Doping-Verdacht Schleck war Fuentes-Kunde

Der SZ liegen Fakten vor, dass im März 2006 6991 Euro auf das Fuentes-Konto unter dem aus der Puerto-Affäre bekannten Decknamen "Codes Holding" bei einer Genfer Bank eingingen. Absender: Frank Schleck.

Von A. Burkert

Bjarne Riis wohnt in der Nähe, am Luganer See, sein Haus steht angeblich neben der Villa eines der reichsten Schweizer. Der einstige Toursieger hat es demnach nicht weit bis zur Straßenrad-Weltmeisterschaft in Varese.

Frank Schleck (links) und sein Teamchef Bjarne Riis: "Natürlich sind uns die Namen bekannt", sagen die Ermittler.

(Foto: Foto: dpa)

Der Besuch dürfte jedoch recht unangenehm werden für ihn, denn wieder müsste er Fragen zum schlechten Image seiner Mission vernehmen. Sie stehen exemplarisch für die Zweifel an der Aufrichtigkeit des Radsports, wie er sich nach zwei weiteren schweren Krisenjahren auch wieder hier in Varese, Italien, präsentiert.

Kundigen Beobachtern ist nicht entgangen, welche Namen etwa beim Einzelzeitfahren unterwegs gewesen sind. Der Ukrainer Gontschar gab dort nach längerer Zwangspause sein überraschendes Comeback, er belegte Platz 15. Und als Elfter wurde erstaunlicherweise der Russe Gusew gewertet.

Gontschar ist vergangenes Jahr vom damaligen T-Mobile-Team wegen auffälliger Blutwerte entlassen worden. Wie auch Gusew diesen Sommer vom Astana-Rennstall - dringender Dopingverdacht. Aber Sanktionen oder wenigstens Reaktionen durch den Weltverband UCI oder die Landesverbände blieben aus. Sie feiern stattdessen WM.

Deckname "Codes Holding"

Ob die UCI überhaupt gewillt ist, konkreten Verdachtsmomenten nachzugehen, wird sich jetzt wohl auch in Riis' Sache erweisen. Denn seit dieser Woche ist nun amtlich bestätigt, dass nach seinem einstigen Kapitän Ivan Basso (die Sperre des teilgeständigen Italieners ist soeben abgelaufen) auch sein zweiter Ziehsohn Kunde des spanischen Doping-Doktors Eufemiano Fuentes gewesen ist.

Der SZ liegen Fakten vor, wonach im März 2006 exakt 6991 Euro auf das Fuentes-Konto unter dem aus der Puerto-Affäre bekannten Decknamen "Codes Holding" bei der Genfer Bank HSBC eingingen. Absender: Frank Schleck, der bei der Tour de France mehrere Tage das Gelbe Trikot trug, am Ende Sechster wurde - und am Sonntag bei der WM für Luxemburg mit Startnummer 65 antreten will.

Nach der ersten Veröffentlichung in dieser Sache (SZ vom 26.7.) hatte Schleck nicht nur im Heimatfernsehen noch entrüstet kundgetan, er kenne "diesen Herrn Fuentes nicht!" Die Existenz der ihn entlarvenden Überweisung an die Schlüsselfigur des weiterhin nicht einmal rudimentär aufgeschlüsselten Dopingskandals bestätigt nun allerdings Luxemburgs Oberstaatsanwalt Robert Biever.

Bundeskriminalamt bestätigt Weg der Papiere

"Ja, es gibt diese Kontobewegung von rund 7000 Euro an Herrn Fuentes, ich habe den Kontoauszug aus Deutschland erhalten", sagte er der SZ. "Ich habe diese Dokumente zu Schleck vor wenigen Wochen an die luxemburgische Antidoping-Agentur weitergegeben." Das in die Ermittlungen involvierte Bundeskriminalamt (BKA) bestätigte am Freitag ebenfalls den Weg der Papiere. "Luxemburg ist zuständig, deshalb haben wir die Unterlagen weitergeleitet", sagte BKA-Sprecherin Anke Spriestersbach.

Mit Luxemburgs Tourheld Frank Schleck, 28, ist nun also nach Basso und Jan Ullrich ein weiterer Hauptdarsteller der Szene als Klient des blutmischenden Gynäkologen aus Madrid bekannt. Dass Bjarne Riis, 44, dessen Mannschaft bei der Tour mit Carlos Sastre den Sieger stellte und das Rennen dominierte, in die Vorgänge eingeweiht oder sie gar initiiert haben könnte - darauf hatten bereits im Juli international tätige Fahnder hingewiesen. "Natürlich sind uns die Namen Schleck und Riis bekannt", hieß es damals von ermittelnder Seite.

Recherchen legten nahe, dass es sich bei Frank Schleck um den Fahrer mit dem Codenamen Amigo de Birillo handeln könne - der Nummer 25 in Fuentes' Kundenliste. Unter "Birillo" firmierte in den spanischen Polizeiakten Schlecks Freund Basso.

Der SZ liegen zudem in Italien bekannt gewordene Zeugenaussagen vor, wonach Riis und Frank Schleck schon im Dezember 2005 bei Fuentes gewesen seien. Seine Besten habe der Däne, der 2007 ein Dopinggeständnis ablegen musste, zu Fuentes gefahren - dieses Gerücht hält sich seit längerem im Peloton. Riis bestreitet alles. Als Mittelsmann wird jedoch Giovanni Lombardi gehandelt, der bis 2006 für Riis' Team fuhr - und Manager der Brüder Andy und Frank Schleck ist. Er lebt wie Fuentes in Madrid.

Bjarne Riis antwortete einfach nicht auf konkrete Fragen

Bjarne Riis hat das alles schon im Juli zurückgewiesen, zumindest indirekt - er antwortete einfach nicht auf konkrete Fragen. Am Freitag kommentierte er die Neuigkeiten zu seinem Musterschüler Franck Schleck erneut ausweichend: "Frank hat mir bestätigt, dass er nichts Falsches getan hat, nicht gegen Antidoping-Regeln verstoßen hat oder es beabsichtigte."

Frank Schleck selbst ließ sich fast gleichlautend ein. "Ich habe nicht gedopt", teilte er mit. Immerhin bestätigte er, dass er einen Termin habe "mit dem luxemburgischen Antidoping-Komitee. Natürlich werde ich mir Zeit nehmen, diese Sachen auch dort zu erklären".

Aber die Frage ist sowieso, ob derlei "Dinge", wie Schleck vielsagende Geschäfte mit Fuentes nennt, auf Interesse stoßen in diesem Problemsport. Er ignoriert ja nicht nur die Vergangenheit des Rückkehrers Lance Armstrong: Die UCI schwieg am Freitag in Varese zur Causa Schleck. Luxemburgs Antidoping-Behörde um Präsident Robert Schuler, im Sportministerium angesiedelt, sei wiederum nicht mit unabhängigen Experten besetzt, heißt es im Nachbarland. Von der Behörde gab es weder Donnerstag noch Freitag eine Reaktion auf eine Anfrage.

Nur Staatsanwalt Robert Biever, 59, hat bisher das getan, was er musste. Strafrechtlich sei die Sache in Luxemburg nicht sanktionierbar, betont er, "aber der Sport ist jetzt am Zug". Er habe es jedenfalls nicht halten können "wie der Kommissar Maigret, der immer sagt: ,Meine Herrschaften, es gibt nichts zu sehen, bitte zirkulieren Sie weiter!'"

Herr Biever sagt: "Das geht nicht, ich bin Staatsanwalt."