Vergewaltigungsvorwurf "Da hat es nur einen Funken gebraucht"

Russlanddeutsche demonstrierten gegen Flüchtlinge. Der Pfarrer Helmut Küstenmacher erklärt, wie es kommt, dass Einwanderer an der Seite von Fremdenfeinden auf die Straße gehen.

Interview von Ulrike Heidenreich

Das Schicksal eines vorübergehend verschwundenen 13-jährigen Mädchens in Berlin beschäftigt nun auch Russlands Außenminister Sergej Lawrow. Das Mädchen, das aus einer russlanddeutschen Familie stammt, hatte angegeben, am 11. Januar von drei "südländisch" aussehenden Männern vergewaltigt worden zu sein. Die Ermittlungen des Landeskriminalamtes hatten jedoch weder Hinweise auf eine Entführung noch eine Vergewaltigung ergeben. Am Dienstag wurde bekannt, dass die Staatsanwaltschaft gegen zwei Männer ermittelt; wegen des Verdachts, dass es vor dem Verschwinden des Mädchens einvernehmliche Sexualkontakte zu den Männern gab. Dies wäre Kindesmissbrauch, eine 13-Jährige gilt als Kind.

Lawrow forderte am Dienstag in Moskau eine lückenlose Aufklärung von den deutschen Behörden. "Die Informationen wurden während ihres Verschwindens aus einem unbekannten Grund sehr lange vertuscht." Vorausgegangen waren am Wochenende Demonstrationen Tausender Russlanddeutscher in mehreren deutschen Städten gegen Gewalt von Ausländern. Die Spätaussiedler waren wohl einem im Internet verbreiteten Aufruf gefolgt. In russischen Medien war ausführlich über den Fall berichtet worden, oft verfälschend und zugespitzt. Ein Gespräch mit dem Ingolstädter Pfarrer Helmut Küstenmacher über die Hintergründe:

Angst vor den Fremden: In mehreren deutschen Städten demonstrierten Russlanddeutsche gegen kriminelle Ausländer.

(Foto: Marc Eich/dpa)

SZ: Tausende Russlanddeutsche gehen auf die Straße, um gegen Flüchtlinge zu demonstrieren. Was ist da passiert?

Helmut Küstenmacher: Der Ausgangspunkt war nun mal die Falschmeldung in russischen Medien. Die haben einen großen Einfluss, auch hierzulande: Seit die ersten Russlanddeutschen nach Deutschland kamen, kann man an der Ausrichtung der Satellitenschüsseln an ihren Balkonen erkennen, dass sie russisches Fernsehen empfangen. Wer da einmal reingeschaut hat, weiß, dass da eine ganz einseitige Darstellung der Dinge geschieht. Viele Russlanddeutsche und angeheiratete Partner sehen das ununterbrochen. Es gibt einige, die kein Deutsch verstehen und sich nur über russische Medien informieren. Man hört ja, dass bei allen Demonstrationen gerade viel Russisch gesprochen wurde.

Warum konnte diese Falschmeldung die Menschen so heftig mobilisieren?

Ich muss schon sagen: Ich bin sehr überrascht, dass so viele auf den Zug aufgesprungen sind. Die meisten Russlanddeutschen in meinem Umfeld denken sehr konservativ und sie wählen auch konservativ. Sie sind eigentlich auf der Linie der deutschen Regierung. Allerdings ist bei ihnen in letzter Zeit das Schimpfen auf die "Lügenpresse" en vogue geworden, genauso wie bei Pegida und AfD. Sie könnten deshalb für die AfD ein tolles Wählerpotenzial abgeben. Rechtsnationale Gruppierungen sagen ja schon: Aha, ihr geht jetzt auch auf die Straße, dann gehört ihr zu uns.

Helmut Küstenmacher, 73, ist evangelischer Pfarrer. Seit 18 Jahren betreut er die Aussiedlerarbeit im Dekanat Ingolstadt, wo 20 000 Russlanddeutsche leben. Er arbeitet auch in der Ukraine als Theologe.

(Foto: oh)

Wie groß wäre dieses Wählerpotenzial?

