Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte "Man kann nicht unpolitisch über einen Bürgerkrieg berichten"

Welche der beiden Konfliktparteien die Wahrheit sagt oder ob es überhaupt eine tut, ist nicht klar. Großes Interesse an Aufklärung scheint indes keiner der Beteiligten zu haben.

Suleiman hat sich im Herbst 2011 schon mit dem britischen Außenminister William Hague getroffen. Er hat auch immer wieder Journalisten zu sich nach Hause eingeladen. Jetzt aber lehnt er am Telefon ein Treffen ab. Über Azzawi und den Streit will er nicht reden. Auf konkrete Fragen antwortet er meist mit langen Ausführungen über das Leiden der Syrer. Um die gehe es doch schließlich, nicht um ihn.

Anders als Suleiman sind seine Kritiker, die acht Treuhänder aus dem offenen Brief, seit dessen Publikation öffentlich kaum mehr in Erscheinung getreten. Die Website "syriahr.org" ging irgendwann im September 2012 vom Netz.

"Mit dieser alten Geschichte habe ich abgeschlossen"

Drei der Acht, Maya Fateh, die mittlerweile in Syrien leben soll, Mohammed al-Haddad und Omar Abdel Sayed sind gar nicht zu erreichen. Bei Mohammed Antabli, der ein Restaurant im Londoner Westen führt, laufen Anfragen wochenlang ins Leere.

Ähnlich ist es bei Lina Jamoul, die in London Gemeindearbeit macht. Als sie sich dann doch meldet, erklärt sie knapp, sie habe nie etwas mit der Beobachtungsstelle zu tun gehabt und sei auch keine Treuhänderin gewesen. Ob sie sich von dem offenen Brief distanzieren könne? Sie wolle sich dazu nicht äußern, weil sie nichts zu sagen habe.

Ghassam Ibrahim, Chef und Herausgeber des Global Arab Network in London, hatte vor einiger Zeit schon einmal dementiert, den offenen Brief unterzeichnet zu haben. Im Büro, in das die Rezeption durchstellt, sagt ein Mann, der sich nicht vorstellt, Ibrahim arbeite in einer anderen Abteilung. Wenige Minuten später erklärt unter derselben Nummer eine Stimme, Ibrahim sei noch einige Zeit im Urlaub.

Husam al-din Mohammed von der Zeitung al-Quds al Arabia in London ist der einzige, der sich überhaupt äußert, wenn auch erst widerwillig. Er lässt durchklingen, dass er für die Beobachtungsstelle gearbeitet habe. Aber er habe "mit dieser alten Geschichte" abgeschlossen. Anders als Lina Jamoul oder Ghassan Ibrahim bestätigt er, was die Zeitung Al-Akhbar schon einmal berichtet hat: Den offenen Brief kenne er. Mousab Azzawi habe ihn veröffentlicht, der wisse mehr. Eine aktuelle Nummer von Azzawi habe er aber nicht, sie hätten seit Januar keinen Kontakt mehr.

Azzawi ist der einzige der acht, der immer noch offen in Sachen Syrien aktiv ist. Kurz nachdem der offene Brief im Januar veröffentlicht worden war, trat er plötzlich als Chef-Koordinator und Sprecher einer Organisation mit sehr ähnlichem Namen und sehr ähnlicher Internetadresse auf: dem "Syrischen Netzwerk für Menschenrechte", im Internet unter "syrianhr.org" zu finden (die Website, auf der der offene Brief erschien, hieß "syriahr.org"). Auch er antwortete nicht auf E-Mail-Anfragen.

Eine Gruppe sprach sich für, die andere gegen eine Intervention aus

Was zunächst aussieht, wie eine persönliche Fehde, hat durchaus eine politische Komponente. Osama Suleiman hat sich immer wieder gegen eine militärische Intervention in Syrien ausgesprochen, während Mousab Azzawi ein solches Eingreifen wiederholt gefordert hat.

Der Streit zwischen den beiden Gruppen verstärkt zudem Zweifel, ob die Beobachtungsstelle eine verlässliche Quelle ist. Zweifel, die bislang vor allem Verschwörungstheoretiker und Regimefreunde wie das russische Außenministerium äußerten.

Ihre Informationen bezieht die Beobachtungsstelle nach Suleimans Angaben von etwa 200 Informanten in Syrien und einigen weiteren in Nachbarstaaten. Ob das stimmt und wie verlässlich deren Berichte sind, lässt sich nicht prüfen.

"Ein gutes Netzwerk am Boden"

Nadim Houry, der für die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) in Beirut arbeitet, bestätigt aber, dass HRW schon vor dem Bürgerkrieg Kontakt zu einem Rami Abdul-Rahman hatte. Er wisse allerdings nicht, wer sich hinter dem Namen verberge und auch nicht, ob es sich immer um dieselbe Person gehandelt habe.

Und Houry sagt: "Die Beobachtungsstelle hat auf jeden Fall ein gutes Netzwerk am Boden in Syrien". Man könne natürlich nicht alles nachrecherchieren, doch im Allgemeinen seien die Informationen der Beobachtungsstelle verlässlich gewesen. Ähnliches erzählt ein Sprecher von Amnesty International auf Anfrage.

Weil es so wenig gesicherte Informationen gebe, könne man die Beobachtungsstelle als Quelle wohl nutzen, meint daher auch der Politikwissenschaftler André Bank vom GIGA-Institut für Nahost-Studien in Hamburg. Allerdings wüssten weder er noch andere Nahostexperten, die er kenne, mehr über die Hintergründe der Organisation.

Man müsse aber auch andere Quellen nutzen und dürfe die Beobachtungsstelle nicht als privilegierte Quelle betrachten. "Man kann wahrscheinlich sowieso nicht unpolitisch über einen Bürgerkrieg berichten", sagt Bank. Also bleibe nichts anderes übrig, als seine Quellen möglichst transparent zu benennen.