Von Antje Weber

Das kalte Hochland Boliviens hinter sich zu lassen, fällt leicht. Doch erst gilt es die Fahrt Richtung Chile zu überleben - und gleich hinter der Grenze den nächsten Schock.

Selten habe ich mich so darauf gefreut, ein Land zu verlassen. Allerdings war ich mir nicht sicher, ob ich die Grenze zwischen Bolivien und Chile jemals erreichen würde.

Bolivien, Grenze

Bolivien begrüßt seine Gäste und hat vor allem Naturschönheiten zu bieten. (© Foto: Jacobs/Weber)

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Es hatte tags zuvor schon etwas seltsam angefangen. Mit Mühe hatten wir in Uyuni am Rande der bolivianischen Salzwüste noch zwei Plätze in einem Jeep ergattert, der zur Grenze fahren sollte, um dort andere Touristen abzuholen. Nachmittags ging es los, Fahrer Eusebio raste auf einer Schotterpiste in die schnell hereinbrechende Nacht - und bog plötzlich auf einen noch schlechteren, einsamen Nebenweg ab. Dort hielt er auf ein Auto zu, das neben einem in der Dunkelheit flackernden Feuer auf uns zu warten schien.

Ein abgekartetes Spiel, um zwei Touristen auszurauben? Nein, nur zufällig Eusebios Bruder mit Familie, deren uralte Karre liegen geblieben war.

Das war am Vorabend. Jetzt war es früher Morgen, wir hatten uns in einer schlichten Herberge durch die Nacht gebibbert, und Eusebio hatte uns eine Stunde zu spät, aber immerhin, wieder im Hostal abgeholt. Offensichtlich hatte er die Nacht genutzt, um "San Viernes" zu huldigen, dem "Heiligen Freitag", in allen Andenländern jede Woche wieder Anlass zu ausufernden Besäufnissen.

Eusebio war so müde und betrunken, dass er fast am Steuer einschlief. Ihm fiel nicht einmal auf, dass wir drei Stunden lang das immer gleiche Lied einer festhängenden CD hörten. Eine sehr hohe Frauenstimme weinte mit vielen Tränen ("lágrimas") einem Feigling ("cobarde") nach, und ihre Melancholie verstärkte meine aufkeimende Angst bald ins Unerträgliche.

Das Auto schaukelte indes unkontrolliert vom linken zum rechten Straßenrand und wieder zurück, durch karge, felsige, grandiose Anden-Einsamkeit, unterbrochen von grün-blau-lila schimmernden Seen. Nur das Gerumpel über besonders hohe Steine schien Eusebio wachzurütteln, ein Stups in die Seite - oder eine Handvoll Coca. Davon hatte er wie alle Bolivianer reichlich dabei; kein einziges Stück Brot von seiner Familie, bei der er übernachtet hatte, nicht einmal eine Flasche Wasser.

In Bolivien, so konnte man schon in den Wochen zuvor den Eindruck gewinnen, zählt der Einzelne nicht viel. Man kümmert sich nicht sehr um andere, dazu hat man angesichts der schwierigen Lebensbedingungen vielleicht auch keine Kraft. Doch oft kümmert man sich nicht einmal um sich selbst.

Bolivien, dieses extreme Land, extrem in seinen Gegensätzen von Höhe und Klima, hat insbesondere im Hochland harte Menschen hervorgebracht. Menschen wie Eusebio, die für wenig Lohn unermüdlich arbeiten. Die ausgebeutet werden und sich selbst ausbeuten. Coca lässt sie alles ertragen; eine Flasche Schnaps am Abend hilft auch. Und wenn am nächsten Tag der Jeep gegen eine Felswand rasen sollte, dann scheint das irgendwie auch egal zu sein.

Lesen Sie weiter, warum sich unsere Autorin trotz allem bald wieder nach Bolivien sehnt.

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