Am Wochenende wurden in Magdeburg mehrere Afrikaner von Rechtsextremen attackiert, bei einem anderen Übergriff wurde eine schwangere Irakerin in einem Bus geschlagen. Der Sozialpsychologe Kai Jonas spricht über das Wegschauen.
SZ: Herr Jonas, gibt es in Deutschland eine Kultur des Wegschauens?
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Jonas: Nein, eine Kultur des Wegschauens würde ja bedeuten, dass man das bewusst täte, und das möchte ich niemandem unterstellen. Ich würde eher sagen, dass es eine weit verbreitete Unfähigkeit hinzusehen gibt. Empirisch belegen lässt sich das natürlich nicht, mangelnde Zivilcourage ist ja nicht messbar.
SZ: Aber wieso sind wir unfähig hinzusehen, wo wir hinsehen müssten?
Jonas: Psychologen nennen diesen Mechanismus Einstellungs-Verhaltens-Diskrepanz. Menschen möchten vielleicht in einer Situation ein bestimmtes Verhalten zeigen, etwa Solidarität mit einem Opfer, doch die Handlung bleibt aus.
SZ: Woran liegt das?
Jonas: Das kann viele Gründe haben. Vor allem orientiert sich menschliches Verhalten in einer Situation immer an den Umstehenden. Wenn die nicht handeln, wird es für den Einzelnen schwer, aktiv zu werden oder ein Unrecht als solches zu erkennen. Und je mehr Leute anwesend sind, desto weniger fühlt sich der Einzelne verantwortlich. Es gibt mehr Faktoren, die uns daran hindern, Verantwortung zu übernehmen, als wir wahrhaben wollen. Vielen macht ja schon ihr Weltbild die Identifikation mit einem Opfer schwer. Es gibt da ja eine regelrechte und absolut absurde Opfer-Hierarchie.
SZ: Und wie sieht die aus?
Jonas: Kinder und Hunde etwa rangieren auf der Skala ganz oben, denen würde sofort jeder helfen. Als nächstes nennen Befragte in Zivilcourage-Seminaren immer Ausländer, das dürfte aber auch einem gewissen Pflichtbewusstsein geschuldet sein. Ganz unten in der Opfer-Hierarchie stehen üblicherweise Obdachlose, Behinderte, Jugendliche und Schwule. Da glauben leider viele: Die sind doch für ihr Schicksal selbst verantwortlich.
SZ: Angenommen, ich habe ein Unrecht erkannt und will etwas tun. Wie sieht eine ideale Intervention aus?
Jonas: Das hängt von der Situation ab. Allerdings gibt es für jedes Einschreiten eine sehr wichtige Faustregel: Immer opferorientiert und nie täterbezogen handeln. Also schützen statt konfrontieren.
SZ: Können Sie ein Beispiel nennen?
Jonas: Ein Beispiel ist der Fall im Einkaufszentrum von Mittweida, wo vor etwa zwei Wochen eine Gruppe rechter Jugendlicher einer 17-Jährigen ein Hakenkreuz in die Haut ritzte, weil diese versuchte, einen kleinen Jungen in Schutz zu nehmen. Leider hat sie die Täter konfrontiert und das auch noch alleine, was sehr gefährlich ist. Vor allem gegen eine Gruppe geht man, wenn überhaupt, nur mit Verbündeten vor. Denkbar im Fall des Mädchens wäre vielleicht eine so genannte paradoxe Intervention gewesen.
SZ: Eine Handlung, mit der niemand rechnet, eine Art Überraschungs-Coup?
Jonas: Ja, sie hätte den kleinen Jungen zum Beispiel anschreien können, etwa mit: "Mensch, ich such dich schon, Mama hat dir hundert Mal gesagt, du sollst hier nicht rumlungern!" Dann hätte sie ihn vielleicht aus der Gruppe ziehen und in einem Laden Schutz suchen können. Die Täter wären verwirrt gewesen und hätten sich nicht angegriffen gefühlt. Zugegeben: Das ist ein Idealszenario. Von einem unerfahrenen Menschen in Bedrängnis kann man soviel Strategiedenken nicht verlangen.
SZ: Sie entwickeln an der Universität Jena Zivilcouragetrainings. In wieweit ist Zivilcourage erlernbar?
Jonas: Natürlich ändert ein Teilnehmer nach einem zweitägigen Kurs nicht sein Weltbild, aber man darf nicht vergessen, dass Zivilcourage im Kleinen beginnt. Es mag banal klingen, aber manche Kurse starten mit der Anleitung, wie man unter Belastung die Polizei ruft. Es kann schon Zivilcourage sein, wenn jemand ein guter Zeuge ist. In den Trainings geht es viel um die Einschätzung von Bedrohung. Oft haben Teilnehmer schon Schwierigkeiten zu beurteilen, wo eine Grenzüberschreitung beginnt.
SZ: In die Medien gelangen ja vor allem die Fälle mangelnder Zivilcourage, die mit rechtsradikalen Übergriffen in Verbindung stehen.
