Facholympisch (8) "Dabei sein ist alles!"

Es gilt als ein Grundprinzip von Olympia - dabei hat Pierre de Coubertin diesen Satz so niemals gesagt. Genauso falsch zitiert ist ein anderes vermeintliches Motto.

Von Jürgen Schmieder

Es gibt Sätze, die wurden so oft verwendet, dass man hin und wieder nachsehen muss, ob da nicht ein paar Gebrauchsspuren an beiden Enden zu finden sind. "Dabei sein ist alles" ist so ein Spruch, der stark unter Abnutzungsverdacht steht. Er kommt ja immer so wahr daher, wenn ihn jemand sagt, weil man irgendwie auch nichts dagegen sagen kann - außer Matthias Sammer vielleicht, für den ja alles außer Gewinnen nichts ist. Wenn man diesen Satz dann aber aus dem Mund eines deutschen Comedians hört, der sich diesen Gag ausgedacht hat: "Sex ist wie Olympia: Dabei sein ist alles!", dann muss man doch ein paar Rostflecken erkennen.

Der Satz "Dabei sein ist alles" erhielt in diesen Tagen neuen Glanz und neue Frische, als es um die Abstellungspflicht für das olympische Fußballtunier ging. Für die Brasilianer Rafinha und Diego schien die Teilnahme mit der Nationalelf alles zu sein, doch auch ihre Vereine Schalke 04 und Werder Bremen hätten ihre Stars beim Saisonauftakt gerne dabeigehabt. Der internationale Sportsgerichtshof Cas verfügte nun, dass für das olympische Fußballturnier keine Abstellungspflicht gilt. Werder, Schalke und Barcelona werden laut Dieter Hoeneß, Manager von Hertha BSC Berlin, trotz ihres Erfolges vor dem Cas vermutlich auf eine aufwendige und zu diesem Zeitpunkt für die Verein wenig sinnvolle Rückholaktion ihrer Leistungsträger verzichten.

"Dabei sein ist alles" gilt als olympisches Motto, es wird Pierre de Coubertin zugeschrieben - obwohl dieser den Satz nie sagte. Es war bei den Olympischen Spielen 1908 in London, als britische und amerikanische Sprinter heftig diskutierten, wer denn nun den 400-Meter-Lauf gewonnen habe. Coubertin sagte an diesem Tag: "Das Wichtigste bei den Olympischen Spielen ist nicht zu Gewinnen, sondern daran teilzunehmen."

Der Satz "Dabei sein ist alles" wurde nie von Coubertin gesagt - und selbst bei dem Satz, den er tatsächlich gesagt hat, gab Coubertin an, den amerikanischen Bischof Ethelbert Talbot zitiert zu haben. Forscher allerdings fanden heraus, dass Coubertin es nur deshalb als Zitat tarnte, um nicht den Eindruck zu erwecken, er wolle die britischen und amerikanischen Sportler abmahnen.

Ein anderes olympisches Motto gibt es ebenfalls nicht: "Höher, schneller, weiter". Coubertin zitierte seinen Freund Henri Didon, der den Spruch "Citius, altius, fortius" als Lebensziel für Sportler ausrief - und das bedeutet eben: "Schneller, höher, stärker".

Für mehr als 11.000 Sportler sollte es in den kommenden zwei Woche wichtiger sein, in Peking starten zu dürfen als unbedingt eine Medaille gewinnen zu wollen. Freilich soll jeder Teilnehmer versuchen, schneller, höher und stärker zu sein als die Konkurrenten. Aber wer glaubt, dass der Spruch von Pierre de Coubertin noch für viele Athleten eine Bedeutung hat, der glaubt wohl auch an eine chinesische Mannschaft ohne Doping und an ein Peking ohne Smog.