Doping-Vergangenheit Plötzliche Führungsschwäche

Die erste von drei Goldmedaillen in der Nordischen Kombination: Ulrich Wehling (Mitte) bei den Winterspielen in Sapporo 1972.

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Der stark belastete Ex-DDR-Funktionär Ulrich Wehling übernimmt einen neuen Posten im Skisport - der DOSB sieht sich trotz Bedenken nicht in der Lage, etwas dagegen zu tun.

Von Johannes Aumüller, Oberhof/Frankfurt

Die Spitzen des DOSB betonen gerne die Steuerungsmöglichkeiten, die sie im deutschen Sport haben. Sie rühmen sich, dass sie kriselnde Fachverbände, etwa die Curler, zur Kurskorrektur gezwungen hätten, auch beim Personal. Derzeit drängen sie auf eine Umbesetzung an der Spitze der Kölner Trainerakademie. Aber manchmal nehmen Steuerungs- und Führungsmöglichkeiten des Deutschen Olympischen Sportbundes offenkundig ein abruptes Ende - etwa dann, wenn es um die Einstellung eines schwer belasteten DDR-Mannes geht.

Da verweist der mächtige Dachverband auf die Autonomie der untergeordneten Strukturen. Am 1. Dezember soll Ulrich Wehling, 64, seine Arbeit als Geschäftsführer des Thüringer Ski-Landesverbandes beginnen. Wehling ist dreimaliger Olympiasieger (1972/1976/1980) in der Nordischen Kombination. Aber er ist vor allem ein Mann mit tiefer DDR-Sportsystem-Vergangenheit. Gemäß einer Bewertung der Chemnitzer Außenstelle der Stasiunterlagen-Behörde arbeitete Wehling "willentlich und wissentlich" mit dem Ministerium für Staatssicherheit zusammen. Er selbst bestreitet hingegen, für die Stasi tätig gewesen zu sein. Daneben war Wehling über viele Jahre im staatsdopinggesteuerten DDR-Skiverband für den Leistungssport zuständig; Anti-Doping-Kämpfer wie der frühere DDR-Langlauf-Trainer Henner Misersky berichteten schon früh und aus eigener Erfahrung, wie Wehling Repressionen gegen Trainer und Sportler mittrug, die sich dem Dopingsystem verweigerten. 1992 war er deswegen auf seinem Posten im Deutschen Skiverband (DSV) nicht mehr zu halten, wie der damaliger Sportdirektor Helmut Weinbuch einräumte.

In der DDR war Wehling in ein Dopingsystem eingebunden, nun wird er Herr über Jugendtrainer

Aber das alles macht nichts, ebenso wenig der Protest von Anti-Doping-Kämpfern. Den neuen Job soll Ulrich Wehling trotzdem kriegen, und Wilfried Hocke kann daran auch nichts Anstößiges finden. Er ist der Vizepräsident des Thüringer Ski-Landesverbandes. Der bisherige Geschäftsführer gehe aus privaten Gründen, und weil nun Eile geboten gewesen sei und Wehling sich früher schon einmal um den Posten beworben habe, hätten sie ihn jetzt verpflichtet. Zum Doping-Thema befindet Hocke, da sei nichts bewiesen. Und zur Stasi-Vergangenheit sagt er, das könne er nicht so genau beurteilen, aber in jedem Fall sei es nun 30 Jahre später, da müsse doch einmal Schluss sein.

So ist der Fall Wehling nicht nur ein weiteres Beispiel dafür, wie belastete Funktionäre der früheren DDR bis heute problemlos in wichtigen Ämtern unterkommen. Sondern auch dafür, dass die Spitze des deutschen Sports sich in solchen Fällen nicht in der Lage sieht, etwas dagegen zu unternehmen.

Es ist ja nicht so, dass Wehling ein Einzelfall wäre. Rolf Beilschmidt als Hauptgeschäftsführer des Thüringer Landessportbundes, der Skisport-Funktionär Thomas Pfüller, der Langlauf- und Biathlontrainer Frank Ullrich oder der Diskuswurf- Bundestrainer Werner Goldmann: alle ins DDR-System eingebunden - und alle bis heute (oder bis vor Kurzem) in wichtigen Funktionen des Sports aktiv. Die Liste ließe sich auch noch fortsetzen.

Diese Reihe klingt besonders bemerkenswert in diesen Tagen, in denen der deutsche Sport bekanntlich eine Leistungssportreform vorantreibt, die ganz viele Medaillen bringen soll und in der er bei Athleten schon früh Plakettenpotenzial ausmachen möchte. Der Ansatz erinnert manche ohnehin an alte DDR-Zeiten, und das wird noch prekärer, wenn Ex-DDR-Protagonisten diese Reform auch noch mitgestalten. Auch Wehling ist in seinem neuen Amt nicht nur der Marketing-Mann, der ob seiner internationalen Kontakte und seiner Funktionärserfahrung als Renndirektor beim Ski-Weltverband Fis dem Winterweltcup-Standort Oberhof eine bessere Perspektive verschaffen soll. Zu seinen Zuständigkeiten gehört gemäß Satzung etwa auch die Disziplinaraufsicht über die Nachwuchstrainer. Also die Übungsleiter, die aus dem Teenie-Nachwuchs von heute die erhofften Medaillengewinner von morgen formen sollen.

Entsprechend kritisch müsste der Vorgang eigentlich an der Spitze des Sports aufgenommen werden. Der deutsche Dachverband DOSB teilt auch mit, dass er wegen Wehlings Benennung durchaus Bedenken hat. "Auch wenn ein Geschäftsführer eines Landesskiverbandes nichts mit der Betreuung von Olympiakandidaten zu tun hat, halten wir die Entscheidung vor dem Hintergrund des Anti-Doping-Kampfes für nicht glücklich", sagt der DOSB-Vorstandsvorsitzende Michael Vesper der SZ. Aber, so betont er, die Landesverbände in Deutschland seien eben unabhängig und träfen ihre Personalentscheidungen eigenständig. Nahezu wortgleich äußert sich der Deutsche Skiverband - und betont ob des Hinweises auf Wehlings künftige Disziplinaraufsicht gegenüber den Thüringer Nachwuchstrainern, dass die Fachaufsicht bei ihm selbst liege.

So drängt sich jedenfalls die Frage auf, ob der deutsche Sport für einen glaubwürdigen Anti-Doping-Kampf nicht mal ebenso Führungsstärke zeigen könnte wie beim Wechsel an der Spitze der Trainerakademie oder im Sportdirektoren-Amt bei den Curlern.