Reisebuch Die Schatzinseln

Bewohner und Besucher von Rügen und Hiddensee haben ihre ganz persönlichen Landkarten gestaltet. So entstand ein Atlas voller Liebeserklärungen.

Von Stefan Fischer

Wer quer über Rügen fährt, der lerne nicht eine, sondern gleich vier Inseln kennen, schreibt Ulla Mothes. So verschieden seien die Küstenstriche, so abwechslungsreich die Binnenlandschaften. Und da hat die Herausgeberin des charmanten Bilderbändchens "Mein Rügen. Mein Hiddensee" die westlich gelegene Schwesterinsel wahrscheinlich noch gar nicht eingerechnet.

Nun, Ulla Mothes untertreibt. Sie hat 75 Menschen gebeten, ein Blatt, welches die Umrisse von Rügen und Hiddensee zeigt, zu beschriften, auszumalen oder auf sonst eine Weise zu gestalten. Und so lernt man allein in ihrem Buch nicht vier, sondern 75 unterschiedliche Inseln kennen. Ulla Mothes hat dieses Experiment schon einmal mit Sylt gemacht, und weil die Küstenlinie der Nordseeinsel das nahelegt, ist sie oft personifiziert worden: Sylt als Badender, als Fußballer, als Nackttänzerin. Rügen hätte man womöglich in eine Burka hüllen können. Aber es geht in diesem Buch um Liebeserklärungen, nicht um Irritationen und Provokationen. Eine Fledermaus, das wäre wohl auch gegangen, aber auf diese Idee ist offensichtlich niemand gekommen. Und so sind die einzigen beiden Personifizierungen von Rügen und Hiddensee, die figürlich nicht so grazil sind wie Sylt, die beiden Gespenster, in die Anne C. Fuchs, eine Lehrerin, und Regina Louis, eine Korrekturleserin, das Insel-Paar verwandelt haben. Bei Fuchs ist es eher eine Art Wassergeist, durchaus ein bisschen unheimlich. Louis' Gespenst hingegen ist von Hui-Buh-hafter Freundlichkeit.

Diese beiden Bilder sind insofern symptomatisch, da allerhand Gedanken, Erinnerungen und Assoziationen durch das Buch spuken. Für jeden der Kartografen - so darf man sie ruhig nennen - sind die beiden Inseln etwas anderes, schon weil jeder von ihnen in einer unterschiedlichen Beziehung zu Rügen und Hiddensee steht. Da sind die Bewohner aus alteingesessenen Familien, da sind die Zugezogenen, die Stammgäste und die Gelegenheitsbesucher. Ein paar Prominente sind darunter, der ehemalige Radprofi Olaf Ludwig zum Beispiel, der einen einzigen minimalistischen Strich in seine Rügenkarte eingezeichnet hat - eine Etappe der Tour d'Allée, ein Hobbyrennen auf der Insel. Selbst dabei lasse sich die "Herbststimmung der Bäume" genießen, schreibt Ludwig.

Der Rhythmus von Rügen ist ein anderer als in vielen Gegenden auf dem Festland, speziell in Berlin, von wo etliche der Urlauber kommen. Besonders originell macht das Rebecca Schmidt kenntlich, eine Berlinerin, die die Insel zu einem Spielbrett verwandelt für eine Mensch-ärgere-dich-nicht-Variante, bei der es nicht so sehr darum geht, die anderen Spielfiguren zu schlagen, sondern bei der es etliche Felder gibt, auf denen man aussetzen muss - bis zu vier Mal für einen Ausflug hinüber nach Hiddensee, ansonsten ein bis zwei Mal, um Bernstein zu suchen in der Kreptitzer Heide, Kraniche zu beobachten rund um die Dorfkirche Landow oder die Leuchttürme am Kap Arkona zu besteigen und die Aussicht bis hinüber nach Dänemark zu genießen.

Manche der Rügen- und Hiddensee-Liebhaber vertrauen nicht auf ihre Zeichenkünste, deshalb haben sie ihre Karten beschriftet, mit Tipps und Widmungen, mit Anekdoten und Schwärmereien. Mathilda Althausen, eine Abiturientin aus Berlin, hat ihre Worte, eine Art Ferientagebuch, jedoch zu den Wellen gemacht, die an die Ufer schwappen. Sehr gut zeichnen kann hingegen der 14-jährige Taddäus Jelen: Die Inseln liegen in einer Hand, die sie behutsam aufhebt - um sie zu beschützen und aber auch, damit man sie neugierig betrachten kann. So jedenfalls sieht es aus. Rügen und Hiddensee wirken hier sehr fragil, ein Schatz, den es unbedingt zu behüten gilt.

Ulla Mothes (Hrsg.): Mein Rügen. Mein Hiddensee. Ein Atlas voller Liebeserklärungen. Fuchs & Fuchs Verlag. 96 Seiten, 12 Euro.