ERC Ingolstadt unterliegt Straubing Zeit für Ballett

Für den Vize-Meister Ingolstadt ist die Saison schon vor den Playoffs vorbei, die Straubinger feiern den Sieg in der Verlängerung.

(Foto: Armin Weigel/dpa)

Der Vize-Meister verpasst die Playoffs: Nach zwei Pleiten gegen die Straubing Tigers endet die Saison für Ingolstadt unerwartet früh. Dem Team fehlt in den entscheidenden Momenten der Killerinstinkt.

Von Christian Bernhard, Ingolstadt

Wie genau das passiert war, was soeben passiert war, wusste im ersten Moment keiner so recht. Timo Pielmeier, Torhüter des ERC Ingolstadt, schaute sich ratlos um, während zwei vor ihm liegende Teamkollegen noch damit beschäftigt waren, wieder auf die Beine zu kommen. Fakt war: Die Scheibe lag 113 Sekunden vor Ende des Spiels im Kasten der Ingolstädter. Selbst in der TV-Wiederholung musste ganz genau hinschauen, wer erkennen wollte, dass sie vom Stock des ERC-Angreifers Alexander Barta ins eigene Tor abgelenkt worden war. Straubings Kapitän Sandro Schönberger sprach hinterher von einem "Scheiß-Tor", das einfach "reingekullert" sei.

Dieser Gegentreffer war der Anfang vom Ende des ERC in den Pre-Playoffs der Deutschen Eishockey Liga (DEL). Die Straubing Tigers erzwangen durch das späte 1:1-Ausgleichstor am Freitagabend die Verlängerung - und sorgten dort in Person von Maury Edwards nach knapp sechs Minuten für die Entscheidung. Straubing steht im Viertelfinale der DEL; für Ingolstadt, den Meister 2014 und Vize-Meister 2015, ist die Saison vorbei. "Momentan ist alles leer", sagte Kapitän Patrick Köppchen, sein Trainer Kurt Kleinendorst erklärte, er habe nicht gedacht, "dass diese Saison so schnell endet." Kleinendorst gratulierte den Tigers aber artig, sie hätten "die Serie verdient gewonnen".

Ingolstadts Sportdirektor Jiri Ehrenberger steht in der Kritik

Um das frühe Scheitern des ERC zu erklären, muss man die komplette Spielzeit betrachten. Köppchen verwies bereits nach der Hauptrunde darauf, dass die Saison "alles andere als wunschgemäß" verlaufen sei. Spieler wie Brian Lebler, Danny Irmen, Tomas Kubalik, Brian Salcido, Barta oder Köppchen riefen ihr Potenzial selten oder zu unregelmäßig ab, wodurch Sportdirektor Jiri Ehrenberger, der vor der Saison Salcido, Lebler, Irmen und Kubalik verpflichtet hatte, schon während der Hauptrunde in die Kritik geriet.

Diese war turbulent verlaufen. Nach einem katastrophalen Saisonstart, der den ERC erstmals seit 2003 auf den letzten Platz der DEL-Tabelle geführt hatte und Teile der Fans dazu brachte, vom Ingolstädter "Eisballett" zu sprechen, wurde Trainer Emanuel Viveiros, der das Amt von seinem vorherigen Cheftrainer Larry Huras im Sommer übernommen hatte, im November entlassen. Die Mannschaft zweifelte damals derart an sich selbst, dass Interimstrainer Peppi Heiß öffentlich darauf hinwies, Selbstvertrauen sei nicht an der Tankstelle oder beim Supermarkt an der Ecke zu kriegen. Ende November übernahm Trainer Kurt Kleinendorst, der Ende der 80er-Jahre für den ERC in der Oberliga gespielt hatte, die Mannschaft. Er stabilisierte sie und führte sie, auch dank einer Serie von fünf Siegen in Serie im Februar, in die Pre-Playoffs.

Das Fehlen des verletzten Topscorers Brandon Buck macht sich bemerkbar

In den zwei Spielen gegen Straubing musste der ERC verletzungsbedingt auf Brandon Buck, den Topscorer und wichtigsten Angreifer des Teams, verzichten. Ein herber Verlust, der das Ausscheiden aber nicht alleine rechtfertigen kann. Natürlich habe Buck gefehlt, sagte Kapitän Köppchen, "was aber keine Ausrede sein soll, dass es nur daran lag. Wir hätten das als Team auch so kompensieren müssen." Das frühe Aus schmerzt umso mehr, da der ERC zu Beginn der Saison in der Champions Hockey League (CHL) gezeigt hatte, dass Potenzial und Qualität im Kader durchaus vorhanden sind. Damals hatten den Ingolstädtern in der K.o.-Runde nur wenige Sekunden gefehlt, um den späteren Turniersieger Frölunda Göteborg aus Schweden auszuschalten. Auch deshalb sagte Kleinendorst am Freitag zu Recht: "Mit dieser Mannschaft war mehr möglich."

Vor Spiel zwei hatte der 55-jährige Amerikaner betont, Meisterschaftsanwärter fänden einen Weg, auf "Alles oder Nichts"-Situationen zu reagieren. Seine Botschaft lautete: "Wir werden nun herausfinden, ob wir ein Meisterschaftsanwärter sind." Seit Freitagabend ist klar: Der ERC 2015/16 ist es nicht.

Ingolstadts Manko, das sich durch die ganze Saison gezogen hatte, war der fehlende Killerinstinkt. Kein einziges der sieben Spiele, das in die Verlängerung oder ins Penaltyschießen ging, gewannen sie - das achte am Freitag in Straubing besiegelte folgerichtig ihr Saisonende. Damit bewahrheiteten sich auch die Worte von Torwart Pielmeier. Der hatte zum Start der Serie erklärt, in den Playoffs gewinne jene Mannschaft "mit mehr Herz und mehr Kampf". Straubing hatte mehr davon.