Doping-Verdacht A.C. wie Alberto Contador

Der Tour-Aufsteiger Contador wird in Spanien gedeckt - dabei ist er Fuentes-Kunde.

Von Andreas Burkert

Den Namen seines Idols hat Alberto Contador Velasco sehr bald in den Mund genommen, doch Lance Armstrong ist schon vorher irgendwie anwesend gewesen. Jeder hatte ja gesehen, wie der Spanier den schwersten Schlussanstieg der 94. Tour de France bewältigte - als würden für ihn die üblichen Gesetze der Schwerkraft nicht gelten. Contador preschte vorm Zielstrich auf dem Plateau de Beille spielend auch dem letzten Begleiter Rasmussen davon. "Hier einer der Nachfolger von Armstrong zu sein, ist eine große Ehre", sagte dann also Contador ergriffen, und dass der Texaner Vorbild des Madrilenen ist, klingt in vielerlei Hinsicht plausibel. Nicht nur, weil Contador angestellt ist beim Frühpensionär Armstrong, der Teilhaber seiner Mannschaft Discovery Channel ist.

Auch andere Parallelen zum Rekordsieger der Tour, von dem Positivproben aus der 99er-Rundfahrt existieren, sind markant, womit Contadors Etappensieg und sein Aufstieg bis Rang zwei des Klassements den Glauben an der Tour abermals erschüttern. Ihre Aura belasten bereits die Verdachtsmomente gegen Michael Rasmussen, zu dem der Figaro konzedierte, mit ihm behalte "ein schwarzes Schaf das gelbe Trikot". Doch die Entgegnung versendete flugs der Teamsponsor des Dänen, ein Geldinstitut: "Es gibt keinen Anlass, an ihm zu zweifeln."

Schneller oben als Armstrong

Auch Contador, 24, ist zu dem Kuriosum angesprochen worden, dass Rasmussen hier noch mitfahren darf, doch im Gegensatz zur angesäuerten Konkurrenz verweigerte er die Antwort, indem er entgegnete: "An so einem Tag, in so einem schweren Rennen kannst du über so etwas nicht nachdenken." Dabei wirkte er ganz munter nach seiner Rekordjagd über die 15,9 km der Pyrenäenrampe (44:08 Min.), mit der er die Vorleistungen seines dort zweimal siegreichen Patrons Armstrong (2002: 45:43 Min. / 2004: 45:30) glattweg unterbot. Ein schöner Leistungssprung für die einstige Nummer 391 der Weltrangliste, die 2005 bei ihrer ersten Tour Platz 31 belegte. Mit mehr als einer Stunde Abstand auf Armstrong.

Dass Contador, dieser schmale Kerl aus Pinto, einem kleinen Vorort Madrids, nun in Frankreich einen grinsenden Emporkömmling geben darf, mutet skurril an. Denn Contador hat als Musterschüler des im Mai verhafteten Liberty-Teammanagers Manolo Saiz eben nicht nur einen fünfjährigen Aufenthalt (2002 bis 2006) in einer erwiesenermaßen verseuchten Equipe genossen. Sondern er ist dort ebenso Kunde des spanischen Blutdoktors Eufemiano Fuentes gewesen - dies belegen die Akten der Guardia Civil, deren Arbeit bisher als zweifelsfrei und faktensicher gilt.

Contadors Name steht zum einen auf dem Dokument Nummer 31: Dort ist hinter dem Kürzel A.C. (das übrigens auch Contadors Internetseite eröffnet) der Name des früheren Liberty-Fahrers zusätzlich handschriftlich vermerkt. Bei der Liste handelt es sich um einem Liberty-Medikationsplan fürs Rennjahr 2005, und neben Contadors Name steht: "Nada o igual a J.J." - nichts oder wie bei J.J. Hinter J.J. verbirgt sich, wie der Ansbacher inzwischen zugegeben hat, Jörg Jaksche.

Jaksche, der am Montag in seiner Heimat seinen 31. Geburtstag feierte, hat in seinem Spiegel-Geständnis einen denkwürdigen Satz über Contadors Heimat zu Protokoll gegeben: "In Spanien konntest du dir die Epospritzen an die Autoscheibe pflastern, und es hat dich keiner angehalten." Gestern sagte er: "Die Kontrollverhältnisse haben sich dort wohl kaum geändert, obwohl das Interesse an einem verbesserten System durchaus da ist - nicht aber das Geld wie bei uns." Ganz bestimmt fehlt in Spanien der Wille zur nachhaltigen Aufklärung, wie die weiterhin ungelöste Puerto-Affäre um Fuentes belegt. Dass dessen Klient Contador trotz der Indizien nicht mehr auf der schwarzen Liste der UCI erscheint, gilt ebenso als großes Rätsel wie die weiterhin nicht zugeordneten 150 Blutbeutel. Zumindest im Falle Contadors ist die Lösung offenbar ein geheimnisvoller Deal.

Denn zum einen führt ein vierseitiges Schreiben der UCI zum Faktenstand beim systematisch gedopten Liberty-Team neben Jaksche und all den anderen ebenfalls Contador namentlich auf; zu ihm ist jedoch handschriftlich vermerkt: "Das Dokument 31 ist für die UCI nicht verfügbar." Das Schreiben ging im September 2006 an die Landesverbände und die Profiteams, es liegt der SZ vor. Dass indes ausgerechnet der Weltverband nicht im Besitz des Rationsplanes für Wachstumshormone und Ähnliches sein soll, dürfte ebenfalls der spanischen Abmachung geschuldet sein.

Bei Discovery geben sie sich erst gar keine Mühe, clean zu wirken

Denn dem Vernehmen nach hat sich Contador dem Verband nach der Puerto-Razzia als Zeuge angeboten - dafür forderte er seine Streichung von der Fuentes-Liste. Und so ist in Spanien die Causa Contador kurzerhand von der Agenda verschwunden, wie im ähnlich gelagerten Fall des Landsmannes Valverde; selbst ein seriöses Blatt wie El País, das lange die Affäre begleitete, ignoriert seit einiger Zeit die Verdachtsmomente - und schützt die Velohoffnungen der Nation.

Auch deshalb bleibt Contador unbehelligt, und nun führt er wohl die zweifelhafte Arbeit seines virtuellen Chefs fort. Auch Armstrong ist ja während seiner Karriere nie zu fassen gewesen und paktierte aus gutem Grund mit Funktionären wie UCI-Boss Verbruggen. Bei Discovery geben sie sich erst gar keine Mühe, clean zu wirken; die US-Crew verließ indigniert die Teamorganisation AIGCP und verpflichtete neben Contador registrierte Fuentes-Jünger wie Ivan Basso, Allan Davis und Sergio Paulinho (beide zuvor Liberty). Auf einen Dank an Armstrong hat Contador verzichtet, dafür erinnerte er rührend an seinen Förderer Saiz: "Er hat sich um mich stets gekümmert wie ein Vater."