Island Winter, Märchen

Die sagenhaften Seiten des Landes erlebt man besonders gut in dieser Jahreszeit. Ein Roadtrip durch Schnee und Dunkelheit.

Von Karoline Meta Beisel

Mit dem Auto unterwegs durch das tief verschneite Reykjavík. Der Weg ist versperrt: Ein Mann versucht, seinen Kombi über eine beeindruckende Schneewehe in eine Parklücke zu bugsieren. Aber es geht nicht voran, die Reifen drehen durch - bis ein paar dick eingemummelte Teenies helfen und von hinten schieben. Hoch auf den Haufen, dann rutscht der Wagen in die Lücke. Weiter geht's - ein Hoch auf den Allradantrieb - hinauf in die Sträßchen um die Hallgrímskirkja, die auf einem Hügel über der Stadt thront. Dann ist das Ziel erreicht: das Häuschen von Vilborg Davíðsdóttir.

"Winter is coming!", der Winter kommt, sagt Vilborg - in Island duzt man sich - zur Begrüßung an der Tür. Das Zitat aus George R. R. Martins Buchreihe "Ein Lied von Eis und Feuer", der Vorlage für die Fernsehserie "Game of Thrones", passt gleich doppelt: Erstens, weil der Autor sich von den Isländersagas inspirieren ließ und sich auch die Schriftstellerin Vilborg in ihren Büchern mit den alten Erzählungen befasst. Zweitens, weil der Winter tatsächlich gerade kommt. Eben war noch Herbst, und jetzt ist alles weiß. In der Morgensonne - also am späten Vormittag - glitzern an der Regenrinne "Grýlas Kerzen": So heißen Eiszapfen auf Isländisch, nach der gruseligen Trollfrau aus einer der vielen Geschichten, die man sich hier erzählt. Die Isländer sind seit jeher ein Volk der Geschichtenerzähler. Das wundert niemanden, der im Winter herkommt: Kaum ist die Sonne aufgegangen, geht sie auch schon wieder unter. Der Rest ist Dunkelheit, Lauschen oder, in Vilborgs Fall, Schreiben und Lesen: Das Esszimmer im ersten Stock ihres Häuschens ist bis unter die Decke vollgestopft mit Büchern; als gäbe es hier zu den Mahlzeiten nur Papier. "Ohne Bücher wäre es kein Zuhause", sagt sie. Die Sagas - etwa 35 gibt es - haben in dieser Erzähltradition immer eine besondere Rolle gespielt. Sie zählen zu den wichtigsten Kulturleistungen des Mittelalters, sind aber zugleich eine Art literarisches Stonehenge. Man weiß zwar, wann sie entstanden sind: im 13. und 14. Jahrhundert, auch wenn die Geschichten in den dunklen Wintern vermutlich schon viel länger erzählt wurden. Aber wer diese epischen Familiengeschichten aufgeschrieben hat, warum und wie viel Wahrheit in ihnen steckt, das ist bis heute ungeklärt. Neuen Auftrieb bekam die Saga-Forschung, als vor ein paar Jahren bei einer Genanalyse herauskam, dass die ersten Siedler mitnichten nur stolze Häuptlinge aus Norwegen waren. Der Großteil der Frauen nämlich kam von den britischen Inseln - vermutlich verschleppt, um bei der Besiedlung des unwirtlichen Eilands mit seinen dampfenden Felsspalten und rumpelnden Vulkanen zu helfen.

Unheimlich schön: der Blick durch die Windschutzscheibe. Man kann stundenlang nördlich von Reykjavík über die Ringstraße fahren, ohne jemandem zu begegnen.

(Foto: Beisel)

"Die Sagas sind meistens von Männern über Männer erzählt", sagt Vilborg. "Die Studie hat mich neugierig gemacht: Wer waren die Frauen?" Gerade arbeitet sie am letzten Teil einer Trilogie über Auður, die in der Laxdæla-Saga erwähnt wird, der Saga von den Bewohnern des Lachsflusstals. In Reykjavík kann man sie auch bei Vorträgen erleben.

