Reisebücher Sattelpoeten

Tim Moore fährt den ehemaligen Eisernen Vorhang mit dem DDR-Klapprad ab. Danny MacAskill radelt an Orte, an die andere sich nicht mal zu Fuß wagen. Walter Jungwirth nutzt auch die Nächte: Drei Berichte von extremen Radabenteuern.

Von Stefan Fischer

Das Meiste noch vor, aber immerhin das Schlimmste vermutlich bereits hinter sich hat Tim Moore, als er so selbstironisch wie -zufrieden befindet: "Es war nicht immer leicht, auf einem Klapprad eine überzeugende Figur abzugeben." Jedenfalls dann nicht, wenn man sich im März auf solch einem Vehikel durch das arktische Europa quält, in steifgefrorener, zu selten gewaschener Kleidung und mit einer Visage, die von einem Zauselbart zugewuchert wird und dort, wo keine Haare wachsen, sonnenverbrannt ist. Aber für Moore kam kein anderes Fahrrad in Betracht, um den Iron Curtain Trail zu bewältigen, als ein MIFA 900, ein Klapprad aus DDR-Produktion. Der Autor ist viel zu sehr Brite, also deutlich zu spleenig, zu albern und zu stilbewusst, als dass er eine bequemere Alternative in Betracht gezogen hätte, um den ehemaligen Eisernen Vorhang von der Barentssee bis zum Schwarzen Meer abzuradeln als eben einen Haufen Metallschrott, wie ihn Millionen Menschen besaßen, die für Jahrzehnte hinter dieser Grenze eingeschlossen waren.

Sein Bericht "Mit dem Klapprad in die Kälte" handelt aber nicht nur von einer kuriosen Selbstbeobachtung, deren Witz sowie auch deren Absehbarkeit aus einer mutwillig herbeigeführten Extremsituation resultiert. Sondern vor allem auch von der Beobachtung des Fremden. Die Kälte des Buchtitels meint nicht nur die Außentemperaturen: Je weiter Moore die lange finnisch-russische Grenze hinter sich lässt, desto geringer werden für ihn die klimatischen Herausforderungen. Er ist auf den mehr als 10 000 Kilometern aber unentwegt Menschen ausgesetzt, die sich nicht durch übermäßige Herzenswärme auszeichnen - und tun sie es doch, so lassen sie sich das nicht immer auf den ersten Blick anmerken. Die Wunde, die Europa vor mehr als 70 Jahren geschlagen worden ist, schwärt mancherorts immer noch. Die einstige Teilung des Kontinents bestimmt auch heute noch etliche Biografien. Darauf lenkt Moore den Blick immer wieder während seiner herausfordernden Jux-Tour.

An die eigenen Grenzen geht auch der Schotte Danny MacAskill, der mit seinem Rad nicht Strecke macht, sondern Orte befährt, an die andere sich nicht einmal zu Fuß wagen. Er ist Profi, dreht waghalsige Filme mit akrobatischen Stunts und erzählt nun in "Biken am Limit" davon - ein bisschen sehr pathetisch und altklug.

Um vieles charmanter beschreibt Walter Jungwirth eine Teilnahme am "Mille du Sud", einem 1000-Kilometer-Rennen durch die Provence und Ligurien in nur drei Tagen. Abgesehen von kleinen Schlafpausen radeln die Randonneure, wie sie sich nennen, auch nachts, um im Zeitlimit zu bleiben.

Bei aller Anstrengung nimmt Jungwirth aber auch die Landschaft intensiv wahr. Die drei Tage des Rennens sind, auch wenn man sich das schwer vorstellen kann, wie das Kondensat eines Urlaubs in den Südalpen. Wie poetisch Jungwirth den Sport mit der Lebensart dort zusammenbringt, ist meisterhaft. "Tausend Kilometer Süden" und auch "Mit dem Klapprad in die Kälte" sind insofern weitere Belege für die gute Arbeit des Covadonga Verlags, der seit 15 Jahren Radbücher publiziert, von denen eine ganze Reihe literarische Ansprüche haben - und diese auch erfüllen.

Walter Jungwirth: Tausend Kilometer Süden. Eine Erzählung vom Radfahren in den Bergen. Covadonga Verlag, Bielefeld 2017. 160 Seiten, 14,80 Euro. Danny MacAskill: Biken am Limit. Auf den Dächern und Gipfeln der Welt. Aus dem Englischen von Martin Bayer. Malik Verlag, München 2017. 304 Seiten, 16,99 Euro. E-Book 14,99 Euro. Tim Moore: Mit dem Klapprad in die Kälte. Abenteuer auf dem Iron Curtain Trail. Aus dem Englischen von Olaf Bentkämper. Covadonga Verlag, Bielefeld 2017. 384 Seiten, 14,80 Euro.