Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte Ominöse Protokollanten des Todes

Osama Suleiman alias Rami Abdul-Rahman aus Coventry leitet die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte.

(Foto: AFP)

Sie ist eine der wichtigsten Quellen für westliche Medien, wenn es um Berichte über den syrischen Bürgerkrieg geht: die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Oder genauer: die Beobachtungsstellen. Denn es gab zwischenzeitlich mehr als eine Organisation dieses Namens in Großbritannien. Eine Spurensuche.

Von Jonas Schaible, London

Mindestens 40.000 Menschen seien in Syrien seit Beginn der Proteste gegen die Regierung Baschar al-Assads im März 2011 getötet worden. Das zumindest meldete erst kürzlich die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte aus London. Die Organisation ist mit Beginn der Aufstände zu einer der wichtigsten Quellen westlicher Medien geworden. Todeszahlen und Berichte über Gefechte kommen oft von ihr. Auch auf Süddeutsche.de wurden Informationen der Beobachtungsstelle immer wieder zitiert.

Doch wer steckt hinter dieser Organisation? Von wem wird sie geleitet? Und welche Ziele verfolgt sie? Wer sich mit der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte eingehend beschäftigt, stößt auf ein kompliziertes Beziehungsgeflecht ominöser syrischer Nachrichten-Protokollanten. Und es wird klar: Allem Anschein nach gibt es in London keine solche Organisation.

Eigentlich ist es längst kein Geheimnis mehr (siehe Berichte beim österreichischen Standard oder Reuters), dass die Beobachtungsstelle ein Ein-Mann-Betrieb mit Sitz in Coventry ist, einer Stadt mit 300.000 Einwohnern, etwa 150 Kilometer nördlich von London. Eine Londoner Gruppe gleichen Namens, die es auch gab, ist heute nicht mehr aktiv.

Der Leiter der Organisation aus Coventry und, wie er bestätigt, ihr einziger fester Mitarbeiter nennt sich Rami Abdul-Rahman. Unterstützt wird er, sagt er am Telefon, immer wieder von Freiwilligen, die die englischen und spanischen Texte für Facebook und Twitter schreiben.

Der Einzelkämpfer mit dem Bekleidungsgeschäft

Der Name Abdul-Rahman ist ein Pseudonym. Mit bürgerlichem Namen heißt der Aktivist Osama Suleiman. Im Herbst 2011 wurde er von Kritikern geoutet. Obwohl er daraufhin sogar seinen Pass im Fernsehen präsentierte, lässt er sich immer noch lieber pseudonym zitieren - zu seinem Schutz, aber vor allem, weil er sich mit dem Namen identifiziere. In diesem Text soll er trotzdem Osama Suleiman heißen - denn er war womöglich nicht der einzige, der als Abdul-Rahman auftrat.

Suleiman ist Exil-Syrer, nach eigenen Angaben saß er als Oppositioneller dreimal in syrischen Gefängnissen und wanderte im Jahr 2000 nach Großbritannien aus, um einer vierten Haft zu entgehen. Er zog nach Coventry, wo er mit seiner Frau ein Bekleidungsgeschäft betreibt. Mittlerweile ist er britischer Staatsbürger.

Die Beobachtungsstelle wurde im Jahr 2006 ins Leben gerufen. Ob Suleiman wirklich einer von zwei Gründern ist, wie er behauptet, lässt sich nicht überprüfen. In der Tat aber datieren die ersten Presseberichte, die sich auf die Beobachtungsstelle berufen, vom Mai 2006. Und sie zitieren als Gründer: Rami Abdul-Rahman. Im selben Jahr wurde die Domain "syriahr.com" registriert, unter der die Beobachtungsstelle heute im Internet auftritt. Auch unter "syriahr.net" ist die Beobachtungsstelle aktiv; diese Domain wurde 2009 reserviert.

Auf einmal gibt es zwei Beobachtungsstellen in London

Richtig kompliziert wird es am 17. August 2011. An diesem Tag wird unter dem Namen Muhammad al-Haddad und mit einer Londoner Adresse noch eine dritte Domain registriert, die sich nur durch die Endung von den beiden anderen unterscheidet: "syhriar.org". Als Organisation gibt er an: Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Unter derselben Domain war, wie das Netzarchiv archive.org zeigt, schon einmal eine Website der Beobachtungsstelle online - mit denselben Kontaktdaten, die heute zu Osama Suleiman führen. Allerdings nur bis 2009. Dann erschien unter der Adresse für einige Zeit ein englischsprachiger Blog.

Am selben Tag veröffentlicht der britische Daily Telegraph einen Artikel, der nicht Rami-Abdul-Rahman als Mitglied der Beobachtungsstelle zitiert, sondern einen Mann namens Mousab Azzawi, Arzt aus London. Bis in den Dezember 2011 finden sich Artikel und Fernsehbeiträge, von BBC über ABC bis Al-Dschasira, in denen Azzawi als Sprecher auftritt.

Am 17. Januar 2012 erscheint auf der im Juli eingerichteten Internetseite ein offener Brief, der heute nur noch als Kopie im Netz zu finden ist. Als Unterzeichner werden acht Personen genannt, die als Treuhänder der Beobachtungsstelle bezeichnet werden, darunter ist auch Mousab Azzawi. In dem Brief wird Osama Suleiman vorgeworfen, er habe sich nach seinem Rauswurf die Website unter den Nagel gerissen und so die Beobachtungsstelle gekapert. Daher habe man die neue Website syriahr.org aufgesetzt.

Suleiman sei lediglich freier Mitarbeiter gewesen und habe während seiner Zeit in der Beobachtungsstelle, so der Vorwurf zwischen den Zeilen, Propaganda für die syrische Regierung gemacht. Deshalb habe er gehen müssen. Im Übrigen hätten alle Mitglieder der Organisation das Pseudonym "Rami Abdul-Rahman" benutzt, bevor man entschieden habe, der Glaubwürdigkeit wegen unter Klarnamen aufzutreten. Es sei also nie nur Suleimans Alias gewesen.

Der Brief schließt mit dem Hinweis an Journalisten: "Sie werden bereits bemerkt haben, dass die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte in London sitzt. Und zwar deshalb, weil die Mehrzahl der Mitglieder dort leben, wohingegen Herr Suleiman als einziger in Coventry lebt." Darunter steht: "Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte (London)".

Beide Gruppen kommen in den Medien zu Wort

Suleimans Version der Geschichte geht ganz anders. Er sagt, Mousab Azzawi habe eine Zeitlang für ihn übersetzt, sich dann aber ohne Erlaubnis öffentlich als Rami Abdul-Rahman und als Sprecher der Beobachtungsstelle ausgegeben. Deshalb habe Azzawi die Beobachtungsstelle verlassen müssen. Auf der Startseite von Suleimans Internetauftritt steht: "Die einzige offizielle Webseite der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte".

Das Ergebnis dieses Konflikts: Ein knappes halbes Jahr lang informierten allem Anschein nach zwei konkurrierende Gruppen aus Großbritannien unter demselben Namen die Welt. Noch im Juli 2012 zitierte etwa die britische Wochenzeitung The Observer Mousab Azzawi als Sprecher der Beobachtungsstelle - da trat der schon lange als Vertreter einer ganz anderen Organisation auf.