckarau spielen, in der Oberliga: "Ich hatte Heimweh und wollte den Verein wechseln", sagt Groß, und es ist das einzige Mal während des Gesprächs, dass er konzentriert den Beutel in seinem Tee umrührt und nicht aufblickt.

Vom beinahe Ausgemusterten zum Werbegesicht

Doch immer dann, wenn er sein Ziel aus den Augen zu verlieren drohte, dachte er an seine Freunde, die jeden Morgen um 7 Uhr zur Arbeit gehen. Und er trainierte weiter, länger als die anderen, Schüsse, Flanken, Zehen eingeknickt, Fußrücken gerade: "Ich habe mich nicht unterkriegen lassen."

Die Laufbahn von Pascal Groß zeigt also auch, wie nah Scheitern und Erfolg im Sport beieinanderliegen können. Als Ralph Hasenhüttl Trainer wurde, erhielt Groß Vertrauen. Und der dankte es in der Aufstiegssaison mit sieben Toren und 23 Vorlagen. Er hätte auch zu anderen Erstligisten wechseln können.

Inzwischen ist Groß das Fernseh-Werbegesicht eines Elektromarkts. Viele Fußballer erzählen gerne davon, wie hart sie für ihren Traum gearbeitet haben, um sich mit den Geschichten zu schmücken. Groß wirkt nicht so: "Ich will das nicht normal werden lassen", das Leben als Fußballprofi, sagt er. Groß liebt den Sport noch immer so ehrlich wie wenige seiner Kollegen. Es gibt Vereinsmitarbeiter in Ingolstadt, die Fotos auf dem Handy haben, wie Groß ihre Kreisligaspiele besucht, "ehrlicher Fußball", sagt er. In Mannheim schaut er die Spiele seiner alten Kumpels und kickt auf dem Bolzplatz, wenn es geht. Und in Ingolstadt trainiert er fast an jedem freien Montag.

Es gibt ja auch noch viel zu verbessern. Groß könnte torgefährlicher sein, das zum Beispiel. Bislang hat er erst einmal selbst getroffen: "Pascals Schusstechnik", sagt sein Vater, "ist schlechter geworden."