Jonas: Das ist ein großes Problem, weil in diesen krassen Fällen ein Einschreiten ohnehin kaum noch möglich ist. Diese Fälle sorgen dann für ein stark verzerrtes Bild in der Öffentlichkeit. Die meisten Kursteilnehmer in Jena kommen, weil sie von rechtsextremen Übergriffen alarmiert sind. Im Seminar selbst landen sie dann bei naheliegenderen Themen wie Mobbing oder häusliche Gewalt.
SZ: Herr Jonas, gibt es bei der Zivilcourage ein Ost-West-Gefälle?
Jonas: Das würde ich für ein ärgerliches Vorurteil halten. Auch hier wird der Akzent falsch gesetzt. Nachweisbar ist nur ein Generationengefälle bei der Zivilcourage. Leute, die eingreifen, sind meistens jung. Es sind eher die Älteren und Saturierten, die sich wegducken.
Kai Jonas ist Sozialpsychologe an der Universität Jena.
(SZ vom 5.12.2007/bica)
Bundespräsident Gauck
@siggi40:
"Das erwartet auch wirklich niemand.
Wenn das "Gewaltmonopol" aber daneben steht und seelenruhig zuschaut, wie eine Einzelperson von einer großen Gruppe Vandalen angegriffen und schwer verletzt wird,
ist das doch auch nicht die Sache des Erfinders."
Polizisten unterliegen den selben Zwängen, wie die Bürger die zum wegschauen ermuntert werden. Immer wieder geraten sie in die Maschinerie der öffentlichen Meinung. Wenn sie Gewalt einsetzen wird ihnen daraufhin häufig die Nähe zum Faschismus unterstellt. Tun sie nichts passiert das gleiche. Als erstes Beispiel sei auf die Attacken des schwarzen Blocks während des G8 Gipfels verwiesen. Als zweites Beispiel ihre Erfahrungen selbst. Nach solchen Ereignissen wird das Offensichtliche überkritisch untersucht. Eine der Möglichkeit sich dem zu entziehen besteht darin, nichts zu unternehmen. Nach einem Blick auf den Lohnzettel fällt diese Entscheidung leicht.
Polizisten sind Menschen.
@siggi40:
Wenn das "Gewaltmonopol" aber daneben steht und seelenruhig zuschaut, wie eine Einzelperson von einer großen Gruppe Vandalen angegriffen und schwer verletzt wird,"
Na ja, wenn das "Gewaltmonopol" nur zu zweit ist und die angeforderte Hilfe der Kollegen ewig auf sich warten lässt, dann kann ich irgendwie schon nachvollziehen, dass den beiden "Gewaltmonopolisten" der @rsch auf Grundeis geht und sie sich dann doch lieber etwas zurückhalten.
Das erwartet auch wirklich niemand.
Wenn das "Gewaltmonopol" aber daneben steht und seelenruhig zuschaut, wie eine Einzelperson von einer großen Gruppe Vandalen angegriffen und schwer verletzt wird,
ist das doch auch nicht die Sache des Erfinders.
"Wenn Sie nach der Holzlatte greifen um das schlimmste zu verhindern werden Sie natürlich und auch zu recht angeklagt. Wir haben in Deutschland immer viel Wert auf das Gewaltmonopol des Staates gelegt, welches nunmal schwer mit dieser Art des bewaffneten "hinschauens" vereinbar ist."
Sie haben recht. Das Gewaltmonopol ist richtig und wichtig. Worauf meine Aussage aber abziehlt ist, wie die Handlungen von mutigen Personen in Falle von Selbstverteidigung von Richtern interpretiert werden, leider viel zu oft zu Gunsten der Aggressoren. Wenn es meine moralische Verpflichtung ist in solch ein Geschehen einzugreifen, muss es mir möglich sein, auch meine eigene Gesundheit mit Gewalt zu verteidigen. Die Holzlatte soll in diesem Fall ein Symbol sein für: Eingreifen und gesund wieder aus der Sache rauskommen.
"Wir werden die Welt nicht mit Prügeleien verbessern."
Auch das ist richtig. Allerdings werden wir sie auch nicht verbessern, wenn gewaltbereiten Menschen das Feld überlassen, indem wir Bürger mit dem Verweis auf das Gewaltmonopol entmutigen einzuschreiten.
Trotzallem verstehe und unterstütze ich Ihren Einwand. Welche Veränderungen auch immer notwendig sein sollten um Bürger (also auch mich) stärker zur Zivilcourage zu ermuntern, es darf nicht dazu führen das der Staat das Gewaltmonopol aus der Hand gibt.
Da muss ich Dir auch Recht geben. Entmutigt wurde ich das erste mal, als zwei Polizisten daneben standen und zuschauten, als ein Dutzend Vandalen über mich hergefallen sind und mich schwer verletzt hatten!!
Diesbezüblich hat der WDR ja bereits mehrere Reportagen veröffentlicht. Ich war nicht der erste, wo Polizisten daneben standen und zugeschaut hatten.
Und wenn ich mich nicht gewehrt hätte, könnte ich ja nicht solche "schönen" Kommentare schreiben. Dann würde ich ja nur sehen, wie das Gras von unten wächst.
Paging