Sudetendeutschen-Tag in Nürnberg "Was machst Du denn bei den Revanchisten?"

Katharina Ortlepps Onkel fragte sie damals erst mal: "Was machst Du denn bei den Revanchisten?", aber das sei ja alles nicht mehr so. Man arbeite eng zusammen mit anderen europäischen Jugendverbänden, natürlich mit einem tschechischen, auch einem kurdischen. Die Enkelgeneration könne sich unbefangen für Völkerverständigung und die Integration von Minderheiten einsetzen; überhaupt gehe es um das vereinte Europa, friedfertiges Multi-Kulti.

Mitglieder der Burschenschaft Thessalia zu Prag in Bayreuth machen den Sudetendeutschen ihre Aufwartung.

(Foto: dapd)

Das hört sich wunderbar an, und die Fotos und die tschechischem Freunde am Stand in der Messehalle zeugen davon, dass es kein leeres Bekenntnis ist. Aber stört es keinen, als Anhängsel dieses undurchschaubaren Konglomerats von Vertriebenenverbänden zu agieren? Warum nicht als deutsch-tschechischer Verein?

Katharina Ortlepp verweist auf die Tanz- und Singgruppen. "Die gehören dazu, die würde man ohne den Zusatz ,sudetendeutsch' ausschließen." Und dann erzählt sie, dass sich die Jugendbewegung doch schon immer abgekoppelt habe von der Landsmannschaft. Da gab es zum Beispiel mal eine Singtruppe, die 1978 einfach als Touristen getarnt in die Tschechoslowakei fuhr, das sei "überhaupt nicht im Sinne der Alten" gewesen. Und sie hätten in ihrer politischen Erklärung längst klar gesagt, dass Eigentumsansprüche auf die Versöhnung keinen Einfluss mehr haben dürfen - auch das habe heftige Debatten ausgelöst.

Kampf um die richtigen Begriffe

Aber es gab auch mal die grauen Hemden, in denen die Jungen jahrzehntelang aufmarschierten. Auch steht in der Satzung der Landsmannschaft nach wie vor, dass sie sich für das Recht auf Eigentum und Entschädigung einsetze, auch bekennt sich die SdJ weiterhin zur Charta der Heimatvertriebenen und fordert jenes "Recht auf Heimat" ein, mit dem die Älteren eben "mehr als das Recht auf Niederlassung" verbinden. Katharina Ortlepp eiert ein wenig herum, wenn man sie danach fragt. Dieses Recht sei nicht genau definiert, die SdJ deute es als Besuchs- und Entfaltungsrecht, aber ja, man könne da viel hineininterpretieren. Es klingt, als spreche sie über kitschige Porzellanfigürchen, die Oma auf dem Fensterbrett stehen hat, und die man abstauben muss, solange es Oma noch gibt.

Die SdJ hat auch Mitglieder, die das ganz anders sehen - etwa den 22-jährigen Tobias Endrich, der ebenfalls durch einen Freund zum Zeltlager kam und blieb, obwohl "diese pseudo-völkische Tradition" bei ihm nach wie vor ungute Gefühle auslöst. Er verbrachte schon in der Schule ein Jahr in Tschechien, studiert gerade ein Jahr in Prag und organisiert seit einigen Jahren das jährliche deutsch-tschechische Zeltlager in Gaisthal im Oberpfälzer Wald mit.

Auch als rechtsextrem eingestufte Gruppen sind vor Ort

"Eigentlich ist es die folgerichtige Weiterentwicklung, dass wir uns vom Zusatz ,sudetendeutsch' trennen", sagt er. Andererseits sei die Arbeit der SdJ seit der Wende "hervorragend, davon dürfen wir uns nicht distanzieren". So oder so: Er sehe sich "auf keinen Fall als Nachwuchs der Landsmannschaft", und ein Grund dafür dürfte der Witikobund sein, der nun im Saal "Istanbul" tagt.

Was einen erwartet, signalisiert schon ein in Sütterlinschrift verfasstes Schild an der Saaltüre: "Konstantinopel" steht dort, und der Referent der als rechtsextrem eingestuften Gruppe macht keinen Hehl daraus, dass ihn der Wandel der Landsmannschaft und auch die Haltung der Jungen schwer enttäuschen. "Damals, als die Sudetendeutsche Jugend noch was zählte", beginnt er einen Satz.

Wir müssen mit solchen Leuten fertig werden", sagt Katharina Ortlepp und sagt dann einen Satz wie aus dem Lehrbuch: "Die Sudetendeutschen sind eine Volksgruppe, es gibt eben verschiedene Strömungen." Sie selbst würde sich übrigens nie als "Sudetendeutsche" bezeichnen: Ihre Großmutter hat zwar die Vertreibung als Kind erlebt - aber aus dem polnischen Breslau.