SZ-Interview mit Vaclav Havel "Die größte Gefahr für Europa ist Europa selbst"

SZ: Man hat teilweise den Repräsentanten der acht Länder vorgeworfen, dass sie einen Keil ansetzen. Rumsfeld hat das ausgenutzt und hat vom alten und vom neuen Europa geredet. Die Gefahr sehen Sie nicht, dass man mit solch einer Aktion die Europäische Union torpediert?

Havel: Ich habe den Eindruck, es geht nicht um einen Keil zwischen den alten und den neuen Mitgliedsländern, sondern um einen möglichen Keil zwischen Amerika und Europa. Dass der getrieben wird, das sollte verhindert werden. Vielleicht sind die neuen EU-Länder mit ihrer ganzen totalitären Erfahrung tatsächlich stärker proamerikanisch als die alten Demokratien mit ihrer anderen historischen Erfahrung.

"Europa hat Integration nachzuholen"

SZ: Europas Einheit und Europas Unterschiede sind auch heute ein großes aktuelles Thema. Die Tschechische Republik und Ihr Nachfolger Vaclav Klaus spielen dabei eine besondere Rolle. Die Tschechen gelten als Euro-Skeptiker.

Havel: Die Äußerungen meines Nachfolgers werde ich weder analysieren noch kommentieren. Für mich würde ich sagen, dass Europa ein großes Ziel vor sich hat. Es muss sich selbst wieder als eine politische, geistige Entität verstehen, gestützt auf Geschichte, Traditionen und Werte. Es darf nicht nur irgendein Zollverbund sein, das ganze Thema darf nicht zu einer kommerziellen, bürokratischen, ökonomischen Sache zusammenschrumpfen. Mir scheint, dass das einfach künftig die Hauptaufgabe ist, die vor Europa liegt: sich seiner eigenen Verantwortung in der gegenwärtigen globalen Welt bewusst zu werden, seiner Verantwortung gegenüber dem Planeten. Europa hat, was die Integration angeht, noch etwas nachzuholen. Und was die Position der Tschechischen Republik angeht, so ist die Haltung der Regierung und des Parlaments entscheidend.

SZ: Aber Sie werden eine Meinung dazu haben. Tschechien hat den Vertrag über eine neue EU-Verfassung nicht ratifiziert, 18 andere Mitgliedsstaaten haben ihn schon ratifiziert. Wie stellen Sie sich Europa in zehn Jahren vor?

Havel: Ich bin in jedem Fall ein großer Befürworter des Integrationsprozesses. Er müsste sogar noch tiefer gehen. Ich fürchte überhaupt nicht um die nationale Identität. Ihrer kann sich nur derjenige nicht sicher sein, der in sich selber diese Unsicherheit hat. Das liegt in der Hand jedes einzelnen von uns. Und ob wir das Land mit globalen Industriezonen verunreinigen oder ob wir unsere Landschaft ein bisschen wertschätzen, das liegt ausschließlich in unserer Hand.

Die Schuld dafür auf die Europäische Union abzuschieben, ist Unsinn. Die EU bedroht unsere Identität nicht, und ich bin für die Vertiefung der Union. Ich bin für eine föderalistische, kurze, bündige, verständliche, in schöner Sprache geschriebene Verfassung. Das ist eine Aufgabe für zehn, fünfzehn Jahre, in der Zwischenzeit löst sich das irgendwie. Alles Weitere sollte in den Anhang der Verfassung. Ich stelle mir eine Verfassung vor, die die Kinder in der Schule auswendig lernen und die sie dann erinnern wie die Kinder in Amerika.

"Ich bin kein Europa-Fanatiker"

SZ: In Ihrem neuen Buch sagen Sie, Sie seien nicht gerade ein "Europabegeisterter'".

Havel: Ich habe vielleicht eher gesagt, dass ich kein Europa-Fanatiker bin. Ich bin mir in der letzten Zeit immer mehr bewusst geworden, dass eine der größten Gefahren für das Menschengeschlecht die Besessenheit ist. Ich kämpfe gegen jede Besessenheit. Und das bezieht sich auch auf die tschechisch-deutschen Beziehungen. Wir können verschiedene Ansichten über die europäische Verfassung und zu dem haben, was in ihr drinstehen soll und was nicht. Aber es ist nötig, darüber in Ruhe zu reden, den Überblick zu bewahren und nicht ein Gefangener irgendeiner Besessenheit zu sein.

SZ: Sie haben sich vom Beginn Ihrer Amtszeit an für ein besseres Verhältnis zwischen Tschechen und Deutschen eingesetzt. Wie sind Sie heute zufrieden mit dieser Nachbarschaft?

Havel: Mir scheinen die Beziehungen sehr gut zu sein und hoffen wir, dass sie auch gut bleiben. Dazu trägt auch die gemeinsame Mitgliedschaft in der EU bei.

Wir haben in der Union gemeinsame Interessen, gemeinsame Themen, gemeinsame Probleme. Wir haben vielleicht in einigen Dingen unterschiedliche Ansichten, aber wir haben den guten Willen, darüber eine Diskussion zu führen. Unsere Beziehungen sollten auf eine uneingeschränkte Aufrichtigkeit gegründet sein.

Die Zeit der ewigen Entschuldigungen, in der sich die einen bei den anderen für die Taten ihrer Urgroßväter entschuldigen, ist vielleicht vorbei. Eher ist jetzt die Zeit einer sachlichen, gelassenen Reflexion dieser Vergangenheit gekommen. Bei uns ist in letzter Zeit eine Unzahl von Sachbüchern über die Geschichte der tschechisch-deutschen Beziehungen, über die Aussiedlung herausgekommen. Ich sehe das sehr optimistisch. Ich habe auf diesem Gebiet keine große Sorge.