Open-Data-Zugmonitor Verspätung für alle

Der Zugmonitor sammelt riesige Datenmengen über die Pünktlichkeit der Bahn. Auch Sie dürfen sie nutzen und auswerten - weil wir wollen, dass aus unserer Arbeit mehr entsteht. Erste praktische Service-Anwendungen für Bahnreisende gibt es schon.

Von Stefan Plöchinger

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

wir haben uns beim Zugmonitor-Projekt immer wieder gefragt, ob es eigentlich angemessen ist - angesichts dessen, was sich auf Deutschlands Autobahnen so staut. Dass die Bahn mal zu spät kommt, beklagt jeder gern, und wenn es im Einzelfall um Stunden statt Minuten geht, ist das richtig ärgerlich. Doch muss man die Bahn so herausheben, nur weil sie ihre Unpünktlichkeit wunderbar transparent im Internet mitteilt?

Nach dem Start von zugmonitor.sz.de und der ersten großen Auswertung im Frühjahr 2012 war diese Frage beantwortet. Nicht nur wegen der vielen Besucher auf der Seite und der vielen Berichte über das Projekt, das wir mit der Berliner Datenjournalismusagentur OpenDataCity gestartet haben. Sondern auch wegen des Zuspruchs von Bahn-Mitarbeitern - und von Programmierern, die sich über unseren Ansatz des offenen Journalismus freuen: Sie haben aus den Daten praktische Service-Anwendungen für Bahnreisende entwickelt.

Die ersten Veröffentlichungen vor einem Jahr waren für uns riskant. Wir schreiben auf den Internetseiten der Bahn zwar nur Daten mit, die ohnehin öffentlich sind - aber niemand wusste, ob sich der Konzern nicht durch Codeänderungen oder rechtliche Schritte gegen diese Protokollier-Aktion wehren würde.

Es ist dem Unternehmen hoch anzurechnen, dass nichts dergleichen passiert ist. Im Gegenteil haben uns Mitarbeiter des Konzerns in den vergangenen Monaten immer wieder für das Projekt gelobt: Endlich könnten die Deutschen nachvollziehen, wie komplex das System des Fernverkehrs sei. Man müsse das transparent machen, sagte ein Bahner bei einer Netz-Konferenz, bei der wir das Projekt vorstellten. "Die Leute wollen heute so schnell unterwegs sein, dass wir keine Zeitpuffer und Umsteigezeiten mehr einplanen sollen wie früher. Jetzt kann jeder sehen, warum eine so enge Taktung die Bahn nicht pünktlicher macht."

Weil wir unsere gesammelten Daten öffentlich zur Verfügung stellen (und nur bei kommerzieller Nutzung gefragt werden wollen), gibt es nun bis auf Weiteres eine Datenquelle zum deutschen Bahn-Fernverkehr. Wir nennen das offenen Journalismus: Wir wollen, dass unsere Arbeit kreativ weiter genutzt wird, weil wir glauben, dass wir gar nicht alles selbst machen können. Unter opendatacity.de/zugmonitor-api ist die Schnittstelle zu den Bahndaten beschrieben - und tatsächlich haben Programmierer schon spannende Anwendungen für Fahrgäste entwickelt:

  • @zugmon auf Twitter. Wer diesem Account folgt, wird über Verspätungen im Fernverkehr auf dem Laufenden gehalten. Wenn der ICE1234 verspätet ist, einfach auf Twitter nach dem Hashtag #ICE1234 suchen - @zugmon hat es mit Hilfe unserer Daten schon gepostet. Der Berliner Olaf Bottek beschreibt hier, wie er auf die Idee kam, weil er seine Freundin weder zu spät vom Bahnhof abholen noch zu früh da sein wollte.
  • Die Zugmonitor-App fürs Smartphone - bisher nur für Android (zum Download ...), geplant auch für andere Systeme. Tausende haben sie seit der Veröffentlichung im Dezember heruntergeladen. Der Nutzer kann einzelne Züge abonnieren, um über Verspätungen informiert zu werden. Kolja Dummann hat hier www.logv.ws/zugmonitor-app beschrieben, wie er das Projekt entwickeln will (wobei wir derzeit keine Pläne haben, auch den Regionalverkehr einzubeziehen; das wäre ein Vielfaches der Datenmenge).
  • Andere haben sich mit systematischen Auswertungen der Daten versucht, etwa hier.

Wir finden das spannend - und würden uns freuen, wenn wir in einem Jahr auf mehr solcher Anwendungen hinweisen könnten.

Offener Journalismus bedeutet für uns im Übrigen auch, dass wir freie Plattformen im Netz zur Aufbereitung der Daten benutzen. Für den Verspätungs-Atlas, den wir in diesem Jahr erstmals veröffentlicht haben, benutzen wir neben Microsoft Excel die kostenlose Hilfsprogramme Google Docs und Google Fusion Tables des US-Suchmaschinenkonzerns. Sie ermöglichen es, vergleichsweise simpel Daten auf Karten zu projizieren. Angenehmer Nebeneffekt für Sie als Leser: Auch Sie bekommen Zugriff auf die Rohdaten der Grafiken. Schauen Sie einfach hier nach, um mehr darüber zu erfahren.

Viel Vergnügen beim Stöbern - damit das Bahnfahren auch dann noch Spaß macht, wenn's mal wieder länger dauert. Mit besten Grüßen aus dem Zug, wo dieser Text gerade entstanden ist, Ihr

Stefan Plöchinger, Chefredakteur Süddeutsche.de