FC Bayern vs. HSV "Die Schwächeren schlagen die Dümmeren"

Weil sie das Fest gegen Real nicht absagen können, hoffen die Bayern auf die Wirkung eines Tores.

Von Von Klaus Hoeltzenbein

Knapp eine Stunde war quälend langsam verstrichen, da schien von oben Hilfe zu nahen. Ein dunkelgelber Hubschrauber querte den Luftraum über dem Olympiastadion, in dem sich mancher gewünscht haben dürfte, er würde sich erbarmen, hinabsteigen und landen am Mittelkreis.

FC Bayern vs. HSV

Jubel kurz vor Schluss: Martin Demichelis unmittelbar nach seinem Tor in der 87. Minute

(Foto: Foto: AP)

Nothelfer würden heraus springen, die Unfallstelle sichern und mit rot-weißem Plastikband weiträumig absperren, damit sie so schnell nicht mehr betreten wird. Aber der ADAC flog weiter, der Allgemeine Deutsche Automobil-Club fühlte sich nicht zuständig für all jene, die eine Vollsperrung des Spielfeldes ersehnt hatten.

Auch eine halbe Stunde nach dem Überflug, als Schiedsrichters letzter Pfiff den Kreativitätsstau auf dem Rasen aufgelöst hatte, hatten sich die Augenzeugen längst nicht beruhigt. "Die Schwächeren haben die Dümmeren geschlagen", kommentierte Klaus Toppmöller, Trainer des 0:1 unterlegenen Hamburger SV, das Erlebte.

Und Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandschef des auf wundersame Weise siegreichen FC Bayern, zitierte seinen Präsidenten: "Das war, wie Franz Beckenbauer immer sagt, heute wie bei Obergiesing gegen Untergiesing."

Der Debütant hielt im Stile eines Handballtorwarts

Natürlich hatte es Versuche gegeben, die Spielblockade aufzulösen, auszubrechen aus dem Stillstand in der neutralen Zone, aber entschlossen vorgetragen wurden nicht mehr als zwei. Den ersten startete der HSV in Minute 23: Sergej Barbarez schickte David Jarolim mit Gefühl und Intuition auf eine Reise, die Michael Rensing, der Debütant, im Stile eines Handballtorwarts bremsen musste.

Der zweite Versuch war schon das Tor - lässt man außer Acht, dass sich HSV-Schlussmann Stefan Wächter in der 66. Minute nach Schweinsteigers Fernschuss - erstmals! - auf den Boden warf. Wirklich in Gefahr war bis zur 87. Minute nur die Statistik. Immerhin hatte der Veranstalter von einer Torgarantie gesprochen, weil es in 38 Bundesligaspielen zwischen beiden Teams nie ein 0:0 gegeben hatte.

Dass dies so blieb, war Martin Demichelis zu danken, der spät, aber nicht zu spät etwas tat, das eigentlich streng verboten war: Der Argentinier scherte aus und überholte die träge Masse quasi auf der Standspur (kaum mehr erinnerlich war, wann ein Verteidiger des FC Bayern nach der Eroberung des Balles je wild entschlossen mit nach vorne stürmte) - jedenfalls gab Demichelis Vollgas, während der Ball über Bastian Schweinsteiger zu Roque Santa Cruz lief.

"Real hat ja einen Spion hier"

Letzterer schüttelte Gegenspieler Schlicke ab und legte den Ball zurück, für die am Elfmeterpunkt auftauchende Defensivkraft. Bejubelt wurde das zweite Ligator von Demichelis, seit er im Sommer von River Plate Buenos Aires nach München kam.

In dieses eine Tor aber, Folge der einzigen konsequenten Spielkombination, projiziert der FC Bayern jetzt all sein Kalkül, seine Träume und Sehnsüchte. "Das Spiel macht mir eher Mut, weil wir in einer schwierigen Situation drei Punkte geholt haben", sagte Trainer Ottmar Hitzfeld, Schweinsteiger begrüßte einen schmerzlich vermissten Freund zurück: "Der Bayern-Dusel ist wieder da!"

Rechtzeitig vor dem Dienstag, an dem Zidane, Beckham, Ronaldo und all die anderen Realos erwartet werden. Nicht wenige werden während der HSV-Partie erwogen haben, ob es nicht besser sei, auf eine Spielverlegung zu drängen, derweil Rummenigge zur Halbzeit unkte: "Real hat ja einen Spion hier. Der glaubt wohl gar nicht, was er hier sieht."

Bangen um Ballack

Gut denkbar, nie zuvor war der FC Bayern vor einer wegweisenden Champions-League-Partie schlapper, selten war die Verletztenliste länger: Zu den Langzeit-Maladen wie Scholl, Deisler, Rau gesellen sich Kurzzeit-Patienten um Michael Ballack (Bronchitis), Claudio Pizarro (Knöchel), Oliver Kahn (Rücken) und den zur Pause gegen Demichelis ausgewechselten Robert Kovac (Oberschenkel).

Die größten Sorgen bereitet Ballack, der zwar am Sonntag mit der Mannschaft trainierte, von dem aber Teamarzt Wolfgang Peter sagt: "Hundert Prozent Fitness kann er am Dienstag nicht haben. Er ist geschwächt vom Infekt." Aus gesundheitlichen Gründen sei ein Einsatz kein Risiko, sportlich aber müsse der Trainer entscheiden, wie er mit Ballack plane.

Passend zu ihrer Form nehmen die Bayern nun öffentlich eine Demutshaltung vor den Königlichen ein. Auf zehn Prozent hatte Rummenigge die eigene Chance noch vor dem HSV-Spiel taxiert, jetzt erfolgte die Korrektur: "Ich glaube, da war ich zu optimistisch."

Liza, der Chef

Uli Hoeneß, der Manager, hat sich gerade via Welt am Sonntag in Madrid dafür entschuldigt, dass er die Beckham-Verpflichtung einst ein "Affentheater" nannte: "Ich habe längst meinen Hut gezogen vor der Leistung . . . seine Verpflichtung war ein genialer Schachzug von Real. Zusammen mit seiner Frau ist er absoluter Kult."

Noch aber liegen die Bayern nicht auf den Knien, es gibt ja keinen Grund, sich schon zu ergeben. Worauf sie setzen, hat Bixente Lizarazu gesagt: "Fußball ist ein sehr psychologisches Spiel. In drei Tagen kann sich sehr viel ändern." In seinem 143. Bayern-Spiel hatte der 1,69-m-Baske erstmals Kapitän sein dürfen. "Ich bin ein kleiner Chef, aber ein Chef", sagt Lizarazu. Und hofft mit seinem FC Bayern auf Wachstum.