Eiskunstlauf-Kinder Flügelschlag des Kolibris

Im Eiskunstlauf geht der Trend zur Häufung von Vierfachsprüngen - eine russische 13-Jährige setzt da neue Maßstäbe. Bei der WM in Mailand werden die Risiken sichtbar.

Von Barbara Klimke, Mailand

Eiskunstlauf ist ein frostiges Gewerbe; gerade erst hat Alina Sagitowa erfahren müssen, wie unbarmherzig kühl die Realität sein kann. Kaum war die junge Russin, 15 Jahre alt, im Februar in Südkorea zur neuen olympischen Eiskönigin gekürt, rief der Weltverband ISU drei Wochen später unsentimental die nächste "neue Ära" aus: Eine jüngere Athletin, Alexandra Trusowa, sprang noch höher und noch schneller. Trusowa brachte mit staunenswerter Präzision bei einem Junioren-Wettkampf in Sofia gleich zwei Vierfachsprünge, einen Toeloop und einen Salchow, zur Uraufführung. Das hatten bis dahin nur Männer geschafft. Und wenn Olympiasiegerin Sagitowa die neue russische Rivalin in dieser Woche bei der Weltmeisterschaft in Mailand nicht fürchten muss, dann hat das nur einen formalen Grund: Trusowa ist 13 - und damit bei der WM aus Altersgründen nicht startberechtigt.

Dieser schnelle Epochenwechsel, von einer 15-Jährigen zu einer 13-Jährigen, von Dreifach- zu Vierfachsprüngen in der Frauen-Konkurrenz, hat die Fachwelt überrascht. Zumal die bei Olympia entthronte zweimalige Weltmeisterin Jewgenija Medwedjewa auch erst 18 ist. "Wirklich erstaunlich", nennt Karin Knoll, die Eiskunstlauf-Expertin des Instituts für Angewandte Trainingswissenschaften in Leipzig, die Entwicklung. Über die Trainingsmethodik in Russland sei wenig bekannt, alle drei Läuferinnen kommen aus derselben Moskauer Eislaufschule, dort lasse man sich von der Konkurrenz ungern in die Karten schauen. Aus biomechanischer Sicht aber, sagt Karin Knoll, sei erklärbar, wie es einem Mädchen gelingen könne, viermal um die eigene Achse zu spindeln. "Junge Menschen haben oft einen Vorteil: Mit kleiner Masse und einem geringen Trägheitsmoment kann man schneller drehen."

Phänomenale Hüpfer: Olympiasiegerin Alina Sagitowa aus Russland, 15 Jahre alt, gehört auch bei der WM in Mailand zu den Favoriten.

(Foto: Bernat Armangue/dpa)

Mit welch geringen Flugzeiten die Eiskunstläufer bei ihren tollkühnsten Elementen rechnen, lässt sich für Laien oft kaum erahnen. Maximal 0,8 Sekunden wurden laut Expertin Knoll bei Vierfachsprüngen gemessen; das Geheimnis besteht darin, so schnell wie möglich in die geschlossene Position zu kommen - also die Arme an den Körper zu pressen -, und sie sehr spät wieder zu öffnen. Tatsächlich springt Trusowa gar nicht hoch. Aber sie dreht sich so schnell, dass es dem Betrachtern sogar bei Videowiederholungen schwer fällt, die Rotationen mitzuzählen; das Ganze erinnert an den Flügelschlag eines Kolibris.

Nun ist sie nicht die Erste mit Vierfachrotationen: Die Weltpremiere gelang der Japanerin Miki Ando vor 16 Jahren; auch gab es vor ihr bereits kindliche Eisköniginnen, etwa Tara Lipinski, Weltmeisterin mit 14 aus den USA. Trusowa aber hat zwei unterschiedliche Vierfache in Serienreife in Programm, was selbst in der Männerklasse nur Spitzenathleten vorweisen. Der Unterschied zu früheren Jahren besteht vor allem darin, dass es heute eine Vielzahl dieser phänomenalen jungen Hüpfer gibt, vor allem in Russlands Talentschmieden.

Hanyu will den Vierfach-Axel üben - wenn er gesund wird

Auch Alina Sagitowa, wie Trusowa von Trainerin Eteri Tutberidse angeleitet, kann die kompliziertesten Sprünge aneinanderreihen - fünf schaffte sie in Südkorea im Training. Wissenschaftlerin Karin Knoll kann hier ein wiederkehrendes Muster erkennen: "Immer dann, wenn die Konkurrenz im Eiskunstlauf sehr groß ist, wird das gesamte Wertungssystem ausgenutzt, um noch an Bonuspunkte zu kommen." Auf die Punkte für den Ausdruck kann sich ein Läufer dann nicht mehr verlassen. "Wenn alles ausgeschöpft ist, wenn es nicht weiter nach oben geht, kommt die Entwicklung neuer Schwierigkeiten", sagt sie. Man spricht vom "Deckeneffekt".

Sprungstärker als manche Männer: Alexandra Trusowa, 13.

(Foto: imago)

Alexandra Trusowa wird demnach nicht die Einzige bleiben, die neue Luftnummern zeigt. Auch wenn sie spüren wird, dass sich die Ausführung der Elemente erschwert, wenn sich in der Pubertät die Körperproportionen ändern. Bei den Männern gibt es Athleten wie Nathan Chan, die ihre Kür mit sechs Vierfachsprüngen spicken. Olympiasieger Yuzuru Hanyu hat erklärt, dass er als Erster den Vierfach-Axel vollbringen will; es wäre eine Weltneuheit: ein Sprung mit viereinhalb Umdrehungen.

Das Beispiel Hanyu zeigt indes auch die Schattenseiten dieser Entwicklung: Drei Monate musste der Japaner pausieren, weil er beim Vierfach-Lutz stürzte und sich am Bänderapparat im Knöchel verletzte. Eine Weile fürchtete er, nie mehr Schlittschuh laufen zu können. Zu Olympia kam er zurück, gewann Gold und muss nun weitere drei Monate medizinisch versorgt werden, weil der Fuß noch nicht ausgeheilt ist. In Mailand fehlt er wie Weltmeisterin Jewgenia Medwedjewa, die an den Folgen eines Stressbruchs im Fuß laboriert, und die Paarläufer Sui Wenjing und Han Cong. Diagnose ebenfalls: Ermüdungsbruch.

Dass die Zunahme dieser Verletzungen auf die riskanten Sprünge zurückzuführen ist, kann nur vermutet werden; die Belastungen für Knochen und Gelenke jedenfalls sind enorm, weil die Landung immer auf dem rechten Fuß erfolgt. Empirische Daten liegen nicht vor, sagt Stefan Pfrengle, Mannschaftsarzt der Deutschen Eislauf Union in Mailand und selbst ein ehemaliger Eiskunstläufer: "Man müsste zuverlässige Verletzungsmeldungen aus den vergangenen zwanzig Jahren haben, aber die wurden nicht erhoben." Pfrengle glaubt, dass die Entwicklung zu höheren Drehzahlen im Eiskunstlauf kaum zu stoppen sein wird, "im Sport geht es immer um höher, schneller, weiter"; verantwortliche Trainer seien gefordert, die Sportler vor Schaden zu bewahren, wo es nötig ist. Karin Knoll glaubt, dass möglicherweise trainingsmethodische Änderungen das Risiko mindern können; indem man zum Beispiel die Qualität der Anlauftechnik verbessert. Unterdessen kündigt Alexandra Trusowa an, dass sie bald auch den dritten Vierfachen in Angriff nehmen will.