Staatliche PR Videos aus dem "Höllenloch"

Steinschlag im Tunnel: Eine von Brüssels Hauptverkehrsadern, die Leopold-II.-Tunnel, ist völlig marode.

(Foto: imago)
  • Internationale Medien beschrieben Belgien in jüngerer Vergangenheit als Land, das islamistischen Extremismus nicht unter Kontrolle bekomme.
  • "Wir sind Opfer einer regelrechten Lynchjustiz der Medien geworden", sagt Außenminister Didier Reynders.
  • Nun versucht die Regierung gegenzusteuern - doch das gestaltet sich schwierig.
Von Thomas Kirchner, Brüssel

Es lief nicht gut für Belgien in den vergangenen Monaten. Nach den Anschlägen von Paris führte eine breite Spur ins nördliche Nachbarland. Der Brüsseler Stadtteil Molenbeek wurde als Brutstätte des europäischen Dschihadismus ausgemacht, und schnell hatten internationale Medien das Urteil gesprochen: Belgien bekomme den Extremismus nicht unter Kontrolle, was wiederum mit der Zerrissenheit des Landes und der entsprechend dysfunktionalen Verwaltung zu tun habe. Vom "failed state" war die Rede, ein Bild, das der etwas hysterisch wirkende Brüsseler "lockdown" im November noch verstärkte, als nach einem Terroralarm mehrere Tage lang U-Bahnen, Schulen und Schwimmbäder geschlossen blieben. Den Gipfel der Schmähungen lieferte der amerikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump, der Brüssel kürzlich als "Höllenloch" bezeichnete.

"Wir sind Opfer einer regelrechten Lynchjustiz der Medien geworden", sagt Außenminister Didier Reynders. Höchste Zeit zum Gegensteuern, meint seine Regierung und hat eine Image-Offensive eingeleitet. Leicht sei die Aufgabe nicht, weiß Reynders. Ein paar "zerstörerische" Artikel oder Tweets könnten binnen Minuten ein negatives Bild schaffen; dessen Korrektur jedoch koste sehr viel mehr Zeit und Mühe. Bei diversen Auslandsbesuchen, in einem Feuerwerk von Interviews mit der internationalen Presse und jüngst auch auf einem Treffen mit der französischen Regierung verbreiten Reynders und sein Premier Charles Michel nun also die frohe Kunde: Es ist alles ganz anders, Belgien ist ein vielleicht nicht hypermodernes, aber dafür liebenswertes Land. Nicht zuletzt gibt es einen prima Standort für Unternehmen aus aller Welt ab.

Davon ist auch der Unternehmerverband FEB überzeugt. Er habe nur eine Botschaft, sagt Verbandschef Pieter Timmermans schlicht: "Belgien ist kein failed state, und wir haben diese Kritik nicht verdient." Weit origineller war der Reparaturversuch der Brüsseler Tourismusbehörde. Sie ließ Anfang Januar spezielle Video-Telefone in der Stadt aufstellen, die besorgte Ausländer gratis anrufen konnten. Viele Brüsseler nahmen den Hörer ab, schilderten die offensichtlich ruhige Lage und schwärmten gleich noch von Pommes frites, belgischem Bier und der leckeren Schokolade.

Belgien müsse dringend offensiver auftreten, sagt auch der PR-Spezialist André Duval. Wenn es über sich selbst rede, sei das Land viel zu zögerlich und bescheiden. Man solle sich ein Beispiel an Schweden und Dänen nehmen, die es schafften, eine Art Erfolgsphilosophie zu verkaufen. So könnte Belgien seine "surrealistische" Seite hervorkehren, wie sie etwa in den Reaktionen auf Trumps "Höllenloch"-Vorwurf durchschien. Am Ende prangte das Wort sogar auf offiziellen Anzeigetafeln.

Manches allerdings läuft, wie oft in Belgien, quer zur Regierungsoffensive. Da sind zum einen die Risse in zwei Nuklearblöcken, die den niederländischen und deutschen Nachbarn immer mehr Angst einjagen. Zum anderen steht dem chronisch überlasteten Brüsseler Straßenverkehrssystem ein Kollaps bevor. Wegen Betonschäden muss einer der vielen Tunnel, die um die Innenstadt herumführen, für ein Jahr geschlossen werden. Einem zweiten, weitaus längeren Tunnel droht ähnliches, nachdem sich ein Betonstück von der Decke gelöst hat; er und vier weitere müssen dringend repariert werden. Die Sanierungsarbeiten wurden verschleppt. Offenbar fühlte sich im Wirrwarr der Institutionen, die Brüssel regieren, niemand zuständig. Flamen und Wallonen streiten über die Schuldfrage.