Verantwortung in der Krise Niemand ist schuld an der Krise, oder?

Zur Krisenbewältigung gehören nicht nur Geldpakete, sondern auch Aufklärung darüber, wie und warum es zur Krise kam.

Ein Kommentar von Heribert Prantl

In der vergangenen Woche war die Enttäuschung über den politischen Aschermittwoch groß in Deutschland. Allüberall wurde so getan, als hätte dieser Tag die einschlägige Gelegenheit für die Erscheinung des deutschen Obama sein sollen.

Weil aber in Passau, in Cuxhaven und in Vilshofen dann doch nur Seehofer, Steinmeier und Co auf die Bühne traten, wurde allseits gejammert darüber, dass die Redner an diesem Tag vor allem ihre Kraftmeiereien präsentierten. Diese Klage ist ebenso ein Ritual wie der politische Aschermittwoch selbst.

Das Problem des politischen Aschermittwochs ist nicht das Ritual, sondern dass sich dieses nicht auf den politischen Aschermittwoch beschränkt. Die Parteien gehen täglich so miteinander um, sie reden und handeln also fortwährend so, als sei jeder Tag politischer Aschermittwoch und als müssten sie jeden Tag darlegen, dass die jeweils andere Partei ein nationales Unglück sei und deren Politik gefährlich für die Zukunft des Landes. Dieses Ritual samt Verteidigung irgendwelcher reiner Lehren geht den Leuten in den Zeiten der Krise besonders auf die Nerven.

Es ist ohnehin staunenswert, ja fast verwunderlich, wie sehr die Menschen trotzdem noch immer die Nerven behalten, wie sie jede weitere Zumutung ertragen und wie sie geduldig zusehen, wie die staatlichen Milliarden in die sogenannten Pakete gestopft werden, wie die torkelnden Landesbanken immer und immer wieder gestützt werden, wie eine Hypo Real Estate sich als Fass ohne Boden erweist und wie der Staat, um die Finanzwirtschaft zu retten, sich in abenteuerliche Schulden und Risiken stürzt.

Das Merkwürdige bei alledem ist, dass niemand sich Asche aufs Haupt streut - niemand in der Politik, niemand in der Wirtschaft. Niemand legt Rechenschaft ab, niemand übernimmt Verantwortung. Niemand will schuld daran sein, dass der Kapitalismus außer Rand und Band geriet. Diejenigen, die dem Kapitalismus dabei geholfen haben, schweigen heute oder machen mit bei der Klage über die kapitalistischen Auswüchse, die sie selbst befördert haben. Das Verhalten der Politik und der ministeriellen Finanz- und Wirtschaftsbürokratie erinnert an den Brandstifter, der später beflissen beim Löschen mitmacht.

Am Beginn der großen Krise stehen womöglich Kapitalverbrechen im Wortsinn - aber die Fragen nach Verantwortung und Schuld stellt kaum jemand. Das Schatten- und Zombiebankensysten war ja nicht geheim - die staatliche Bankenaufsicht, auch die deutsche, hat zugeschaut, wie der Giftmüll im internationalen Finanzsystem abgelagert wurde. Die offizielle Politik hat das lange Zeit, zumal unter der Regierung Schröder, gekannt, geduldet und gefördert, sie hat darauf vertraut, es werde schon irgendwie gutgehen. Es ist nicht gutgegangen.

An der Satansmühle haben viele gedreht. An der Entfesselung des Kapitalismus haben viele mitgewirkt - auch die deutsche Politik. Zur Krisenbewältigung gehören daher nicht nur Geldpakete. Zur Krisenbewältigung gehört auch Aufklärung. Ohne Aufklärung der alten Verantwortungslosigkeiten, Irrwitzigkeiten, Fahrlässigkeiten und Vorsätzlichkeiten, ohne Analyse der furchtbaren Fehler, Irrwege und Denkmuster kommt man nicht aus der Krise, macht man nur neue Fehler, geht man neue Irrwege, verfällt man in alte Denkmuster.

Die eilfertige Selbstverständlichkeit, mit der in der Wirtschaft nach Milliarden gerufen und mit der in der Politik Milliarden ausgegeben werden, soll wohl auch davon ablenken, dass bisher jede Rechenschaft für das Großdesaster verweigert wurde. Das Ablenkungsmotto heißt: Wenn es brennt, muss man löschen, und nicht lang fragen, warum es brennt. Aber nicht einmal das stimmt. Wer die Ursachen des Feuers nicht kennt, löscht womöglich mit den falschen Mitteln - und er riskiert das nächste Feuer.