Reisebuch Die anderen Franzosen

Paris und Europa sind weit weg. Auch deshalb tickt die Bretagne heute noch anders als der Rest Frankreichs. In einem Sammelband, den Niklas Bender herausgegeben hat, erklären Bretonen und Wahlbretonen die Eigenarten dieses Menschschlags.

Von Stefan Fischer

Die Bretagne sättigt einen. Sie stille den Hunger nach Bäumen, nach Blättern, nach Gestaden, so der vor zehn Jahren verstorbene bretonische Schriftsteller Xavier Grall. Er beschreibt in einem kurzen Text, wie er in Paris alles stehen und liegen lässt, die "journalistischen Ambitionen, die Petit Fours bei Seuil ... die Metro", um sich zwar nicht den Bauch, aber - vielleicht wichtiger - die Seele vollzuschlagen. "Ich wollte die bretonische Mundart in meinem Kopf rollen hören, wollte das raue Schlurfen der Tavernentische hören, wollte wieder nach der Zeit der Kirchturmuhren leben."

Der Text ist ein Auszug aus einem Essay, der nun den Weg in die von Niklas Bender sorgsam zusammengestellte Anthologie "Bretagne. Eine literarische Einladung" gefunden hat. Er stammt aus dem Jahr 1977 und ist eine Antwort auf einen Roman von Pierre-Jakez Hélias, dem Grall Rückständigkeit und eine versteinerte Form der Folklore vorgeworfen hat. Nun geht es in dieser Anthologie nicht um längst beendete literarische Debatten, aber sehr wohl um die Frage, inwiefern die Realität der Bretagne übereinstimmt mit den Bildern, die wir uns von ihr machen - und die nicht selten Schriftsteller mit ihren Werken in unsere Köpfe pflanzen.

Insofern sind die literarischen Einladungen des Wagenbach-Verlags - und der Bretagne-Band fügt sich da wunderbar ein - nicht nur Fundgruben für die Entdeckung von Büchern und Autoren, sondern mindestens so sehr auch kluge Reisebegleiter. Weil die mehrheitlich fiktionalen Texte allesamt Wahrheiten enthalten, die den Charakter der Region und des Menschenschlags, der sie bewohnt, ganz trefflich und mitunter auch widersprüchlich beschreiben.

Es gibt einen starken Drang nach Freiheit. Aber auch Enge

Die Autoren sind Bretonen oder zumindest Wahlbretonen, weshalb zum Beispiel Gustave Flauberts Reisebericht über die Bretagne nicht auftaucht. Wobei sicherlich auch eine Rolle spielt, dass Flauberts Beobachtungen auf die aktuelle Situation nicht mehr ohne weiteres zutreffen. Das Verhältnis der Bretonen zu Frankreich hat sich im 20. Jahrhundert verändert, die bretonische Kultur ist nicht mehr so eigenständig wie in den Jahrhunderten davor - was wiederum zu folkloristischen Gegenbewegungen führt. Der Wandel hat im Ersten Weltkrieg eingesetzt, in dem überdurchschnittlich viele Bretonen gefallen sind, was den Überlebenden brutal vor Augen geführt hat, dass sie nicht für sich existieren und Paris und Europa weit weg sind. Die gemeinsame Bedrohung hat die einzelnen Regionen stärker aneinander gebunden.

Nichtsdestotrotz tickt die Bretagne heute noch anders als der Rest Frankreichs, auch wenn die Abweichungen nicht mehr so frappierend sein mögen wie früher. So erzählt Yann Queffélec anschaulich von der Andersartigkeit der Bretonen und vom Preis, den sie dafür immer wieder entrichten müssen. Eher nebensächlich und dennoch vielsagend: Das Meer ist den Einheimischen anders als den Touristen bis heute keine Vergnügungsstätte, wie Benoîte Groult schreibt in ihrem Roman "Salz auf unserer Haut". So werden Eigenarten kenntlich in dem Band, was zu unterscheiden ist von einfältigen Klischees. Es gibt einen starken Freiheitsdrang, den die Lage am Meer befördert. Aber auch Enge und Abgeschiedenheit.