"Wenn es eine Saga gibt, die von Frauen erzählt wurde, dann am ehesten die Laxdæla-Saga", sagt Vilborg. Auður - das "ð" spricht man wie ein weiches englisches "th" - kam mit ihrem eigenen Schiff aus Norwegen nach Island. Allein, ihr Mann und ihr Sohn waren zuvor gestorben. Mit den Büchern versucht Vilborg, Auðurs Geschichte zu vervollständigen, weil die Saga nur grobe Eckdaten enthält. Aber ob die überhaupt stimmen?

"Wir Isländer neigen dazu, die Sagas für bare Münze zu nehmen", sagt Vilborg. Als studierte Ethnologin ist sie selbst eher skeptisch, aber wenn dieselbe Person in mehreren Schriften auftaucht, ist das schon mal ein gutes Zeichen. Auður wird in mehreren Sagas genannt, und auch im "Landnámabók", dem Landnahmebuch. Das ist eine Art Gästebuch aus der Zeit der frühen Siedler, aber auch für Reisende interessant. Über Auður liest man dort zum Beispiel, dass sie 20 Männern, die sie auf der Reise begleiteten, in Island Land schenkte. Die Namen, die diese Männer ihren Höfen gaben, finden sich bis heute auf der Landkarte: Wo Vífill sich niederließ, ist "Vífilsdal", Hörður lebte in "Hörðudal" und so weiter.

Info Anreise: Mit Icelandair z. B. von Frankfurt nach Reykjavík hin und zurück ab 328 Euro, www.icelandair.de Unterkunft: Hotel Marina in Reykjavík, DZ ab ca. 130 Euro, www.hotelreykjavikmarina.com. Im Norden sind die Hotels spärlich, die Gauksmýri Lodge bei Hvammstangi hat auch im Winter geöffnet, DZ 118 Euro, www.gauksmyri.com Mietwagen: Reservierungen empfohlen, am besten ein Allrad-Fahrzeug. Aktuelle Informationen zum Straßenzustand auf www.safetravel.is und www.road.is Weitere Auskünfte: Allgemein zu Island auf www.inspiredbyiceland.com; Informationen über die Sagas und ihre Orte gibt es bei der Icelandic Saga & Heritage Association, www.sagatrail.is/en; eine vierbändige Neuübersetzung ist 2011 im S. Fischer-Verlag erschienen.

Das Land selbst hat die Sagas gespeichert. Und so begegnen die alten Geschichten jedem Reisenden, auch wenn er es selbst vielleicht nicht weiß - oder nicht sieht, weil der Winter sich wie eine dunkle Decke über das Land gelegt hat. Vor allem im kargen Nordwesten der Insel gibt es aber kaum einen Hügel oder Teich, der seinen Namen nicht einer der Sagas verdankt. Wenn man von Reykjavík Richtung Norden fährt - was länger dauert als gedacht, weil auf dem Weg alle Nase lang ein Fjord umfahren werden muss - kommt man bald in das Städtchen Borgarnes, wo alles nach "Brák" benannt ist, gesprochen wie ein holländisches "Brauck": Brákstraße, Brákgasse, Brákbucht. Klingt, als müsse dieser Brák ein toller Hecht gewesen sein. Allein: Brák war eine Frau.

In Egils Saga sind der Amme Brák gerade mal elf Zeilen gewidmet. Sie rettet den 12-jährigen Helden vor seinem vor Wut rasenden Vater und springt, als sich dessen Zorn gegen sie richtet, in den Fjord. Egils Vater wirft einen Felsen nach ihr, der sie zwischen den Schultern trifft. So endet Bráks kurzer Auftritt: "Keiner von beiden tauchte wieder auf." Mehr steht dort nicht über die Sklavin. Die Schauspielerin Brynhildur Guðjónsdóttir hat darum etwas Ähnliches versucht wie Vilborg und Brák und ihrem Leben ein ganzes Theaterstück gewidmet. Seine Premiere hatte es in dem kleinen, aber liebevoll bestückten Landnahmemuseum, der Hauptattraktion von Borgarnes.