Etwa zwei Millionen deutsche Aussiedler aus Russland leben inzwischen in Deutschland. Allein hier in Ingolstadt dürften es etwa 20 000 sein. Ich beobachte, dass sie unserem Fernsehen und unseren Nachrichten wenig vertrauen, da spielt auch der Ukraine-Konflikt eine Rolle. Sie sehen Russland falsch dargestellt. Ich kenne ganz wenige, die nicht zu Putin halten. Sie sagen, die Krim war schon immer russisch.

Am Rande der Demonstrationen wurden rechte Gruppierungen beobachtet, in Berlin war die fremdenfeindliche "Bärgida" Mitveranstalter.

Das ist ja das Verrückte, die Schüsse gehen alle nach hinten los. In der russlanddeutschen Gemeinschaft hatte sich die angebliche Vergewaltigungsgeschichte aus Berlin herumgesprochen, sie verabreden sich, sie tun sich zusammen für Demos - und plötzlich entdecken sie, dass sie damit von einheimischen Passanten Zuspruch bekommen. Nach dem Motto: Ja, ihr habt recht, endlich geht da mal jemand auf die Straße und sagt, was los ist.

Russlanddeutsche Deutsche "Volkszugehörige" aus Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion, sogenannte Aussiedler und Spätaussiedler, sind die größten Einwanderergruppen in der Bundesrepublik. Während Deutschrussen deutsche und russische Vorfahren haben, ist "Russlanddeutsche" ein Sammelbegriff für Menschen mit allein deutschen Vorfahren. Es geht hier etwa um die Nachfahren jener Deutschen, die sich vor gut 250 Jahren auf Geheiß von Zarin Katharina II. an der Wolga angesiedelt hatten. Nach 1990 kamen etwa zwei Millionen Russlanddeutsche aus der ehemaligen Sowjetunion. Die meisten stammen aus Kasachstan, wohin sie das Stalin-Regime verbannt hatte. In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Zuwanderungen zurückgegangen, weil für Angehörige strengere Einreisebedingungen gelten. Ulrike Heidenreich

Die Demonstranten trugen Transparente wie "Ich habe Angst um meine Enkel" oder "Unsere Kinder sind in Gefahr". Woher rührt diese starke Angst?

Kinder sind für Russlanddeutsche immer sehr wichtig. Die Familie hat einen ganz hohen Stellenwert, es gibt riesige Familienverbände bei uns, alle ziehen zusammen - gemeinsam ist man stärker. Eltern sehen sich oft überfordert, weil beide arbeiten, daraus folgen Ängste. Sie holen ihre Kinder von der Schule ab, wann immer es geht. Da hat es nur einen Funken gebraucht, und der kam eben vom russischen Fernsehen. Unser türkischer Sozialarbeiter beobachtet deren Szene im Internet. Die sind total vernetzt. So ist es zu erklären, dass zeitgleich überall in Deutschland demonstriert wurde. Ich weiß, wie die Leute ticken, und mir tut das weh. Ich glaube, dass diese Menschen von irgendwelchen Demagogen missbraucht werden.

Und warum ist da diese Furcht vor ausufernder Gewalt durch Flüchtlinge?

Die haben sie aus Russland mitgebracht: die Einstellung, dass man sich schützen muss vor dem Fremden. Das ist in den USA aber auch nicht viel anders. Wenn du ein bisschen mehr Geld hast, musst du dich verbarrikadieren. Schutzzäune, Wachpersonal - da wird auf Sicherheit geschaut.

Ihr Interesse für Russlanddeutsche wurde in Ihrer Zeit als Gefängnispfarrer geweckt.

Ja, im Jugendgefängnis Neuburg-Herrenwörth. Die russlanddeutschen Jugendlichen waren die größte Gruppe damals im Gefängnis. Sie waren die erste Generation, und es gab viele Konflikte: Als Kinder nach Deutschland gekommen, verstanden sie die Sprache nicht, fassten nicht richtig Fuß, wurden kriminell. Sie vermissten die Freiheit eines weiten Landes; in Kasachstan durften sie ja mit zwölf Jahren schon Auto fahren, gingen zum Angeln ohne Angelschein. Und dann hier diese Vorschriften - das war nicht einfach. Ich habe selbst zwei Patenfamilien mit zwei Jungs, die im Gefängnis waren. Sie gehen inzwischen einen gradlinigen Weg. Dass sie bei den Demos dabei waren, bezweifle ich.