Smart-Ship-Technologie Alle unter Kontrolle

Kleiner Helfer: Smart-Ship-Technologie an der Hand.

(Foto: Princess Cruises)

Eine innovative Technologie folgt Passagieren auf Schritt und Tritt: Mit einem Chip können sie Türen öffnen, bestellen, zahlen - und stets geortet werden.

Von Jutta Pilgram

Wenn der Passagier der Zukunft an Bord geht, ist er dort bereits bestens bekannt. Er muss sich nicht umständlich ausweisen und eine Karte an den Scanner halten, sondern spaziert einfach an einem freundlichen Stewart vorbei, der ihn mit Namen begrüßt. Die Kabinentür öffnet sich wie von Zauberhand, sobald er davor steht. Beim Flanieren an Deck findet er auf seinem Smartphone diskrete Empfehlungen, welche Sportangebote in der Nähe ihm gerade gefallen könnten und welche Mitreisenden ähnliche Interessen haben wie er. Und an der Bar stellt ihm der Kellner sogleich seinen Lieblingsdrink hin.

Möglich macht dies eine neue Technologie, an der die Reedereien MSC und Carnival seit einigen Jahren arbeiten und mit der sie nun schrittweise ihre Flotten ausrüsten: eine digitale Infrastruktur, die aus Tausenden unsichtbarer Sensoren an Bord besteht und die mit einem Funk-Chip verbunden sind, den jeder Passagier bereits vor der Reise nach Hause geschickt bekommt. Er kann dort seine persönlichen Vorlieben einspeisen, Ausflüge planen, Informationen über die Route abrufen und später auf dem Schiff einen Eisbecher ordern oder eine Massage buchen.

Der Chip dient also nicht nur als Bordkarte, Kabinenschlüssel und Zahlungsmittel, sondern kann auch per Smartphone, Tablet oder Kabinenfernseher bedient werden und mit Hilfe von Gesichtserkennung, dem Ortungsdienst GPS und den Funktechniken Wlan, Bluetooth und NFC sämtliche Dienstleistungen an Bord ausführen.

Bei MSC Cruises heißt die Technologie "MSC for Me". Im Juni lief das erste Schiff vom Stapel, das über alle digitalen Funktionen verfügt - die MSC Meraviglia. Im November soll die MSC Seaside folgen, im kommenden Juni die MSC Seaview. Nach eigenen Angaben hat die Reederei bereits 20 Millionen Euro in Entwicklung und Ausrüstung investiert und dafür mit Verhaltensforschern und Digitalexperten von Firmen wie Deloitte Digital, Hewlett Packard und Samsung zusammengearbeitet.

Das schlaue Armband lokalisiert die Kinder in Echtzeit - und weiß, wenn jemand über Bord geht

Die Carnival Cruise Line, zu der unter anderem die Princess-Flotte gehört, hat den Chip auf den eleganten Namen "Ocean Medallion" getauft. Ocean steht für "One Cruise Experience Access Network". Im November wird als erstes Schiff die Regal Princess mit der Technologie in See stechen, gefolgt von fünf weiteren Schiffen im nächsten Jahr. Damit der Chip nicht an ein billiges All-Inclusive-Bändchen erinnert, kann man beim "Ocean Medallion" unter verschiedenen Designs wählen und den Chip als Lederband, Armreif, Brosche oder lose in der Hosentasche tragen.

Die Smart-Ship-Technologie werde ein neues Zeitalter der Kreuzfahrten einläuten, jubeln die Anbieter. "Sie wird es uns ermöglichen, alle Bedürfnisse zu erfassen, noch bevor die Gäste an Bord sind", heißt es bei Princess. Aber vor allem erleichtert sie der Crew die Arbeit: So muss zum Beispiel bei Landausflügen nicht lange gezählt werden, ob alle Teilnehmer da sind. Der Chip, mit dem auch die Crew-Mitglieder ausgestattet sind, weiß Bescheid. Auch die Seenotübung lässt sich leichter organisieren, wenn alle Passagiere lückenlos geortet und nach Muttersprache sortiert an eine Stelle dirigiert werden können. Der Steward muss nicht mehr klopfen, wenn er putzen will, weil er weiß, ob die Kabine gerade frei ist. Und die "Echtzeit-Kinderlokalisierung", mit der MSC wirbt, ermöglicht es, die Position verloren gegangener Kinder auf fünf Meter genau zu bestimmen. Dann dürfte es künftig auch schneller auffallen, wenn eine Person über Bord geht oder vermisst wird.

Ein Kreuzfahrtschiff ist ein Mikrokosmos, in dem alles in geregelten Bahnen läuft. Wer eine Schiffsreise bucht, setzt auf Planbarkeit und will im Urlaub keine bösen Überraschungen erleben. Dafür akzeptiert er die Rundum-Kontrolle. Und auch die Anbieter von Kreuzfahrten schätzen es, wenn sie möglichst jedes Detail kalkulieren können. Denn die Versorgung von Tausenden Passagieren ist ein logistischer Kraftakt. Unzählige Mahlzeiten müssen zubereitet, Drinks gemixt, Kabinen geputzt, Ausflüge organisiert und Shows geprobt werden - alles auf engstem Raum.

"Die neue Technologie soll den Gästen helfen, alle Angebote auf dem Schiff schnell zu erkennen, damit sie mehr Zeit haben, ihre Reise zu genießen", heißt es bei MSC. Während der Passagier also nachmittags am Pool liegt, bereitet er sich auf den Landausflug vor, indem er per Virtual Reality sieht, was ihn erwartet. Oder er plant schon den perfekt optimierten Abend und ordert über das Smartphone ein Glas Wein, das genau in dem Moment serviert wird, in dem er nach dem Dinner im Theater Platz nimmt. Das allerdings bedeutet, dass er während der kostbaren Ferienzeit ziemlich viel auf seinem Handy herumtippt.