Treibhauseffekt Die Bedrohung bleibt

Für Umweltminister Trittin ist das Inkrafttreten des Kyoto-Protokolls ein "revolutionärer Schritt". Doch viele Länder werden die Klima-Ziele verfehlen und so für einen weiteren Anstieg der Treibhausgase sorgen.

Von Von Philip Grassmann

Gefeiert wird am heutigen Mittwoch überall auf der Welt. Auch Umweltminister Jürgen Trittin hat keinen Aufwand gescheut, um das Inkrafttreten des Klimaschutzabkommens von Kyoto feierlich zu begehen.

*Die USA und Australien fühlen sich nicht an die im Kyoto-Protokoll niedergelegten Verpflichtungen gebunden.

(Foto: Grafik: SZ, Quelle: Nationale Emissionsberichte, DIW)

Mit einem Festakt in Bonn und einer anschließenden Video-Konferenz, an der neben Trittin auch UN-Generalsekretär Kofi Annan, EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso und Umweltminister aus weiteren Industrienationen teilnehmen wollen, soll dieser Tag begangen werden.

Hartnäckiges Feilschen um den Klimaschutz

Zum ersten Mal haben sich die meisten Industrieländer verbindlich dazu verpflichtet, sechs Treibhausgase, die für die Erwärmung der Erde verantwortlich gemacht werden, zu reduzieren. Bis 2012 wollen sie die Treibhausgase im Vergleich zum Jahr 1990 um durchschnittlich 5,2 Prozent verringern. Für Trittin ist das Inkrafttreten ein "revolutionärer Schritt".

Das Vertragswerk legt nicht nur eine Obergrenze für jeden Staat fest, es bietet den Mitgliedern auch Instrumente wie den globalen Handel mit Emissionsrechten oder die Anrechnung von Klimaschutzprojekten in anderen Ländern. Damit soll der Kampf gegen die Erderwärmung möglichst kostengünstig sein.

Nach fast einem Jahrzehnt des hartnäckigen Feilschens um den Klimaschutz mag die Euphorie verständlich sein - ganz berechtigt ist sie dagegen nicht. Denn das Kyoto-Protokoll ist allenfalls ein erster kleiner Schritt.

Weltweite Emissionen werden weiter steigen

Zum einen sind noch viele Mitgliedstaaten weit von den vorgeschriebenen Zielen entfernt (siehe Grafik). Umweltschützer befürchten deshalb, dass die Emissionen bis zum Jahr 2012 nicht um die versprochenen 5,2 Prozent, sondern allenfalls um 1,8 Prozent in den Vertragsstaaten niedriger liegen werden als im Jahr 1990.

Zudem beteiligen sich wichtige Staaten nicht an dem Vorhaben. Die USA, die allein ein Viertel der Treibhausgase ausstoßen, ziehen nicht mit. Auch Schwellenländer mit stark steigenden Emissionen wie Indien, China oder Brasilien stehen abseits. Die weltweiten Emissionen werden deshalb voraussichtlich weiter steigen.

Außerdem ist völlig offen, was geschehen soll, wenn das Kyoto-Protokoll im Jahr 2012 ausläuft. Das bisher Vereinbarte ist viel zu wenig, um die von Klimaschützern geforderte Begrenzung der Erderwärmung um zwei Grad in diesem Jahrhundert zu erreichen. Sie verlangen eine Halbierung der Treibhausgase bis zum Jahr 2050.

Ehrgeiziges Projekt

Die Industrienationen werden deshalb nicht umhinkommen, ihre Anstrengungen drastisch zu verstärken. Das gilt auch für den Musterknaben Deutschland, der sein vorgeschriebenes nationales Reduktionsziel von 21 Prozent fast erreicht hat.

Umweltminister Trittin hat bereits signalisiert, dass Deutschland bereit wäre, bis 2020 seine Emissionen um 40 Prozent zu senken, falls sich die Europäische Union insgesamt dazu verpflichten sollte, ihre Abgase um durchschnittlich 30 Prozent zu reduzieren.

Das deutsche Vorhaben ist ehrgeizig, denn der größte Teil der Einsparungen bisher geht auf den Wegfall der alten DDR-Industrieanlagen zurück. Trittin glaubt dennoch, dass Deutschland seine Emissionen weiter reduzieren kann.

Er verweist darauf, dass rund die Hälfte der deutschen Kraftwerke in den nächsten Jahren durch effizientere Neubauten ersetzt werden sollen und setzt zudem auf den weiteren Ausbau von erneuerbaren Energien, mehr Effizienz beim Stromverbrauch und auf die Sanierung von Gebäuden, mit denen der Wärmeverbrauch gesenkt werden soll.

Doch wie das alles erreicht werden kann, steht in den Sternen. Die nationale Klimaschutzstrategie, die den Weg dazu aufzeigen soll, befindet sich noch in der Ressortabstimmung.

Zurückhaltung in der EU

Auf internationaler Ebene ist derzeit nicht absehbar, ob die Staatengemeinschaft den politischen Willen aufbringen wird, sich zu noch ehrgeizigeren Zielen aufzuraffen. Auf EU-Ebene hat Trittin eine deutliche Zurückhaltung registriert.

Auch die Vereinigten Staaten sind bisher bei ihrer ablehnenden Haltung geblieben. Bei der Einbindung der Schwellen- und Entwicklungsländer in den Klimaschutz zeichnen sich ebenfalls Schwierigkeiten ab. Sie befürchten, durch die Klimavorgaben in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung behindert zu werden.

Eine Möglichkeit, die Chancen für weitere Anstrengungen beim Klimaschutz auszuloten, bietet sich im Juli auf dem G-8-Gipfel in Schottland. Der britische Premierminister Tony Blair, der sich ebenso wie die Deutschen als Vorreiter beim Klimaschutz versteht, will den Klimawandel zu einem der Hauptpunkte des Treffens machen.