Vom DDR-Politoffizier zum Bundespolizisten Eine deutsche Karriere und ein Justiz-Albtraum

Sven Hüber, Funktionär bei der Gewerkschaft der Polizei und ehemaliger Politoffizier der DDR-Grenztruppen, prozessiert wegen der Preisgabe seiner Vergangenheit in verschiedenen Medien. Autor Roman Grafe, dessen Buch im Zusammenhang mit der Causa nicht mehr verbreitet werden konnte, schildert seine Sicht auf den Fall. sueddeutsche.de dokumentiert seine Erinnerungen.

An einem sonnigen Septembermorgen im Jahr 2005 bat mich die Postbotin, den Empfang eines Briefes zu bestätigen: Landgericht Berlin, lautete der Absender - was nun wohl die Postfrau von mir denkt, fragte ich mich und sagte Danke. Es war der Anfang eines Justiz-Albtraumes, der Beginn einer irrwitzigen Geschichte.

Einen Monat zuvor hatte mir der Berliner Rechtsanwalt Johannes Eisenberg geschrieben, "der gefürchtete Medienanwalt" (Der Spiegel), bei deutschen Gerichten verschrien wegen seines "cholerischen Temperaments" (Berliner Zeitung), ein "Juristen-Poltergeist" (Frankfurter Rundschau), eine "große Nervensäge" (FAS), "Psycho-Johnny" (ein Landrichter), "allein seine Stimme ist Körperverletzung" (eine Anwaltskollegin).

Diesmal vertrat Anwalt Eisenberg nicht Stasi-Minister Erich Mielke und dessen umbenannte SED und ihren Retter Gregor Gysi (gegen den Vorwurf, er sei ein Stasi-Spitzel gewesen).

"Allein seine Stimme ist Körperverletzung"

Diesmal vertrat der Advokat einen jener deutschen Karrieristen, die sich nach dem Ende der DDR zu Tausenden dem Klassenfeind angedient hatten, um weiter zweckmäßig zu funktionieren und die dafür vorgesehenen Belohnungen zu kassieren: Sven Hüber, Jahrgang 1964, in der DDR Politoffizier der Grenztruppen, im vereinten Deutschland Erster Polizeihauptkommissar, der zweithöchste Vertreter der Bundespolizei in der Gewerkschaft der Polizei (GdP). Als Hauptpersonalrats-Vorsitzender ist Hüber oberster Personalvertreter von mehr als 30.000 Bundespolizisten.

Ich hatte Sven Hüber in meinem Buch "Deutsche Gerechtigkeit. Prozesse gegen DDR-Grenzschützen und ihre Befehlsgeber" (Siedler-Verlag 2004) auf Seite 306 in einem Halbsatz erwähnt als heutigen Bundespolizisten und früheren Politoffizier in dem Berliner Grenzregiment, in dessen Bereich noch im Februar 1989 der Mauerflüchtling Chris Gueffroy erschossen worden war. Mehr nicht.

Allein der Umstand, eröffnete mir Anwalt Eisenberg, dass sein Mandant "einige Jahre bei den Grenztruppen gedient haben könnte" (!) rechtfertige nicht, ihn heute zu "deanonymisieren". Ich solle mich innerhalb von 24 Stunden verpflichten - bei Androhung einer "Vertragsstrafe von 10.000 Euro" - nie wieder den Namen seines Mandanten in solchen Zusammenhängen zu nennen.

Anderenfalls drohe mir ein Prozess. Für den zweiseitigen Anwaltsbrief, den ich als einen dreisten Erpressungsversuch verstand, sollte ich Johnny E. 1383,42 Euro überweisen. Ich wurde verklagt, ebenso der Siedler-Verlag. So steigen des Anwalts Honorare.

"Lebensgeheimnis"

Hüber, als Hauptpersonalsrats-Vorsitzender beteiligt an etlichen Karriere-Entscheidungen, möchte also ungenannt bleiben; sein Anwalt pocht auf "die Interessen des Klägers an seiner Anonymität".

Zuvor stand der Namenlose als Gewerkschaftsfunktionär mit vollem Namen im Spiegel, in der Süddeutschen Zeitung, in der Morgenpost usw. Dagegen hat er nichts, nur möchte mir Herr H. verbieten lassen, "seine privaten Lebenssachverhalte an die Öffentlichkeit zu zerren"; sein Dienst an der innerdeutschen Grenze müsse im "persönlichen Lebensgeheimnisbereich" bleiben.

Die Heimlichtuerei ist grotesk: Als "Sven Hüber, Stabsoffizier im Grenzregiment 33" hielt er im Berliner Mauermuseum 47 Vorträge über den "Dienst an der Berliner Grenze", vor Schulklassen etwa. (Apropos Lebensgeheimnis: Johannes Eisenberg vertrat als taz-Anwalt die Ansicht, der Phallus des Bild-Chefs sei von öffentlichem Interesse.)

Das Schulfernsehen der ARD widmete Hübers Leben in der DDR 2002 eine ganze Sendung: Sven als Baby, im Kindergarten, bei der Jugendweihe, als Grenzsoldat. Sein "erstes Leben" nennt es der Zeitzeuge Hüber. Schließlich: Hüber in seinem schicken Büro im Innenministerium und beim Biertrinken mit Bundesinnenminister Schily.

"Die Partei ist von ihm überzeugt"

Der Beitrag vermittelt den Eindruck, Sven Hübers Laufbahn sei geradezu zwangsläufig gewesen, da er als Heranwachsender einer totalen Indoktrination nicht entkommen konnte und keinerlei Zweifel an dem ihm vermittelten Weltbild hatte: "Die ostdeutschen Kommunisten sind von ihrer Politik überzeugt. (...) Sven Hüber ist überzeugt. (...) Die Partei ist von ihm überzeugt." Dabei wird verdrängt, dass Millionen andere Menschen in der DDR genauso indoktriniert worden waren, ohne eine solche Karriere anzustreben und sich sogar bewusst vom SED-Staat abwendeten.

Der Beitrag unterschlägt die Tätigkeit Sven Hübers als Politoffizier im Grenzregiment 33 und somit seine herausragende Verantwortung beim Durchsetzen des "ideologischen Schießbefehls" (Zitat Landgericht Berlin im Urteil gegen die SED-Führung wegen der Tötung Chris Gueffroys).

Als Jugendinstrukteur des Regiments war Sven Hüber (für ein doppeltes Facharbeitergehalt) mitverantwortlich für die Erziehung "zum tiefen Klassenhass gegen die Feinde des Sozialismus" sowie für "die Ausprägung der Bereitschaft, jeden Befehl widerspruchslos zu erfüllen".

Der Beitrag verschweigt auch die leicht zu recherchierende Tatsache, dass Hüber schon in seiner Diplomarbeit (1987) ein umfangreiches "klassenmäßig geprägtes Feindbild" aufgebaut hatte, zur "politisch-moralischen Vorbereitung der Angehörigen der Grenztruppen der DDR auf den Grenzdienst". Dabei bezeichnete er das mörderische DDR-Grenzregime als legitim. Das Thema der Arbeit war sein späterer Arbeitgeber: "Der Bundesgrenzschutz als Instrument imperialistischer Macht- und Herrschaftssicherung".