Vorwürfe der USA Nordkorea soll Syrien beim Bau einer Atomfabrik geholfen haben

Die Bush-Regierung legt als Beweise Fotos und Videos vor. Der Kongress fühlt sich übergangen, weil er erst spät informiert wurde. Syrien weist die Vorwürfe zurück.

Von Reymer Klüver

Die Veröffentlichung von Aufnahmen, die den Aufbau eines geheimen Atomprogramms in Syrien mit Hilfe aus Nordkorea belegen sollen, könnte sich zu einer weiteren Geheimdienstaffäre in den letzten Monaten der Bush-Administration auswachsen. Abgeordnete beider Fraktionen warfen dem Weißen Haus Missachtung des Kongresses vor, weil die Aufnahmen über Monate zurückgehalten worden sind.

Eine Aufnahme aus dem CIA-Video über den angeblichen syrischen Reaktor Kibar

(Foto: Foto: AP)

Die US-Regierung versuchte indes, den internationalen Druck zu erhöhen. Der Reaktorbau sei eine "gefährliche Entwicklung mit potentiell destabilisierenden Folgen für die Welt", hieß es in einer Erklärung. Syrien und Nordkorea sollten zugeben, dass sie an einer Anlage arbeiteten, die waffenfähiges Plutonium hätte erzeugen können. "Wir sind davon überzeugt, dass Nordkorea Syriens geheime Nuklearaktivitäten unterstützt hat", sagte die Sprecherin des Weißen Hauses, Dana Perino. Und die hätten sicher "nicht friedlichen Zwecken" gedient.

Der mutmaßliche Reaktorbau, etwa 150 Kilometer von der Grenze Syriens zum Irak entfernt, war Anfang September vergangenen Jahres durch einen israelischen Bombenangriff zerstört worden. Am Donnerstag veröffentlichte die CIA Fotos und Videos aus dem Inneren des Bauwerkes in Al Kibar in Syrien.

Sie weisen nach Aussagen von Experten Ähnlichkeiten zum Nuklearkomplex von Yongbyon auf, wo Nordkorea Plutonium für sein Atombombenprogramm gewonnen hat. Auf einem der Fotos ist der Direktor der nordkoreanischen Atomanlagen zusammen mit dem Chef der Atomagentur Syriens zu sehen. Im Hintergrund ist ein Auto mit syrischen Nummernschildern. Die Fotos waren nicht datiert. Nach Auffassung von Experten könnten sie bis zu sechs Jahre alt sein.

Die Geheimdienstleute hatten Kongressabgeordnete am Donnerstag im Auftrag des Weißes Hauses in mehreren Unterredungen unterrichtet. Danach sei eindeutig klar, dass die Konstruktion des mutmaßlichen Reaktors darauf hingedeutet habe, dass er nicht zur Energieerzeugung eingesetzt werden sollte und auch kaum für Forschungszwecke geeignet gewesen wäre. Der Bau sei zum Zeitpunkt seiner Zerstörung nur noch Wochen oder wenige Monate vor seiner Fertigstellung gewesen.

Angeblich Überreste beseitigt

Die Errichtung einer solchen Anlage unter höchster Geheimhaltung an so abgelegener Stelle deutet nach Auffassung der Bush-Administration zudem darauf hin, dass der Bau nicht friedlichen Zwecken habe dienen sollen. Zudem habe Syrien mit einer kontrollierten Explosion am 10. Oktober die Überreste der bombardierten Anlage beseitigt. Satellitenaufnahmen der Ruinen hatten den Verdacht bestätigt, dass es sich um einen Reaktorbau handelte.

Allerdings räumten die US-Geheimdienstexperten in den Gesprächen ein, dass wichtige Komponenten für ein militärisches Atomprogramm gefehlt hätten. So habe es keinen Hinweis auf eine Wiederaufbereitungsanlage gegeben, in der waffenfähiges Plutonium hätte hergestellt werden können. Deshalb hätte die CIA offiziell die Beweise für ein syrisches Atomprogramm als nicht unbedingt zwingend eingestuft. Auf der anderen Seite sei kein anderer Zweck für den Bau in Al Kibar denkbar als spaltbares Material für Atomwaffen herzustellen.

Die US-Administration räumte ein, dass es vor dem Bombardement der Anlage intensive Diskussionen mit der israelischen Regierung über die Geheimdienstinformationen gegeben habe. Israel habe die Anlage als "existentielle Bedrohung" eingestuft und sei von sich aus, "ohne grünes Licht von uns" vorgegangen.

"Niemand hat danach gefragt, niemand hat es gegeben", zitiert die New York Times einen hochrangigen Mitarbeiter des Weißen Hauses. Offenbar war den USA die syrisch-nordkoreanische Kooperation bereits seit 2003 bekannt. Die eindeutigen Beweise seien den Amerikanern aber erst im vergangenen Jahr zugegangen: Dutzende Fotos, die Konstruktionsarbeiten zeigen. Die Internationale Atomenergiebehörde IAEA kritisierte Washington für die späte Unterrichtung. Die IAEA war offiziell ebenfalls am Donnerstag von den USA informiert worden.

"Falsche Anschuldigung"

Unklar ist, warum das Weiße Haus sich zu diesem Zeitpunkt zur Veröffentlichung der Informationen entschlossen hat. Offiziell hieß es, man habe von einer Veröffentlichung direkt nach dem Bombardement abgesehen, um Syrien nicht zu einem Vergeltungsschlag gegen Israel zu verleiten. Die Gefahr sei jetzt nicht mehr gegeben. Tatsächlich veröffentlichte die syrische Botschaft in Washington lediglich eine Erklärung, in der von "falschen Anschuldigungen" die Rede war.

Zugleich, hieß es aus der Regierung in Washington, könne mit der Veröffentlichung der Aufnahmen der Druck auf Nordkorea erhöht werden, in den zähen Verhandlungen über das Ende des nordkoreanischen Atomprogramms endlich belastbare Zusagen zu machen. In einer Erklärung des nordkoreanischen Außenministeriums hieß es, die Verhandlungen würden in einer "ernsthaften und konstruktiven Weise" geführt.

Im Kongress herrschte indes Entrüstung darüber, dass das Weiße Haus selbst die Geheimdienstausschüsse erst Monate nach dem israelischen Bombenangriff die Beweise präsentiert hat. Der Vorsitzende des Geheimdienstausschusses im Repräsentantenhaus, Silvestre Reyes, ein Demokrat, sagte, dass die Administration einmal mehr unerlaubterweise den "Schleier des Geheimnisses" ausgebreitet habe. Der Republikaner Peter Hoekstra erklärte, das Weiße Haus habe den Kongress "acht Monate zu spät" unterrichtet: "Viele glauben, dass wir heute von der Administration benutzt worden sind, weil sie ganz andere Absichten verfolgt."

Al Kibar - der syrische Atomreaktor

mehr...