Ende der Reise Stau vor der Krippe

Weihnachten, das Fest der Stille und der langen Winterspaziergänge? Natürlich nicht. Im Advent drängen sich die Menschen besonders gern zusammen. Manchmal so sehr, dass, wie nun in der Krippenstraße in Neapel, die Polizei einschreiten soll.

Von Hans Gasser

Nichts gegen Weihnachten. Warum aber muss dieses an sich schöne Fest, bei dem die zunächst vielfach unbeachtete Geburt eines Kindes in einem Stall gefeiert wird, in derartige Massenaufläufe ausarten?

Da könnten die Menschen einen schönen einsamen Spaziergang im Wald machen, der Schnee knirscht, die ersten Sterne erscheinen, Rauch von Holzfeuer liegt in der Luft. Aber was tun sie? Sie reisen viele Kilometer, um sich auf Weihnachtsmärkten in die Schlange vor dem Glühweinstand zu stellen und aus scheppernden Boxen "Last Christmas" zu hören. Christkindlmärkte erzielen immer neue Rekorde bei den Besucherzahlen, weshalb bald ganze Innenstädte ein einziger Weihnachtsmarkt sind.

Auf der anderen Seite des Globus ist es auch nicht besser. In Auckland in Neuseeland kommen zur traditionellen "Farmers Santa Parade", die hier seit nunmehr 84 Jahren stets im Hochsommer stattfindet, mehr als 4000 Teilnehmer und 10 000 Schaulustige. Auf Wagen, die sehr an den Kölner Karneval erinnern, werden außer dem Weihnachtsmann Disney-Pinguine, Drachen und Elfen aus Pappmaschee durch die Stadt gefahren, es gibt Kaltgetränke.

Jeder soll auf seine Façon weihnachtsselig werden. Aber die Nachricht, die nun aus der weihnachtlichsten aller Städte, aus Neapel, kommt, lässt einen doch etwas ratlos zurück. Dort gibt es eine weltbekannte Straße, die Via San Gregorio Armeno, in der die ebenso weltbekannten neapolitanischen Krippenbauer ihre Werke feilbieten. In der Adventszeit machen sie 70 Prozent ihres Jahresumsatzes. Da könnte es sie also freuen, wenn viele Besucher durch die enge Gasse kommen. Nun hat aber der Verband der Krippenbauer bei Neapels Bürgermeister darum gebeten, die Zahl der Besucher zu reduzieren. Man soll Polizisten aufstellen, und wenn die Zahl von 5000 Menschen in der Gasse erreicht sei, solle man sie zusperren, Numerus clausus sozusagen. Der Grund: In diesem Jahr sind so viele Touristen und Schaulustige unterwegs, dass in der Krippenstraße alles stillsteht. Endlich Stille, könnte man sagen, aber es muss wohl so ein Gedränge sein, dass jene, die eine kunstvoll gefertigte Heilige Familie kaufen wollen, gar nicht mehr an die Stände herankommen. Das Geschäft läuft also schlecht - wegen der vielen Besucher. Da konnten selbst der Papst, Berlusconi und der Fußballer Maradona kein Wunder bewirken, die hier auch als kleine Figuren angeboten werden. Der Bürgermeister hat sich noch nicht geäußert, und die Zeitung La Stampa schreibt: "Nachdem Jesus Brote, Fische und Touristen vermehrt hat, sage er uns doch wenigstens, wohin damit!"