Eishockey-WM in Dänemark Vorbeigetänzelt

Doppeltorschütze: Viktor Arvidsson (rechts) bejubelt den ersten seiner zwei Halbfinaltreffer gegen die US-Amerikaner.

(Foto: David W. Cerny/Reuters)

Schweden zieht ins Finale ein. Die Skandinavier überzeugen gegen die hoch eingeschätzten US-Cracks, stehen vor ihrer ersten Titelverteidigung seit 1992 und machen damit eine Schmach gegen Deutschland vergessen.

Von Johannes Kirchmeier, Kopenhagen/München

Knapp neun Minuten vor dem Ende hatte es Keith Kinkaid plötzlich eilig. Der Torhüter der US-Amerikaner flitzte los, aus seinem Tor Richtung Bank. Der geneigte Eishockey-Fan weiß jetzt schon: Das kann nichts Gutes bedeuten, wenn ein Torwart sich da schon auf den Weg macht. Und ja, die USA lagen im Halbfinale der Eishockey-WM in Dänemark zu diesem Zeitpunkt schon 4:0 zurück, Trainer Jeff Blashill startete also den letzten Versuch, noch irgendetwas an der drohenden Niederlage zu ändern und öffnete sein Tor für einen zusätzlichen Feldspieler.

Vergebens. Kinkaid saß noch nicht einmal richtig, da schoss der Schwede Viktor Arvidsson den Puck von der blauen Linie aufs leere Tor. Er hat in dieser Saison in der stärksten Liga der Welt, der NHL, 34 Tore für die Nashville Predators gemacht. Der Abschluss war also ein Leichtes für ihn: 5:0. 8:53 Minuten vor Schluss. Anschließend traf noch Adrian Kempe zum 6:0 (1:0, 3:0, 2:0)-Sieg. Es war der neunte Erfolg der Schweden im neunten WM-Spiel, sie sind das einzige ungeschlagene Team in Dänemark, und das einzige das daher noch nie umziehen musste. Alle Spiele hat die Mannschaft in Kopenhagen bestritten. Dort, wo auch das Finale gegen die Schweiz (Sonntag, 20.15 Uhr) stattfinden wird, die völlig überraschend Kanada 3:2 (1:0, 1:1, 1:1) besiegte.

Nach 26 Jahren kann Schwedens Eishockey-Nationalmannschaft also wieder einmal eine Titelverteidigung schaffen und damit auch die Schmach gegen Deutschland vergessen machen. Im Februar bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang schied das schwedische Team ohne NHL-Spieler ja im Viertelfinale gegen die DEB-Cracks aus. "Wir haben ein paar schnelle Tore erzielt, aber es war ein viel härteres Spiel, als es der Endstand vermuten lässt", sagte Flügelstürmer Gustav Nyquist, 2016 bester WM-Torschütze.

Die Entscheidung fiel dennoch bereits im zweiten Drittel, als die Schweden in einer Vier-Minuten-Unterzahl so spielten, wie es die skandinavischen Teams gerne tun: Sie ließen trotz der starken US-Powerplay-Formation um Ausnahmekönner Patrick Kane überhaupt nichts zu, blockten so viele Schüsse wie möglich, verteidigten also stark und spielten sich dann, als sich einmal die Chance ergab, umso flinker nach vorne. Die Schweden brillierten mit dem einfachen Spiel, sie spielten so wie sie es im Land der 96.000 Seen gelernt haben.

Der stärkste Scorer des Turniers sticht dieses Mal nicht

Und dank der Nordamerika-erprobten Sturmreihen, kein europäisches Land stellt ja mehr NHL-Spieler, fällt im Anschluss auch fast immer ein Tor. In der angesprochenen Vier-Minuten-Unterzahl war es Mikael Backlund, der sich den Puck schnappte und losflitzte. Vor Kinkaid machte einen Schlenker, der letztlich Kinkaid und ihn selbst so sehr verwirrte, dass der Angreifer den Puck und der Torhüter den Schläger verlor. Der mitgeeilte Karl Magnus Pääjärvi tänzelte am Schläger vorbei und schob den Puck über die Linie zum 2:0. Entnervt beendeten die US-Cracks anschließend die wegweisende Überzahl ohne eigenes Tor.

Das war ja der Schlüssel zu Schwedens Erfolg, dass ihr Torhüter Anders Nilsson wirklich alles parieren konnte und der zuvor so starke Kinkaid des Öfteren durchaus unglücklich aussah. "Wir haben uns auf jeden Wechsel konzentriert, jedes kleine Detail zählt", sagte Verteidiger Mattias Ekholm. "Ich denke, wir haben einen unglaublichen Job gemacht und Anders hat fantastisch gespielt." Zudem stach der stärkste Scorer des Turniers Kane, künftiger Teamkollege des deutschen Mittelstürmers Dominik Kahun bei den Chicago Blackhawks, dieses Mal nicht.

Dabei überzeugte das US-Team in den vergangenen Tagen in Dänemark durchaus. Jahrelang kämpfte die Mannschaft mit Absagen der wichtigsten Spieler. In diesem Jahr aber verfügten die USA mit dem schnellen Dylan Larkin, Johnny Gaudreau, Anders Lee und eben Kane über viel Qualität. Allerdings, wie sich nun zeigte, über nicht so viel Qualität wie die Tre Kronor (Drei Kronen). Die Schweden, die sich nun an diesem, wie sollte es anders sein, royalen Wochenende am Sonntag in der Royal Arena zu Kopenhagen zum Titelverteidiger küren können.