Mont-Saint-Michel Das Prinzip Toilettenspülung

Eine Insel ohne Wasser: Der Mont-Saint-Michel, einer der schönsten Orte im Norden Frankreichs, ist fast verlandet - jetzt soll er geflutet werden.

Von Gerd Kröncke

Dies ist einer der mythischen Orte Frankreichs, ein Bauwunder des Abendlandes, einer der Orte, die unvergesslich bleiben, wenn man einmal da war: Der Mont-Saint-Michel mit seiner charakteristischen Form ist, wie es Victor Hugo beschrieben hat, "eine phantastische Pyramide, von einer Kathedrale gekrönt".

Die "Kathedrale" ist ein Kloster, das seit Jahrhunderten die Bucht überragt, und aus der Ferne betrachtet, umgeben von Wasser, ist sie einer der schönsten Bauten Frankreichs. Aber über die Jahrhunderte war die kleine Insel Saint-Michel durch immer mehr Ablagerungen ans Festland herangerückt und längst war absehbar, dass sie ganz verlandet sein würde. "Der Mont-Saint- Michel muss eine Insel bleiben, wir müssen dieses gemeinsame Werk von Kunst und Natur um jeden Preis erhalten." Auch das hat schon Victor Hugo geschrieben, vor mehr als hundert Jahren. Nun endlich soll dieser Wunsch Wirklichkeit werden: Der Klosterberg oben an der normannischen Küste mit dem Gotteshaus und seinem mittelalterlichen Dorf soll wieder eine echte Insel sein.

Eine schlanke Brücke

Premierminister Dominique de Villepin, der vorige Woche aus Paris angereist war, hat nicht viele erfreuliche Termine in diesen Tagen. Dass er den offiziellen Baubeginn für die Rettung der Insel verkünden durfte, ließ ihn seine politischen Probleme für einen Moment vergessen. Wenn in sechs Jahren die Arbeiten beendet sein werden - derzeit geschätzte Kosten 164 Millionen Euro - wird die Episode Villepin vergessen sein.

Die Insel, die seit 1879 durch einen Damm mit dem Festland verbunden ist, soll dann über eine schlanke Brücke zu erreichen sein. Auch sie wird dazu beitragen, dass das Wasser besser abfließen kann. Auf Computeranimationen ist das Projekt schon einmal zu besichtigen.

Der Druck der Gezeiten

An der Mündung des Couesnon soll in den nächsten beiden Jahren ein Gezeitendamm entstehen, der bei Flut das Meerwasser in den Fluss strömen lässt, das bei Ebbe mit großem Druck wieder abgelassen wird. Damit wird, wie bei einer Toilettenspülung, der angeschwemmte Sand aus der Bucht zurückgedrückt. In einem Jahrzehnt soll sich so der Wasserpegel in der Bucht um siebzig Zentimeter erhöhen.

Noch im letzten Regierungsjahr von François Mitterrand war das Projekt beschlossen worden, vor mehr als zehn Jahren. "Bislang bestand die Politik im wesentlichen darin, die Parkplätze zu vergrößern, um dem Druck des Tourismus nachzugeben", sagt François-Xavier de Beaulaincourt, der den Bau leiten wird.