Polenwitz Wenn man als Pole im Ausland lebt, wird man mit einer Menge Polenwitze bedacht. Es vergeht keine Woche, in der man nicht in folgenden Dialog verwickelt wird: "Wissen Sie, ich habe einen Super-Polenwitz gehört. Wollen Sie ihn hören?" "Nein, danke." "Ja, warum denn nicht? Der ist wirklich lustig." "Weil ich ihn sicher schon kenne. Ich komme ja aus Polen." "Was, wirklich? Kein Witz?" "Nein, kein Witz." Ende der Unterhaltung.
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Wie die meisten Witze unterliegt auch der Polenwitz einem interessanten Wandel. In den achtziger Jahren, als die Solidarnosc-Bewegung in der ganzen Welt bekannt wurde, kursierten Witze über die schlauen Polen, die es immer wieder verstanden, den Kommunisten eins auszuwischen. In den neunziger Jahren, als viele Polen in den Westen kamen und eine intensive, wenn auch verhängnisvolle Liebe zu deutschen Autos entwickelten, folgte eine Reihe von Witzen wie: "Woher wissen wir, daß die Polen im Weltall sind? Weil der große Wagen weg ist."
Zehn Jahre später folgten die Witze über die Arbeitsmoral der Polen: "Wissen Sie, warum drei Polen nötig sind, um eine Glühbirne einzuschrauben? Weil einer die Birne in der Hand hält, während die anderen zwei ihn drehen."
Nach dem Millennium begann Europa, sich endlich einem bis dato unbekannten Mysterium zuzuwenden - der slawischen Seele. Diese wurde folgendermaßen charakterisiert: "Der Teufel sperrt einen Deutschen, einen Russen und einen Polen in die Hölle. Er gibt jedem von ihnen zwei unzerstörbare Kugeln und sagt: ,Wenn ihr es über Nacht schafft, damit etwas anzustellen, was mich verblüfft, lasse ich euch frei.'
Am nächsten Morgen kommt der Teufel wieder und stellt den Russen zur Rede: Dem Russen ist es gelungen, die Kugel mit Gedankenkraft zu bewegen. Der Teufel nickt beifällig und geht zu dem Deutschen. Der wiederum hat eine Kugel auf die andere gestellt, was jedem physikalischen Gesetz widerspricht. Dann kommt der Teufel zum Polen und sagt: ,Die anderen haben sich angestrengt und jetzt zeig du, was du gemacht hast.' Der Pole antwortet ganz betreten: ,Entschuldigen Sie, Maestro, aber die erste Kugel ist kaputt, die andere hab ich irgendwo verloren."'
Daß Polen selbst über einen ausgeprägten Sinn für Humor verfügen, ist im Westen weitgehend unbekannt. Aber gerade mit Humor läßt sich die slawische Seele im Sturm erobern. Dieses Kunststück ist ausgerechnet einem deutschen Theologiestudenten namens Steffen Möller gelungen. Möller kam vor sieben Jahren nach Polen. Nach einigen abenteuerlichen Jobs fand er den Weg ins Kabarett und schließlich ins Fernsehen.
Heute ist er nicht nur der beliebteste deutsche Schauspieler, sondern der beliebteste Schauspieler Polens überhaupt. Er moderiert einige der bekanntesten Talkshows Polens, darunter das Pendant des deutschen "Wetten, daß...", und spielt in einer Fernsehserie mit, die zehn Millionen Zuschauer vor den Bildschirm lockt.
Mit seinem grotesken Akzent beweist er den Polen, daß Deutsche nicht nur Kreuzritter, mürrische Erbsenzähler oder ordnungsbesessene Maschinen sind, sondern auch verblüffend slawische Eigenschaften an den Tag legen können - wie etwa Selbstironie, die Möller inzwischen zur zweiten Natur geworden ist.
Eines Tages begegnete Steffen Möller auf einer Straße in Warschau einem Bauarbeiter, der sich vor Begeisterung über die Begegnung mit dem Star nicht halten konnte: "Herr Möller, Sie sind mein absoluter Liebling im Fernsehen", sprach der Bauarbeiter ihn sofort an.
"Wirklich?" freute sich Möller. "Welche Sendung gefiel Ihnen denn besonders?" "Keine Ahnung. Ich habe noch nie was von Ihnen gesehen." "Nanu? Wie kann ich da Ihr Liebling sein?" "Weil immer, wenn Ihr Programm läuft, meine Frau zu mir sagt: Ich will mir in aller Ruhe Möller anschauen. Geh in die Kneipe!"
Radek Knapp
Unsere Beiträge sind ein Ausschnitt aus dem Buch "Alphabet der polnischen Wunder. Ein Wörterbuch. Herausgegeben von Stefanie Peter. Illustriert von Maciej Sienczyk. Übersetzt von Esther Kinsky und Olaf Kühl (Beiträge von P. Dunin-Wasowicz)". © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2007. Eine Publikation in Zusammenarbeit mit Büro Kopernikus - ein Initiativprojekt der Kulturstiftung des Bundes. Erscheinungstermin ist der 1. Oktober.
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