SZ-Interview mit Vaclav Havel "Die größte Gefahr für Europa ist Europa selbst"

Tschechien ist in der Nato und der Europäischen Union gut aufgehoben, sagt Vaclav Havel. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung plädiert der frühere tschechische Staatspräsident nachdrücklich dafür, dass sich sein Land am geplanten Raketenschirm der USA beteiligt und äußert sich beunruhigt über die innere Entwicklung in Russland. Eine neue Verfassung für die EU müsse so einfach und klar sein, dass die Kinder sie in der Schule auswendig lernen könnten. Das deutsch-tschechische Verhältnis empfindet Havel als "sehr gut".

Interview: Klaus Brill, Hans Werner Kilz

SZ: Sie sind zwar nicht mehr Präsident, aber immer noch politisch aktiv. Sie kämpfen zum Beispiel für die Menschenrechte in Kuba. Ist das ein Erbe aus Ihrer eigenen Zeit als Dissident?

Havel: Ja. Ich habe mir gedacht: Wenn meine Präsidentschaft endet, dann kehre ich ganz einfach zum Theater zurück, ich werde Essays und Theaterstücke schreiben und ausruhen, reisen und lesen. Das erwies sich als eine vollständige Illusion. Ich bin einfach aus früheren Zeiten so vielfältig engagiert, und das sind eben Dinge einer bestimmten Art, denen ich mich widmen muss. Zwar kehre ich allmählich zum Theater zurück, zwar bemühe ich mich, viele der mannigfaltigsten Einladungen von mir fernzuhalten, ich bekomme eine Menge, und man kann das nicht alles schaffen. Aber eine gewisse Zahl von Verpflichtungen ist mir geblieben, und damit bin ich einverstanden. In jedem Fall möchte ich aber kein Kommentator des politischen Tagesgeschehens in unserer Republik sein.

SZ: In Kuba geht die Zeit von Fidel Castro zu Ende. Bedeutet das auch einen Wechsel des Regimes?

Havel: Es wäre verfehlt, die Dinge an einzelnen Personen festzumachen und zu glauben, dass alles gelöst ist, wenn Castro geht. Es kann durchaus passieren, dass ein Militärregime noch schlimmer wird als das von Castro. Hier geht es nicht um die Person, die ein Diktator ist, sondern es geht um das Prinzip. Was dort für ein System herrscht, wie man umgeht mit den Menschen, das ist wichtig. Es geht um die Verhältnisse und darum, ob im Land tatsächlich eine Demokratie geboren wird oder im Gegenteil die Menschenrechte mit Füßen getreten werden, ungeachtet dessen, wer in der Staatsführung ist. Es kann passieren, dass der Bruder Castros der Schirmherr einer bestimmten Lockerung nach Art der Perestrojka wird. Doch genauso kann es passieren, dass er ein noch grausamerer Diktator sein wird. Aber man sollte es, wie ich sage, nicht verknüpfen mit einzelnen Menschen, sondern eher mit einer Analyse der Verhältnisse und mit den Werten und Idealen, um die es geht. In jedem Fall würde ich großen Wert auf die Stimme der Dissidenten legen. Sie wissen das besser als wir, die wir die Verhältnisse aus der Ferne sehen.

Eine beunruhigende Entwicklung in Russland

SZ: Auch in Europa gibt es noch ein ähnliches Regime, in Weißrussland. Wie lange dauert es, bis das Land einen ebensolchen Weg nimmt wie die Ukraine?

Havel: In Weißrussland hat sich ein besonderer Typ von autoritärem Regime entwickelt. Ich verfolge das seit langem, und mit den weißrussischen Oppositionellen treffe ich mich regelmäßig. Alexander Milinkiewitsch zum Beispiel war auf unserer Konferenz "Forum 2000", die wir jedes Jahr veranstalten. In Weißrussland existiert einfach der Wille zur Freiheit, vor allem unter jungen Leuten, unter Studenten. Es gibt dort große Demonstrationen, sie werden hart unterdrückt und ich würde nicht wagen abzuschätzen, was dort passiert. Aber auf lange Sicht kann ich mir nicht vorstellen, dass dieser Typ des autoritären Regimes ewig dauern kann. Selbstverständlich hängt das stark von der Entwicklung in Russland ab, weil neben der demokratischen und freien Ukraine und neben einem tatsächlich demokratischen und freien Russland eine solche Enklave der Diktatur kaum überleben könnte.

SZ: Wie entwickelt sich Russland? Sorgen Sie sich um den Abbau der demokratischen Rechte und Institutionen dort?

Havel: In Russland geschieht eine sehr seltsame und beunruhigende Entwicklung, als würde hier eine Art neuer Typ eines postkommunistischen autoritären Systems geboren, das neue, raffiniertere Methoden anwendet als jene, die wir aus dem Kommunismus erinnern. Wir müssen das sehr aufmerksam verfolgen und vor allem offen sagen, was wir darüber denken.

Das Bestreben, gute Beziehungen zu diesem mächtigen Staat zu haben, darf nicht dazu führen, dass wir vor verschiedenen Dingen, die dort passieren, die Augen verschließen. Freundschaftliche Beziehungen bedeuten, dass sich die Freunde die Wahrheit offen ins Gesicht sagen. Übrigens ist gerade Präsident Jelzin beerdigt worden. Wenn wir damals nicht Jelzin, sondern gleich Putin gehabt hätten, dann hätten sich die EU und die Nato nicht erweitert.