Schwere Vorwürfe Alle Mann stur geradeaus

Alle jungen Israelis müssen ihren Wehrdienst ableisten. Das Land ist geprägt von der chauvinistischen Welt der Armee - doch immer mehr Frauen wehren sich gegen Anzüglichkeiten und Vergewaltigung.

Von Thorsten Schmitz

Liora Berg erinnert sich mit Grauen an ihre zwei Jahre als Soldatin in der israelischen Armee. Die 27 Jahre alte Kindergärtnerin aus dem kleinen Ort Mevasseret Zion nahe Jerusalem arbeitete als Sekretärin eines Offiziers. Über den Inhalt ihrer Arbeit in einem Basislager im besetzten Westjordanland darf sie nicht reden.

Sie entschuldigt das Schweigegelübde - mit einem Lächeln. Über den Alltag dagegen spricht sie gern - mit ernster Miene. "Ich habe mich jeden Tag dreckig gefühlt", sagt Berg. Im wahrsten Sinne des Wortes: "Manchmal habe ich mitten am Tag in einer Zigarettenpause geduscht."

Kein Tag sei vergangen, sagt sie, an dem sie sich nicht anzügliche Bemerkungen ihres vorgesetzten Offiziers habe anhören müssen. Manchmal habe er ihr in den Po gezwickt und versucht, sie nach Feierabend zum Sex im Büro zu überreden. Zu Beginn ihres Militärdienstes habe sie noch versucht, die sexistischen Sprüche zu überhören. "Irgendwann konnte ich nicht mehr. Ich habe nachts nur noch geheult."

Versetzung als Rettung

Nach einem Jahr als Sekretärin des Offiziers, in dem sie außer Kaffeekochen und Anrufe durchstellen "nichts Sinnvolles" gemacht habe, ließ sie sich ins Verteidigungsministerium nach Tel Aviv versetzen. Dort lernte Liora Berg zwei andere Soldatinnen kennen, die auch vor zudringlichen Kollegen ins Hauptquartier geflüchtet waren.

Sexuelle Belästigungen bis hin zu Vergewaltigungen sind in der israelischen Armee ebenso wie im zivilen Alltag der israelischen Gesellschaft kein neues Problem. Neu dagegen ist, dass inzwischen häufiger und offener darüber gesprochen wird. Und dass die betroffenen Frauen notfalls auch vor Gericht ziehen - wie jene Sekretärin von Mosche Katzav, die den Staatspräsidenten der mehrfachen Vergewaltigung und Erpressung bezichtigt. Oder wie jenes 16-jährige Mädchen, das über Monate hinweg von Soldaten der israelischen Luftwaffe auf einem Stützpunkt südlich von Tel Aviv vergewaltigt wurde.

Vor Wochenfrist dokumentierte das erste israelische Fernsehen das Schicksal von vier vergewaltigten Frauen. Sie berichteten in einer 75-minütigen Dokumentation unverschleiert von ihrem Trauma. In einem so kleinen Land wie Israel mit seinen nur sieben Millionen Einwohnern, wo irgendwie jeder jeden kennt, ist das ein gewagter Schritt. "In gewisser Weise", sagt Dr. Orna Sasson-Levy, "muss man Präsident Katzav auch dankbar sein. Die Medienschlacht ermutigt Frauen, den Mund aufzumachen und ihr Gesicht zu zeigen."

"Jungs, das ist eine Hure"

Sasson-Levy ist Direktorin der Soziologie- und Anthropologieabteilung an der Bar-Ilan-Universität in Tel Aviv, und ihr Forschungsschwerpunkt sind Geschlechterstudien. Vor einem Monat hat sie ein Buch über Frauen in der Armee veröffentlicht. Es wird in allen Zeitungen besprochen, sie tritt in Talkshows auf, hält Vorträge an ihrer Universität. Was sie zu berichten hat nach mehr als 60 ausführlichen Gesprächen mit Soldatinnen (und ein paar Soldaten), wirft einen Schatten auf die Armee, Israels wichtigste gesellschaftliche Institution.

"Was das Verhalten gegenüber Frauen betrifft", sagt Sasson-Levy, "herrschen dort mancherorts mittelalterliche Zustände." Frauen würden in der Armee von männlichen Kollegen als "pures Sexobjekt" betrachtet. In fast allen von Männern geleiteten Abteilungen sei eine "tief chauvinistische, herrische Haltung" gegenüber Frauen auszumachen - und die Annahme, die Armee sei ein "Harem".

