Schokolade Rohstoff des Leidens

Wenn es um Schokolade geht, ist den Bundesbürgern fast nichts mehr zu teuer - gerade zu Weihnachten. Doch hinter dem süßen Genuss steckt eine bittere Realität: Der Kakao kommt vor allem aus der Elfenbeinküste, und dort werden Kinder als Zwangsarbeiter bei der Ernte eingesetzt.

Von Franz Kotteder

Humphrey Hawksley hatte sich die Sache viel schwieriger vorgestellt. Der BBC-Reporter bereitete sich auf konspirative Treffen vor, auf Bakschisch für höchst geheime Telefonnummern und so etwas. Immerhin ging es bei seinen Recherchen um Sklaverei und Kinderarbeit, und da, glaubte Hawksley, müsse man selbst in einem Staat wie der Elfenbeinküste mit investigativen Mitteln arbeiten.

"Am Ende", schrieb er später, "war nichts davon notwendig." Schon kurz nach seiner Ankunft fand er die erste Gruppe Halbwüchsiger, zehn zerlumpte Jungen zwischen sechs und 13 Jahren alt, auf dem Weg zur Plantage, wo sie Kakaobohnen ernten mussten. Immerhin, sie bekamen sogar noch Geld dafür, umgerechnet rund 1,5 Euro pro Tag: für die ganze Gruppe, wohlgemerkt.

In der Elfenbeinküste ist das nichts Ungewöhnliches. Der kleine westafrikanische Staat liefert etwa 40 Prozent des Rohkakaos, der auf dem Weltmarkt gehandelt wird. Und ein nicht geringer Teil davon wird von Kindersklaven geerntet.

Minderjährige, die zum Teil mit falschen Versprechungen aus den bitterarmen Nachbarländern Mali und Burkina Faso hierher gelockt wurden, zum Teil aber auch einfach entführt worden sind. Das Kinderhilfswerk Unicef schätzt, dass jährlich 200.000 Minderjährige allein in Westafrika verschleppt werden, um als billige Arbeitskräfte zu dienen, und die internationale Arbeitsorganisation ILO vermutet, dass in ganz Afrika 30 Millionen Mädchen und Jungen unter 14 Jahren zum Arbeiten gezwungen werden.

In den Kakaoplantagen der Elfenbeinküste sind Kindersklaven besonders begehrt. Das hat auch zu tun mit den zahlreichen Unwägbarkeiten, die es bei der Produktion des Rohstoffs Kakao gibt. An Anbau und Ernte der Frucht hat sich ja wenig geändert seit dem vierten Jahrhundert nach Christus, als die Tolteken, südamerikanische Ureinwohner, die "Speise der Götter" angeblich erstmals als Genussmittel entdeckten.

Der Aufwand ist groß, die Gewinnspanne klein

Kakaopflanzen lieben es warm; sie wachsen nur im Gebiet um den Äquator herum, also in Mittel- und Südamerika, Afrika und Südostasien. Gleichzeitig sind sie sehr anfällig für Schädlinge und Dürreperioden.

Wie die Ernte ausfallen wird, lässt sich also nie sagen, und die Weiterverarbeitung ist anstrengend und aufwendig. Die reifen Früchte werden mit der Machete geerntet, die von einer weißlichen Masse umgebenen Samen müssen von Hand aus der Schale befreit werden. Anschließend lässt man sie mehrere Tage gären, damit die herben Gerbstoffe oxidieren.

Die Kerne werden dann getrocknet; in manchen Gegenden geschieht das in Trockenöfen, die auf 60 Grad aufgeheizt werden. Häufig werden sie auf dem Ofen mit den Füßen bearbeitet, um klumpenfreien Rohkakao zu erhalten, der schließlich in die Weiterverarbeitungsländer verschifft werden kann.

Der Aufwand ist groß, die Gewinnspanne klein für das unterste Glied in der Produktionskette. Ein westafrikanischer Kleinbauer verdient mit seiner Jahresernte an Kakao nach Angaben des Vereins Transfair nur etwa 150 Euro im Jahr. Hinzu kommen die stark schwankenden Weltmarktpreise: In den vergangenen zehn Jahren zahlten die Abnehmer in Europa oder den USA mal 800 Dollar pro Tonne, mal aber auch 3700 Dollar. Derzeit liegt der Preis bei 2700 Dollar.

All diese Faktoren tragen dazu bei, dass Kinderarbeit und Sklaverei weiterhin eine Chance haben bei der Kakaoproduktion, denn ohne billigste Arbeitskräfte ließen sich niedrige Endverbraucherpreise nicht halten.

Der Käufer der Schokoladentafel oder des Kakaogetränks im Supermarkt weiß freilich wenig von den Produktionsbedingungen. Als der britische Fernsehsender Channel 4 im Herbst 2000 eine Dokumentation über die "chocolate slaves" ausstrahlte, war die Überraschung und die Empörung groß.

Ziel verfehlt

Britische Schokoladenhersteller verpflichteten sich daraufhin, bis spätestens Juli 2005 keinen Rohkakao mehr zu kaufen, bei dessen Herstellung Kinderarbeit im Spiel sei. Das Ziel wurde freilich verfehlt, nun will man es bis 2009 erreicht haben. Wer also sichergehen will, ist weiterhin auf Schokolade aus fairem Handel angewiesen, die inzwischen von mehreren Organisationen vertrieben wird.

Dennoch, auch die großen Hersteller beginnen unter dem Druck der Öffentlichkeit, ihre Verantwortung anzunehmen. Man setzt, wie der Schweizer Konzern Barry Callebaut, verstärkt auf die Zusammenarbeit mit Musterfarmen in Ghana, wo die Bauern immerhin 70 Prozent des Weltmarktpreises bekommen. Zum Markenportfolio der Schweizer gehört auch Sarotti, und natürlich wäre es der Marke nicht zuträglich, würde sich der berühmte Sarotti-Mohr als geprügelter und geknechteter Kindersklave entpuppen.