Vatikanstadt Unerwünschte Informationen

Vatileaks 2: Gianluigi Nuzzi (li.) und Emiliano Fittipaldi vor dem ersten Gerichtstag im Vatikan.

(Foto: Ettore Ferrari/dpa)

Im Kirchenstaat stehen nun zwei italienische Journalisten vor Gericht, weil sie Papiere aus dem Inneren der Kurie veröffentlicht haben.

Von Oliver Meiler, Rom

Gianluigi Nuzzi twitterte seinen 64 900 Followern noch, da war er schon im Vatikan, auf dem Weg zur Anklagebank. "Ich halte euch auf dem Laufenden", schrieb er. Dazu den Hashtag "NoInquisizione". Als Opfer einer neuzeitlichen Inquisition sieht sich der Journalist und Buchautor also. Ähnlich fühlt sich Emiliano Fittipaldi, ebenfalls Reporter, der in einem offenen Brief in der Zeitung La Repubblica über eine Gefährdung der Meinungs- und Pressefreiheit klagte. Man kann es ihnen kaum verdenken. Die beiden Italiener sind die ersten Journalisten, denen der Heilige Stuhl den Prozess macht, eine Premiere.

Nuzzi und Fittipaldi wird vorgeworfen, dass sie vertrauliche Dokument verbreitet haben, die ihnen aus dem Vatikan zugespielt wurden. Außerdem sollen sie Druck ausgeübt haben auf ihre Quellen. Im Höchstfall steht darauf eine Haftstrafe von acht Jahren. Vor dem vatikanischen Gericht stehen im selben Fall auch drei ehemalige Mitarbeiter der Kirche, frühere Mitglieder einer Kommission für die Prüfung der Finanz- und Verwaltungsstrukturen. Sie werden verdächtigt, das Material geleakt zu haben: der spanische Priester Lucio Angel Vallejo Balda, Sekretär der Kommission und aufsteigender Ökonom, dessen ehemaliger Assistent Nicola Maio sowie die italienische Kommunikationsfachfrau Francesca Immacolata Chaouqui. Den dreien wird auch vorgeworfen, eine kriminelle Vereinigung gebildet zu haben.

Die meiste Aufmerksamkeit der Medien gehört aber den Reportern und der Frage, ob es zulässig sei, dass ein absolutistischer Staat wie der Vatikan zwei Pressevertreter aus einem demokratischen Land wie Italien belangen darf. Das Recht bestimmt im Vatikanstaat der Papst, er bestimmt auch die Richter. Den Paragrafen "116 bis" im vatikanischen Strafgesetz, auf den sich die Richter berufen, gibt es erst seit Juli 2013. Seine Schaffung war eine der ersten Handlungen von Papst Franziskus. Die Norm sollte ein zweites "Vatileaks" verhindern, ein neuerliches Datenleck geheimer Unterlagen. Die hohen Strafen hätten abschreckend wirken sollen. Das taten sie nicht. Es läuft nun "Vatileaks II".

Nuzzi und Fittipaldi hätten dem Verfahren fernbleiben können. Stattgefunden hätte es trotzdem, in ihrer Abwesenheit, weil der Ursprung der Taten im Vatikan liegt. Eigentlicher Umstand des Prozesses sind aber zwei Bücher, die Anfang November erschienen sind: Nuzzis "Alles muss ans Licht" und Fittipaldis "Geiz". Beide handeln von bedenklich unschönem Finanzgebaren im Innern der Kurie, von Kardinälen und Monsignori, die sich privat mit Spendengeldern bequem bis luxuriös eingerichtet haben. Beide Werke stützen sich auf Hunderte Dokumente. In römischen Buchhandlungen stapeln sie sich in bester Lage. Sie führen das Klassement der meistgelesenen Bücher an, Platz 1 und 2, abwechselnd. Das Interesse ist groß, der Stoff brisant.

"Zur Inquisition fehlt nur die Folter", twittert ein Angeklagter

Die Hintergründe des Datenlecks und die Beweggründe der Informanten scheinen noch rätselhaft zu sein. Dennoch ging bisher alles sehr schnell. Die vatikanischen Staatsanwälte brauchten nur Wochen, um ihre Ermittlungen abzuschließen und Anklage zu erheben. Es geht das Gerücht, der Papst wünsche, dass das Verfahren möglichst schnell abgeschlossen werde - vor Beginn des Jubiläumsjahres am 8. Dezember. Das steht unter dem Motto der Barmherzigkeit. Es wird spekuliert, dass die fünf Angeklagten womöglich die ersten Nutznießer des päpstlichen Großmuts werden könnten. Immerhin steht in diesem Fall auch sein Ruf als Erneuerer der Kirche zur Debatte. Noch aber gibt es keine Anzeichen dafür, dass er das Verfahren stoppt. Das könnte er leicht, er ist ja der Staat.

Der Vatikan gibt sich im Gegenteil unbeugsam, vorerst jedenfalls. Zwei Strafverteidiger wies er zurück, weil sie nicht bei der vatikanischen Gerichtsbarkeit akkreditiert seien. Deren Mandanten müssen nun auf Pflichtanwälte vertrauen, die ihnen das Gericht zuteilte. Die Akten, die dem Prozess zugrunde liegen, hielt der Vatikan bis zuletzt zurück. Als die Parteien um Einsicht ersuchten, hieß es, die Akten würden im Gerichtssaal aufliegen, dürften aber nicht kopiert werden. Hinter den heiligen Mauern ist alles etwas anders.

"Vielleicht war ich naiv", schreibt Fittipaldi, "ich dachte, der Vatikan würde gegen jene vorgehen, die die kriminellen Machenschaften begingen, und nicht gegen die, die sie aufgedeckt haben." Er habe nur das gemacht, was ein Reporter bestenfalls mache: Informationen sammeln und die Wahrheit erzählen. Bezeichnend sei ja, dass bisher kein Komma aus seinem Buch über die "Händler im Tempel" dementiert worden sei, dass ihm auch keine Diffamierung vorgeworfen werde. Außerdem gebe es auch keine Indizien dafür, dass die Enthüllungsbücher die Sicherheit des vatikanischen Staates gefährden.

Nuzzi twittert dazu: "Zur Inquisition fehlt nur die Folter, um uns dazu zu bringen, die Wahrheit zu dementieren." Der zweite Prozesstag soll schon sehr bald stattfinden. Würden die beiden Journalisten zu Haftstrafen verurteilt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Italien sie nicht an den Vatikan ausliefert. Nicht wegen Verbreitung von Informationen, so geheim die sein mochten. Das wäre konträr zum Geist der Republik und ihrem Verfassungsartikel 21, der die Pressefreiheit zum Prinzip erhebt.