Mitunter sei sie bei ihren Recherchen sogar auf Hass gegenüber Frauen gestoßen - vor allem in jenen Bereichen, in denen Frauen die Neuzugänge im Umgang mit Waffen unterrichten. Die Armeeführung hält Frauen zwar eindeutig für die besseren Lehrer, sagt ein Ausbilder der Armee. Manche jungen Männer jedoch, sagt Sasson-Levy, könnten nicht damit umgehen, dass sie eine Frau in die Welt der Waffen einführt.

Über sexuelle Belästigungen entsetzt seien nicht nur Soldatinnen, sagt die Anthropologin, sondern auch Soldaten. "Der Sohn meiner Schwester rief am ersten Tag seiner Grundausbildung an und erzählte mir fassungslos davon, dass der Offizier seiner Einheit beim ersten Treffen mit Blick auf eine vorbeilaufende Soldatin erklärt hat: 'Jungs, das ist eine Hure. Sie will nur ficken.'" Sasson-Levys Neffe habe protestiert und dem Offizier vorgeworfen, sein Spruch sei sexuelle Belästigung. Daraufhin habe der Offizier erklärt: "In der Armee darf man das."

Zum Macho gedrillt

Die Erfahrungen in der Armee finden im israelischen Alltag ihre Fortsetzung. Nicht nur im militärischen Umgangston der Israelis untereinander, sondern auch in dem Glauben von Männern, sie könnten sich Frauen auch im zivilen Alltag mit Worten - und mitunter auch Taten - gefügig machen.

Zu diesem Schluss kommt Tal Kramer-Vadai, die Leiterin des Zentrums für Opfer von Vergewaltigungen mit Sitz in Jerusalem, das landesweit über neun Zweigstellen und eine 24-Stunden-Hotline verfügt. Kramer-Vadai betont zwar, dass die Zahlen von Vergewaltigungen und sexuellen Belästigungen in Israel nicht höher seien als in den USA oder in Europa. Dennoch räumt sie ein, dass die hierarchische und chauvinistische Welt der Armee mit verantwortlich sei für den Chauvinismus israelischer Männer.

Staatspräsident Mosche Katzav, gegen den ermittelt wird, weil er mindestens sieben Mitarbeiterinnen vergewaltigt oder sexuell belästigt haben soll, und der frühere Justizminister Chaim Ramon, dem wegen der Belästigung einer Soldatin der Prozess gemacht wird, seien nur "die Spitzen des Eisberges", sagt Sasson-Levy.

Dies zeige aber auch, dass selbst im Rampenlicht stehende Männer wie selbstverständlich Frauen auch im zivilen Alltag als ihr Eigentum betrachteten. Einer Studie zufolge, die kürzlich in den israelischen Medien Schlagzeilen machte, sind 20 Prozent aller israelischen Frauen mindestens einmal in ihrem Leben vergewaltigt worden, 80 Prozent gaben an, zumindest verbal sexuell belästigt worden zu sein.

Tal Kramer-Vadai vom Zentrum für Opfer von Vergewaltigungen sagt, die Motivation für einen Vergewaltiger bestehe nicht nur im erzwungenen Sex, sondern auch im Verlangen, über sein Opfer zu herrschen. Und dass ein Mensch über den anderen herrschen kann, lerne der israelische Mann schon vor seinem 20. Geburtstag - in der Armee. "Das System der Besatzung, das Herrschen über die palästinensische Bevölkerung, lehrt die Soldaten, dass Herrschen über jemand anderen möglich ist", sagt Kramer-Vadai. Sie und mehrere Mitarbeiter des Zentrums protestieren seit Wochen regelmäßig vor dem Amtssitz Katzavs, er solle zurücktreten, zumindest aber sein Amt ruhen lassen.

Tal Kramer-Vadai beobachtet jedoch, dass der israelische Machismo immer weniger akzeptiert wird. Sie verweist auf das Gesetz, das sexuelle Belästigung seit 1998 unter Strafe stellt. Und sie sagt: "Es gibt eine neue Generation von Frauen, die sich sexuelle Belästigungen einfach nicht mehr gefallen lassen und ihre Chefs anzeigen, wenn die ihnen Pornobilder auf den Computer senden."