Chronologie Im Schattenreich

Die Läuferin Julia Stepanowa ist die wichtigste Kronzeugin im Skandal um Doping im russischen Sport. Sie musste ihr Heimatland verlassen.

(Foto: Paul Zinken/dpa)

Wie die ARD-Dokumentation "Geheimsache Doping" im Dezember 2014 das größte Beben in der Geschichte der Leichtathletik auslöste - die Chronologie einer Affäre, die weitreichende Beweise für flächendeckendes, staatlich unterstütztes Doping lieferte.

3. Dezember 2014: Die ARD bringt den Skandal mit ihrer Doku "Geheimsache Doping: Wie Russland seine Sieger macht" ins Rollen. Weitreichende Beweise für flächendeckendes, staatlich unterstütztes Doping und Korruption im Leichtathletik-Weltverband IAAF erschüttern die Grundfesten der Sportart. Entscheidende Kronzeugen des ARD-Journalisten Hajo Seppelt sind die 800-Meter-Läuferin Julia Stepanowa und ihr Mann Witali Stepanow, zwischen 2008 und 2011 Mitarbeiter der russischen Anti-Doping-Agentur Rusada.

11. Dezember 2014: Der schwer beschuldigte russische Leichtathletik-Präsident Walentin Balachnitschew lässt sein Amt als IAAF-Schatzmeister ruhen. Ihm wird vorgeworfen, gegen Schmiergeldzahlungen zusammen mit Papa Massata Diack, dem Sohn des damals amtierenden IAAF-Präsidenten Lamine Diack, positive Dopingproben russischer Athleten vertuscht zu haben. Balachnitschew nennt die Anschuldigungen "tendenziös und grundlos"

12. Dezember 2014: Gabriel Dollé, Anti-Doping-Beauftragter der IAAF, tritt zurück. Offiziell aus Altersgründen.

16. Dezember 2014: Die Welt-Anti- Doping-Agentur Wada setzt eine unabhängige Untersuchungskommission ein. Den Vorsitz hat der ehemalige Wada-Präsident Richard Pound, zur Kommission gehört auch Günter Younger vom bayerischen Landeskriminalamt.

2. Februar 2015: Balachnitschew tritt als russischer Verbandspräsident zurück.

17. Februar 2015: IAAF-Präsident Lamine Diack weist jede Mitwisserschaft des Verbandes zurück. Im Interview mit der BBC erklärt der Senegalese: "Mein Verband arbeitet sehr, sehr hart im Kampf gegen Doping. Ich sehe keinen Grund, einen Dopingfall zu vertuschen."

27. März 2015: Die IAAF droht dem ARD-Journalisten Hajo Seppelt mit rechtlichen Schritten und verweist auf "ernste sachliche Fehler" in den Veröffentlichungen.

1. August 2015: Drei Wochen vor der Leichtathletik-WM in Peking kommen neue Vorwürfe ans Licht. Die ARD und die englische Tageszeitung Sunday Times veröffentlichen in einer zweiten Dokumentation "Geheimsache Doping: Im Schattenreich der Leichtathletik" unter anderem eine Datenbank der IAAF mit über 12 000 Blutwerten. Ein Drittel der bei Weltmeisterschaften und Olympia zwischen 2001 und 2012 gewonnenen Medaillen, darunter 55 goldene, seien von Athleten geholt worden, deren Blutwerte zumindest verdächtig seien. Die Dokumentation gibt auch Hinweise auf weit verbreitetes Doping in Kenia.

2. August 2015: Verbände und Autoritäten in Kenia und Russland weisen die neuen Vorwürfe unisono zurück.

4. August 2015: IAAF-Präsidentschaftskandidat Sebastian Coe nennt die Anschuldigungen "eine Kriegserklärung" an seine Sportart: "Die Idee, dass mein Sport Fehlverhalten vertuscht oder einfach nur inkompetent ist, könnte nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein." Die IAAF erklärt, die Anschuldigungen seien "sensationslüstern und verwirrend".

16. August 2015: IAAF-Präsident Diack lobt die Anti-Doping-Arbeit der IAAF: "Trotz der jüngsten Anschuldigungen habe ich keine Zweifel an der Qualität der Anstrengungen der IAAF über viele Dekaden. Sie waren außergewöhnlich".

19. August 2015: Sebastian Coe wird in Peking zum neuen IAAF-Präsidenten gewählt. Der Brite setzt sich gegen Stabhochsprung-Idol Sergej Bubka durch.

23. August 2015: Während der WM in Peking verteidigt Coe erneut seinen Verband und beklagt eine "selektive Darstellung".

24. August 2015: Die Wada reduziert die Dopingsperre der russischen Weltklasse-Läuferin Lilija Schobuchowa wegen "substanzieller Mithilfe" um sieben Monate. Sie hatte in der ersten ARD-Dokumentation zugegeben, sich den Olympiastart 2012 mit 450 000 Euro erkauft zu haben.

4. November 2015: Die französische Justiz leitet ein Ermittlungsverfahren gegen Diack und weitere Beschuldigte wegen des Verdachts der Korruption und Geldwäsche ein. Der IAAF-Sitz in Monaco wird durchsucht. Grundlage der Ermittlungen sind die Ergebnisse der unabhängigen Untersuchungskommission der Wada.

9. November 2015: Die Kommission stellt in Genf den ersten Teil ihrer Ermittlungsergebnisse vor und empfiehlt den Ausschluss des russischen Leichtathletik-Verbandes Araf aus der IAAF. Die Kommission stellt eine "weitverbreitete Betrugskultur" fest. Athleten seien erpresst worden, Ärzte, Trainer und Betreuer am russischen Dopingsystem beteiligt - unter Mitwisserschaft staatlicher Stellen. An der Spitze der IAAF sei ein weit verbreitetes Korruptionsgeflecht installiert worden. "Es ist schlimmer, als wir gedacht haben", sagt der Kommissionsvorsitzende Richard Pound.

10. November 2015: Das IOC entzieht Lamine Diack provisorisch die Ehrenmitgliedschaft. Einen Tag später tritt Diack als Ehrenmitglied zurück.

13. November 2015: Die IAAF suspendiert den russischen Verband. Russlands Leichtathleten droht damit das Aus für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro. Im Zuge des Berichts wird dem russischen Anti- Doping-Labor die Akkreditierung entzogen, die russische Anti-Doping-Agentur Rusada wird suspendiert.

27. November 2015: Die IAAF weist die in der zweiten ARD-Dokumentation erhobenen Vorwürfe, zu wenig gegen Blutdoping getan zu haben, entschieden zurück.

21. Dezember 2015: Neue Vorwürfe gegen Lamine Diack: Der Ex-Präsident soll auch den langjährigen Anti-Doping-Beauftragten Dollé bestochen haben.

22. Dezember 2015: Coes Büroleiter Nick Davies, unter Diack Kommunikations-Chef der IAAF, gerät in die Kritik. Er soll vor der WM 2013 in Moskau vorgeschlagen haben, die Veröffentlichung der Namen russischer Dopingsünder bis nach den Titelkämpfen zu verschieben und nur gemeinsam mit den Namen von Athleten aus anderen Ländern zu nennen. Noch am Abend gibt Davies bekannt, sein Amt ruhen zu lassen.

7. Januar 2016: Die Ethik-Kommission der IAAF sperrt Balachnitschew, Papa Massata Diack und den ehemaligen russischen Cheftrainer Alexej Melnikow lebenslang. Dollé wird für fünf Jahre ausgeschlossen.

13. Januar 2016: "Geheimsache Doping" erhält den Deutschen Fernsehpreis als beste Sportsendung.