Welthunger-Index 2008 "Schande für die Menschheit"

In marode Banken wird Geld investiert, in Entwicklungshilfe nicht. Dabei hungern noch mehr Menschen als der aktuelle Welthunger-Index angibt.

Von Stephanie Sartor und Lilith Volkert

Die Länder auf der großen Weltkarte sind rot, orange und grün gefärbt. Viele sind rot, manche orange, nur wenige Länder sind grün. Rot bedeutet: Hier hungern die Menschen.

Ingeborg Schäuble nimmt vor der Karte Platz und beginnt, über den Hunger auf der Welt zu sprechen. Die Vorsitzende der Welthungerhilfe präsentierte heute in Berlin den Welthunger-Index 2008 - und warf der Politik Nachlässigkeit in der Entwicklungshilfe vor.

Tatsächlich können Entwicklungshelfer von Summen wie den 470 Milliarden Euro, die die Bundesregierung gerade zur Rettung der Banken lockergemacht hat, nur träumen. Sie erhielten mit rund 12 Milliarden Euro im vergangenen Jahr gerade mal ein Vierzigstel davon.

Dabei wäre mehr Geld durchaus nötig: In 33 Ländern sei die Ernährungssituation "sehr ernst" bis "gravierend", heißt es in dem 40-seitigen Bericht mit dem Titel "Herausforderung Hunger". Das bedeutet: Hier sterben Menschen, weil sie zu wenig zu essen haben. In weiteren 32 Ländern sieht es kaum besser aus.

Während sich die Lage in Lateinamerika, Südostasien, im Nahen Osten und in Nordafrika seit 1990 zum Teil deutlich verbessert hat, gibt es im südlichen Afrika wenig Änderung. Die Länder, in denen die Menschen laut WHI am meisten Hunger leiden, liegen fast alle südlich der Sahara. Die Demokratische Republik Kongo, Eritrea, Burundi, Niger und Sierra Leone führen das untere Ende der Liste an. Dann folgen Liberia, Äthiopien, Tschad, Jemen und Angola. Außerhalb des afrikanischen Kontinents ist der Hunger in Tadschikistan, Bangladesh und Haiti am größten.

Bei Erscheinen schon veraltet

Es scheint das Schicksal aufwändiger Statistiken zu sein, bei ihrem Erscheinen bereits veraltet zu sein: Der heute vorgelegte Bericht basiert auf Daten, die zwischen 2001 und 2006 erhoben wurden - zu einer Zeit, in der die Nahrungsmittelpreise noch langsam, aber stetig sanken.

Doch seit gut zwei Jahren steigen die Kosten für fast alle Lebensmittel: Weizen kostet heute im Durchschnitt doppelt soviel wie 2003, Mais dreimal soviel. Der Preis für Reis hat sich sogar vervierfacht. Im Frühjahr dieses Jahres protestierten Menschen in mehreren Ländern - zum Teil gewaltsam - gegen die hohen Preise.

Vor diesem Hintergrund klingt das Fazit im Bericht der Welthungerhilfe, es gebe langsam Fortschritte bei der "Verbesserung der Ernährungssicherheit", etwas überholt: Es gibt 75 Millionen Hungernde mehr als im vergangenen Jahr. 969 Millionen Menschen leben heute von weniger als einem US-Dollar pro Tag, 162 Millionen davon müssen mit weniger als einem halben Dollar auskommen.

"Eine Milliarde Hungernde sind eine Schande für die Menschheit"

Zwei von drei Hungernden weltweit leben heute auf dem Land. "Dass ausgerechnet dort gehungert wird, wo Nahrungsmittel produziert werden, ist eine Folge jahrzehntelanger Vernachlässigung dieses Sektors", bemerkte Schäuble. Fast eine Milliarde Hungernde seien "eine Schande für die Menschheit." Und sie schoss hinterher: "Im Gegensatz zu den Banken sind sie nicht selbst schuld an ihrer Misere."

Die Vorsitzende der Welthungerhilfe fordert einen "Rettungspaket für die Hungernden": In Brüssel liegt noch immer eine Milliarde Euro brach, die ursprünglich für Agrarsubventionen vorgesehen war. Es wäre ein erster Schritt, wenn die Europäische Kommission endlich das Geld freigäbe, sagt Schäuble. Am 16. Oktober, dem Welternährungstag, soll in Brüssel darüber entschieden werden.

Der Welthunger-Index wird seit 2006 jedes Jahr von der Welthungerhilfe und dem Internationalen Forschungsinstitut für Ernährungspolitik (IFPRI) erhoben. Er soll den Vergleich zwischen Ländern und Regionen möglich machen - so will man Entwicklungen beobachten und erkennen, wo es besonders schnell zu helfen gilt.

Der Index wird aus drei Indikatoren berechnet - dem Anteil der Unterernährten Bewohner eines Landes, dem Anteil der untergewichtigen Kinder unter fünf Jahren sowie der Sterblichkeitsrate von unter Fünfjährigen - und bewegt sich zwischen dem bestmöglichen Wert von 0 und dem schlechtesten von 100. Der WHI aller westlichen Industriestaaten liegt unter 5, die Demokratische Republik Kongo hält mit 42,7 den weltweit höchsten Wert.