Kaderschmiede Oberhof Stets gut gespurt

Sportlerinnen im Januar dieses Jahres beim Biathlon Weltcup in Oberhof, Zentrum des nordischen Skilaufs.

(Foto: Martin Rose/Bongarts/Getty Images)

In Oberhof, dem "Deutschen St. Moritz", trafen sich von jeher Adelige, Ufa-Stars und Wintersportler; die einen, um zu kuren, die anderen um zu trainieren.

Von Rita Balon

Wenn Anfang Januar 2016 der Biathlon- Weltcup wieder über die Bühne geht, ist ganz Oberhof im Wettkampffieber. Mehr als zehntausend Zuschauer kommen täglich zur Rennsteig-Arena und feuern ihre Stars an. Seit jeher ist die Thüringer Wintersportmetropole das Zentrum internationaler Sportveranstaltungen. Schon 1953 gab es den Patrouillenlauf, einen Vorläufer des Biathlons, und 1984 fand erstmals ein Weltcup statt. Noch viel früher, nämlich 1931, richtete Oberhof als erster deutscher Ort die Bob- und die nordischen Skiweltmeisterschaften aus.

Wer wissen will, wie der Sport Oberhof geprägt hat, erfährt darüber fast alles im Doppelsitzer. In der urigen Kneipe von Hartmut Welsch, der die meisten Oberhofer Sport-Eigengewächse, darunter Frank Ullrich, Mark Kirchner und Sven Fischer, persönlich kennt, vermittelt jeder Zentimeter Sportgeschichte. Das kleine Lokal ist vollgestopft mit Olympia- und Sportdevotionalien aus den vergangenen achtzig Jahren. Immerhin hat Oberhof mehr Medaillengewinner hervorgebracht als jeder andere Ort auf der Welt.

Dabei begann alles ganz ohne Leistungsdruck. Bereits zur Kaiserzeit vergnügten sich der deutsche Adel und das Großbürgertum am Rennsteig beim Wintersport. Wer etwas auf sich hielt, erholte sich im höchstgelegenen Luftkurort der Region. Ufa-Stars wie Marlene Dietrich oder Willy Birgel gehörten zu den illustren Gästen. Damals schmückte sich Oberhof mit dem Beinamen "Deutsches St. Moritz".

Zu DDR-Zeiten wurde der Ort im Herzen des Thüringer Waldes systematisch zu einem Urlaubs- und Sportzentrum ausgebaut. Bettenburgen in Form von sozialistischen Plattenbauten entstanden, die nach der Wende wieder abgerissen wurden. Geblieben ist das Hotel Panorama, dessen Gebäudeteile wie zwei Sprungschanzen aus dem Ort ragen, sowie kleine, familiengeführte Traditionshotels und -pensionen mit klangvollen Namen wie Sonnenhang, Traumblick oder Vergissmeinnicht. "Wir wollen das Positive aus zwei Epochen abschöpfen", so die Stadtplaner. Dazu gehört auch der neu gestaltete Stadtplatz, "als verbindendes Element zwischen Ober- und Unterland", heißt es. Jedenfalls ist es vom Ortszentrum nur ein kurzer Spaziergang zu den international renommierten Sportstätten wie den Skisprungschanzen im Kanzlersgrund, der Biathlon-Arena oder der weltbekannten Rodelbahn. Hier können sogar Wagemutige, die den Nervenkitzel und den Rausch der Geschwindigkeiten à la Schorsch Hackl erleben wollen, mit einem Schaumstoffgefährt, einer Mischung aus Rennbob und Schlauchboot, durch den mehr als tausend Meter langen Eiskanal sausen. Auch echtes Biathlon-Feeling können Freizeitsportler hautnah spüren. In der Halle, ohne Einfluss von Wind und Schnee, dürfen sie im Liegen ans Gewehr. Doch selbst dann landen die Schüsse meist im Nirgendwo. Profis treffen nicht nur bei jedem Wetter. Sie gleiten auch bei schlechtesten Schneebedingungen elegant wie auf Schienen dahin.

Oben am Grenzadler, bei der Thüringer Hütte, dem Einstieg zu den Loipen am Rennsteig, zischen Weltklasse-Athleten im Affentempo an Otto-Normal-Langläufer vorbei. Der Klassiker unter den deutschen Fernwanderwegen wird während der Wintermonate nahezu auf seiner gesamten Länge gespurt. Im Sommer bevölkern Wanderer und Radfahrer den mehr als 168 Kilometer langen Kamm- und Grenzweg quer durch den Thüringer Wald.

Selbst in der schneefreien Zeit macht Oberhof seinem Namen als Wintersportmetropole Ehre. Dann brausen Schlittenfans auf Rollen die Bob- und Rodelbahn hinab, beim Mountainbike-Biathlon für jedermann versuchen Radsportler, ins Schwarze zu treffen, in der Skisporthalle ziehen Langläufer auf dem fast zwei Kilometer langen Rundkurs ihre Spuren. Hier liegt an 365 Tagen im Jahr Schnee.