Bob-WM Gold auf dem Vordersitz

Pilotin Anja Schneiderheinze (rechts) feiert mit ihrer Anschieberin Annika Drazek den WM-Sieg nach Bahnrekord in Igls, Österreich.

(Foto: Kerstin Joensson/AP)

Spät erreicht Bobfahrerin Anja Schneiderheinze den größten Erfolg ihrer Karriere. Mit 37 Jahren gewinnt sie im Zweierbob den Titel bei der Weltmeisterschaft in Igls.

Von Volker Kreisl, Igls

14 Jahre hat es gedauert, nun ist Anja Schneiderheinze am Ziel. Um 17.20 Uhr kam sie in Innsbruck zusammen mit Annika Drazek als Erste nach vier Läufen am Ende des Eiskanals an. Damit hat die Bobfahrerin aus Erfurt endlich einen bedeutenden und auch eigenen Titel errungen. Bedeutend war er, weil es der WM-Sieg war, und ein eigener Titel war es, weil Schneiderheinze dabei die Hauptrolle hatte, denn sie saß vorne, an den Lenkseilen.

Es ist nicht sicher, dass Anja Schneiderheinze noch bis zu den nächsten Olympischen Spielen 2018 weitermacht. Sie wird im April 38 Jahre alt, sie ist seit 2002 im Bob-Weltcup unterwegs. Die ersten fünf Jahre verbrachte sie auf dem Rücksitz, das aber mit einigem Erfolg. Als Anschieberin gewann sie 2005 Gold bei der WM in Calgary, 2006 wurde sie mit der Pilotin Sandra Kiriasis Olympiasiegerin in San Sicario/Turin. Das ist lange her, die Bahn in San Sicario gibt es mittlerweile nicht mehr, sehr wohl aber Anja Schneiderheinze.

"Da ist keine Krise"

2007 versuchte sie den Einstieg als Pilotin und nahm die Herausforderung an, sich gegen die Top-Lenkerinnen Kiriasis und Cathleen Martini durchzusetzen. Ganz schaffte sie das nie, erst als jene ihre Karriere beendeten, wurde sie zur Hauptfigur im deutschen Frauen-Team. Schneiderheinze trainierte hart, überwand Verletzungen und machte sich schließlich unverzichtbar. In Winterberg holte sie vor einem Jahr WM-Silber, in Igls nun Gold vor Olympiasiegerin Kaillie Humphries (Kanada) und Elana Meyers Taylor, der Titelverteidigerin aus den USA. Gleich dahinter platzierten sich Stephanie Schneider (Oberbärenburg) und Anschieberin Lisa Marie Buckwitz, zudem wurden Mariama Jamanka/Erline Nolte (Oberhof) Siebte. Bundestrainer Christoph Langen klang zufrieden: "Vor drei Jahren hat jeder gesagt, wenn Martini und Kiriasis aufhören, ist der deutsche Frauen-Bobsport tot, jetzt haben wir drei Schlitten unter den besten sieben, ich denk mal, da ist keine Krise."

Der Name Schneiderheinze war in Bob-Meldungen 14 Jahre lang eher nebenbei mitgeklungen, doch jetzt stand sie erstmals im Mittelpunkt, und zum Namen kommt fürs allgemeine Wintersportpublikum ein Gesicht hinzu. Mit großen Augen und freundlichen Gesichtszügen, aber eben auch schon mit ein paar feinen Falten aus einer langen Karriere.

Ihr größter Trumpf ist die Athletik

Irgendwann musste die ehemalige Eisschnellläuferin erkennen, dass sie eine solide Pilotin war, auch mit ordentlichem Fahrgefühl, dass ihr größter Trumpf aber die Athletik ist. Dank ihrer Sprintkraft war sie ja überhaupt erst in den Bob-Sport gekommen. Wirklich erfolgreich war Schneiderheinze vor allem auf so genannten Starterbahnen. Strecken, bei denen der Anspruch an die Ideallinie überschaubar ist, Fehler verzeihbar sind und es somit stark auf den Startvorsprung ankommt, der sich ja wegen des Hangabtriebs bergab stets vergrößert. Strecken wie Calgary, Winterberg oder eben Igls.

Auf der Olympiabahn von 1976 tat sie nun also das, was sie am besten kann, und hielt die Konkurrenz souverän auf Abstand. "Wir haben mit dem Start die Grundlage geschaffen und dann hat alles geklappt", sagte Schneiderheinze. Die Sprintkraft war auch nicht durch das neuerdings um 15 Kilogramm reduzierte Gesamtgewicht des Bobs beeinträchtigt, wegen dem auch das Körpergewicht reduziert werden musste. Am Ende verdeutlichten alle Zahlen, wie wichtig hier die Kraftwerte waren: 5,40, 5,40, 5,44, 5,42 Sekunden - das Siegerduo fuhr vier Mal Startbestzeit, jeweils mit knapp einer halben Zehntelsekunde Vorsprung.

Kurz vor dem letzten Ziel konnte sich Schneiderheinze sogar einen schweren Fahrfehler leisten, in Kurve acht geriet sie sehr weit nach oben, schlitterte danach ein Stück weit quer über das Eis, und für einen Moment gar auf nur auf einer Kufe. Die Zielankunft nach 14 Jahren konnte dies aber nicht mehr gefährden, wie Schneiderheinze mit der Logik der Schnellkräftigeren sagte: "Gut, dass ich diesen Vorsprung hatte."