"Wir sind Gefangene" - das ist der Titel der Autobiographie des Schriftstellers Oskar Maria Graf, in der er seine Lebensqualen schildert. Der Satz erhält eine neue Bedeutung: Der Staat behandelt seine Bürger wie Gefangene. Die Leibesvisitation kennzeichnet besondere Gewaltverhältnisse: So werden Verdächtige und Verurteilte traktiert, die in die Zellen eingewiesen werden.
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Stammheim war einst ein Ort der Leibesvisitation, von der nur Richter, Staatsanwälte und Sicherheitsbeamte ausgenommen waren. Nun will der Staat nicht nur in die Verdächtigen, in die Beschuldigten und in ihre Anwälte hineinschauen - er tut das vorsichtshalber bei jedem.
Unter der Herrschaft des Terrorismus hat sich das Sicherheitsrecht fundamental geändert. Schon jetzt kann die Gesamtbevölkerung subtil ausgeforscht werden - mit Abhöraktionen, mit ausgeklügelten Kontrollarrangements und Datensammlungen, die darauf abzielen, Mobilität und Informationsverhalten der Bürger zu kontrollieren.
Prävention über alles?
Der Staat hält fest, wer wo wann telefoniert und im Internet surft. Der Staat registriert, wer im Flugzeug welches Essen isst. Künftig erfährt er also auch noch, ob die linke Brust eines weiblichen Flugpassagiers größer ist als die rechte.
Prävention über alles? Ein solcher Präventionsstaat banalisiert die Grundrechte. Er zehrt von den Garantien des Rechtsstaats; er entsteht, indem er sie verbraucht. Das ist - weltweit - das Grundproblem der derzeitigen Politik der inneren Sicherheit: Der Sicherheitsstaat nimmt, das liegt in seiner Logik, dem Bürger immer mehr Freiheit und Würde, um ihm dafür vermeintlich Sicherheit zu geben; das trägt den Hang zur Maßlosigkeit in sich, weil es nie genug Sicherheit gibt.
Die Bürger haben sich, weil ihnen Sicherheit mit Recht wichtig ist, bisher viel gefallen lassen. Erst bei der Vorratsdatenspeicherung und bei der Online-Durchsuchung privater Computer wurden viele Bürger skeptisch und etliche rebellisch. Nun wird, beim Einchecken, eine absolute Grenze überschritten. Um ein Keramikmesser aufzuspüren, muss sich der Staat etwas anderes einfallen lassen als die Bloßstellung von Millionen Menschen. Das ist geeignet, die Menschenwürde quasi am Fließband zu verletzen.
Man wird akzeptieren müssen, dass es, bei aller Vorsicht, Restrisiken gibt, gegen die kein Rechtsstaat und vielleicht nicht einmal ein totalitärer Staat gewappnet ist: Der Terrorismus ist eine gewaltige Gefahr; noch gefährlicher aber ist es, in Hysterie zu verfallen und dabei die Grundsätze zu opfern, die man gegen den Terrorismus verteidigen will.
Es gehört zu den Kennzeichen des Rechtsstaats, dass es Grenzen staatlichen Agierens gibt. Zu den Kennzeichen des überbordenden Sicherheitsstaats gehört es, dass er solche Grenzen nicht kennt, ja dass er jegliches Gefühl dafür verliert. Die Politik hat den Satz vom "Europa ohne Grenzen" offensichtlich falsch verstanden.
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(SZ vom 23.10.2008/beu)
Wahlkampffinanzierung in den USA
Bemerkenswert ist außerdem, dass in der gesamten Diskussion der krasse Sparkurs bei der Flughafensicherheit außer Acht gelassen wird.
Um Geld zu sparen, zu sparen und nochmals zu sparen werden die Personenkontrollen nicht mehr vom Bundesgrenzschutz respektive Bundespolizei vorgenommen, sondern oft von privatem Sicherheitspersonal.
Wer erinnert sich noch an die Monate nach 9/11, in denen Journalisten mit versteckter Kamera mit Waffen am Körper bequem in ein Flugzeug oder in den Sicherheitsbereich spazieren konnten?
Ordentliche Sicherheitskontrollen mit zahlenmäßig ausreichendem, gut geschultem und anständig bezahltem Personal könnte gute Arbeit leisten.
Um Geld zu sparen, werden aber lieber die Leute zu Lasten Art.1 GG nackig gemacht.
...wird es nie geben. Aber was wir dadurch erreichen ist grosses Gelächter im Lager von Bin Laden und Co. Unter dem Deckmantel der Anti-Terror Bekämpfung schlucken wir alles, denn es ist ja für unser Wohl. Wo sind die Bürger die sich damals bei der Volksbefragung so vehement gewehrt haben. Was "unser" Staat jetzt mit uns macht überholt selbst die perfidesten Stasi Methoden. Aber es bleibt nur der kleine Protest im SZ Leserforum. Die Mehrheit der Bürger wird das und noch viel mehr (was kommen wird) schlucken - sie werden sich entblössen, bespitzeln und abhören lassen. Alles für den vermeintlichen Schutz gegen den Terror. Brav.
Herr Prantl hat meiner Meinung nach schön herausgearbeitet, worum es wirklich geht: Der Nacktscanner ist sozusagen der Tropfen, der das Fass zum überlaufen bringt: Die ganzen Sicherheitsmaßnahmen, die aufbauend auf der Rasterfahndung jeden verdächtigt, der seine Unschuld nicht beweisen kann, schaffen 1. eine Datenflut, die kaum zu beherrschen ist, und sind 2. leicht von den Terroristen zu umgehen. Sie schaffen keine zusätzliche Sicherheit, aber beeinträchtigen den Bürger in seiner Freiheit - und sei es, dass er Einschränkungen hinnehmen muss, was er als Bordgepäck mitnehmen kann, oder welche Schuhe er zum Fliegen anzieht (Stiefel gehen grundsätzlich nicht).
Man darf sich doch nichts vormachen: Ein Anschlag auf irgendeinen Bus oder Zug oder Flughafen oder Weihnachtsmarkt oder Kirmes oder oder oder lässt sich nicht durch Vor-Ort-Kontrolle verhindern, sondern nur im Vorfeld.
Schöne deutsche Diskussion
Ich jedenfalls lasse mich lieber wie ein trolley durchleuchten, als von dem "freundichen" Personal befummeln. Ich verstehe nicht, warum dieser einfache technische Vorgang soviel Ängste weckt, die reale Gefahr des Massenflugverkehrs wird der erschrockenen Menschschar wohl erst wieder bei der nächten Entführung bewußt.
Viel Spaß beim nächsten check-in !
Unsere Geschichte lehrt, dass die Gefahr vom Staat ausgeht (Kaiserreich, Nazis, SED) und dennoch will die Mehrheit der Menschen in diesem Land den "starken" Staat.
Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis Folter und Lager wieder eingeführt werden und die Grundrechte abgeschafft sind.
Wählt nur weiter so, denn nur die dümmsten Kälber wählen Ihre Metzger selber.
Paging