"In den Sagas gibt es viele starke Frauen, aber sie kommen meist nur am Rande vor", sagt Brynhildur. "Dabei sind sie oft der Katalysator, der die Handlung antreibt." Als Beispiel erzählt sie eine Episode aus der Njalls-Saga. Darin gibt ein Mann seiner Frau eine Ohrfeige. Sie sagt, das werde sie nicht vergessen. Später belagern Feinde den Hof, dem Mann reißt die Bogensehne. Er bittet seine Frau, ihm eine Locke zu geben, damit er sich eine neue daraus machen kann. Sie sagt: "Dann werde ich dich jetzt an jene Ohrfeige erinnern. Es ist mir egal, was aus dir wird." Der Mann stirbt. "Die Frauen damals waren auf eine Art stärker als heute, schwierig wurde es erst mit dem Christentum", sagt Brynhildur. "Aber ich glaube, diesen Willen, sich zu behaupten, tragen wir immer noch in uns."

Am nächsten Morgen geht es weiter Richtung Norden, dorthin, wo selbst für isländische Verhältnisse nur wenige Menschen leben. Auf dem Weg bekommt man ein Gefühl dafür, wie die frühen Siedler im 9. und 10. Jahrhundert das Land erlebt haben müssen. In dieser Gegend ist schon im Sommer kaum etwas los. Jetzt, im Winter, kann man eine Stunde lang fahren, ohne ein anderes Auto zu sehen. Das ist faszinierend, aber auch unheimlich, zumindest bei Schnee und im Dunkeln: Was, wenn man jetzt eine Panne hätte? Als die Dämmerung heraufzieht, ist schwer zu sagen, wo die Berge aufhören und der Himmel beginnt, oder ist das da vorne schon der Fjord? Diffus graubläulich glimmt das ganze Land. Licht bringen nur die Scheinwerfer auf der schneebedeckten Straße, Kontraste nur die Islandpferde, die in der Landschaft stehen.

Am Húnafjörður, auf dem kleine Eisschollen schwimmen, öffnet sich der Blick. Hier liegt das Örtchen Blönduós. Im Sommer kommen Touristen her, um Lachse zu angeln. Jetzt hat das einzige Museum im Ort, das Textilmuseum, geschlossen. Jóhanna Pálmadóttir zeigt trotzdem, woran sie dort gerade arbeitet. "Wenn alles klappt, sind wir 2026 fertig", sagt die 57-Jährige.

In der ersten Etage der früheren Haushaltsschule steht eine riesige Apparatur mit Rollen an den Enden. Darin eingespannt ist eine schmale Stickarbeit von drei, vier Metern Länge - Jóhanna füllt gerade das Wams einer Männerfigur mit dunkelrotem Garn aus. 46 Meter lang soll der Wandteppich werden, nicht ganz so lang also wie der Teppich von Bayeux aus dem 11. Jahrhundert, das Vorbild dieser Arbeit.

Das Thema ihres Teppichs, an dem jeder mitsticken darf, ist die Vatnsdæla-Saga, die in dieser Gegend spielt. Darin geht es um Ingimundur, der für den norwegischen König Harald Schönhaar kämpfte. Designstudenten aus Reykjavík haben die Vorlage für die Stickerei gezeichnet, die meisten Stickhelfer sind Frauen aus dem Ort. "Der Teppich soll später in dem Kloster ausgestellt werden, in dem die Saga aufgeschrieben wurde", sagt Jóhanna. "Das ist mein Dank dafür, dass ich hier groß geworden bin." Mag sein, dass auch diese Saga mal von einem Mann über einen Mann geschrieben wurde. In Blönduós sind es jetzt die Frauen, die die Geschichte erzählen.

Auf der Rückfahrt nach Reykjavík verdunkelt sich der Himmel wieder. Diesmal ist es aber nicht nur die Nacht, ein Sturm ist angesagt. Gut, dass im Hotel noch ein dickes Buch wartet.