Polen und Ukrainer fürchten, Deutschland wolle durch den Prozess gegen John Demjanjuk seine Verantwortung für den Holocaust relativieren.
Der Münchner Prozess gegen John Demjanjuk hat von Anfang an eine große Aufmerksamkeit in den polnischen und ukrainischen Medien gefunden. Der mutmaßliche ehemalige Wachmann des von der SS im besetzten Polen eingerichteten Vernichtungslagers Sobibor stammt aus dem zentralukrainischen Bezirk Winniza, Ukrainisch ist seine Muttersprache.
Bild vergrößern
Der 89 Jahre alte John Demjanjuk soll 1943 als Wachmann im damaligen Vernichtungslager Sobibor im besetzten Polen an der Ermordung von 27900 Juden beteiligt gewesen sein. (© Foto: ddp)
Anzeige
In beiden Ländern lassen die Prozessbeobachter keinen Zweifel daran, dass eine strenge Bestrafung des 89Jahre alten Demjanjuk gerechtfertigt wäre, falls ihm individuelle Schuld nachgewiesen werden könne. Doch stören sich in Polen wie auch in der Ukraine viele Kommentatoren daran, dass dieser Prozess ausgerechnet vor einem deutschen Gericht stattfindet.
In beiden Ländern wird der Prozess in den Kontext der aktuellen großen Debatten über den Zweiten Weltkrieg und seine Folgen gestellt, die in beiden Gesellschaften mit großen Emotionen geführt werden.
Sowohl in Polen als auch in der Ukraine wird dabei der deutschen Seite unterstellt, sie wolle durch den heutigen Prozess gegen einen Angeklagten aus einem damals besetzten Land die deutsche Schuld und Verantwortung für den Holocaust relativieren. In einem Kommentar der nationalkonservativen Warschauer Zeitung Rzeczpospolita hieß es: "Wir dürfen aber nicht vergessen, wer Demjanjuk zum Täter gemacht hat. Es waren die NS-Herren über Leben und Tod."
Rzeczpospolita stellt fest, dass in der Bundesrepublik die Tendenz bestehe, die von der SS in den besetzten Ländern rekrutierten Hilfskräfte auf eine Stufe mit den deutschen Haupttätern zu stellen. Doch die in der Bundesrepublik neuerdings propagierte These, der Holocaust wäre "ohne die eilfertige Unterstützung von Millionen Angehörigen der Völker Osteuropas" nicht möglich gewesen, lasse die Tatsache in den Hintergrund treten, dass die "teuflische Vernichtungsmaschinerie" Teil der Staatspolitik des damaligen Deutschlands gewesen sei. Nahezu alle polnischen Blätter weisen darauf hin, dass bei den Sobibor-Prozessen in der Bundesrepublik während der sechziger und siebziger Jahre nur die Hälfte der zwölf angeklagten SS-Männer überhaupt verurteilt worden sei. Lediglich der Lagerleiter bekam damals eine lebenslängliche Haftstrafe, während die anderen fünf Verurteilten nur zwischen drei und acht Jahren in Haft kamen.
Vor allem die Medien in der Westukraine weisen auf das Schicksal Zehntausender Landsleute während des Krieges hin, die nur die "Wahl zwischen Pest und Cholera" gehabt hätten. So habe sich Demjanjuk offenbar als Freiwilliger für das Hilfspersonal der SS gemeldet, um dem sicheren Hungertod als kriegsgefangener Rotarmist in einem deutschen Lager zu entgehen. In den Grenzen der heutigen Ukraine haben sich während der Besatzung Zehntausende junge Männer freiwillig zu den von den Deutschen aufgestellten Verbänden gemeldet, da sie die Wehrmacht zunächst als Befreier vom sowjetischen Joch ansahen. Die Zentralukraine war 1933 und 1934 besonders von der Kollektivierungspolitik Stalins betroffen, in Folge der vom Kreml angeordneten Requirierung der Ernteerträge waren Millionen verhungert. Die bis zum Krieg zu Polen gehörende Westukraine hatte den sowjetischen Terror von September 1939 an erlebt, als die Rote Armee in die Region einmarschiert war. Dass sich ein Teil der unter deutschem Oberbefehl stehenden ukrainischen Verbände an der Jagd auf Juden und an den Massenmorden beteiligt hat, war in Sowjetzeiten tabu und ist erst in den letzten anderthalb Jahrzehnten zum breit diskutierten Thema geworden.
Die Kommentare zu Demjanjuk in den ukrainischen Medien überschneiden sich mit einer Kontroverse über den unierten Metropoliten von Lemberg (Lviv) während des Krieges, Andrij Szeptycki. Zur unierten, auch griechisch-katholisch genannten Kirche, die dem Vatikan untersteht, bekennt sich die Mehrheit der Einwohner der Region. Szeptycki hat einerseits wohl mehrere tausend Juden gerettet, was auch die israelische Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem würdigt. Er ließ sie in den unierten Klöstern verstecken, einigen Dutzend gewährte er auch in seiner Lemberger Residenz Unterschlupf. An die SS-Führung von Lemberg schickte er damals ein Schreiben, in dem er diese an das fünfte Gebot "Du sollst nicht töten!" erinnerte.
Andererseits hat er Militärseelsorger zur SS-Division Galizien abgestellt, der unter deutschem Kommando vor allem Ukrainer angehörten. Der Metropolit hatte damals angeführt, die Priester sollten verhindern, dass im Namen der Ukraine Verbrechen verübt werden. Diese Verbrechen sind dennoch massiv geschehen. Deshalb haben Historiker Szeptycki immer wieder vorgeworfen, er habe diese letztlich durch seine Kirche absegnen lassen.
Westukrainische Medien verweisen darauf, dass die Region wegen des von den Deutschen entfesselten Krieges gegen den Willen der Bevölkerung der Sowjetunion angeschlossen wurde. Die Deutschen hätten für die Zerstörungen in dem Land nie irgendeine Entschädigung geleistet. Dass Deutsche nun über einen Landsmann richteten, den der damalige deutsche Staat zu Hilfsarbeiten bei deutschen Verbrechen herangezogen habe, irritiere die Ukrainer zutiefst, hieß es in der Lemberger Zeitung Wysoki Samok. Ein Verfahren in einem anderen Staat wäre für alle Beteiligten besser gewesen.
So sehen es auch polnische Kommentatoren. Für die konservativ und nationalpatriotisch orientierten Medien gilt es seit mehreren Jahren als verbürgt, dass die deutsche Elite die Geschichte des Zweiten Weltkrieges umschreiben wolle: Die Deutschen wollten nun in die Reihe der Opfer des Krieges aufgenommen werden, behaupten sie. Als Belege für diese Einschätzung werden deutsche Dokumentationen und Fernsehfilme über Flucht und Vertreibung, über den Bombenkrieg, über die von Rotarmisten vergewaltigten Frauen und das Los der einfachen Kriegsgefangenen in sowjetischen Lagern angeführt. In einem Kommentar des staatlichen Fernsehsenders TVP hieß es, dass Deutsche nun über Kriegsverbrecher aus den einst deutsch besetzten Ländern zu Gericht sitzen, sei eine neue Qualität der Geschichtsrevision und schwer zu akzeptieren.
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
- Thema
- Demjanjuk-Prozess RSS
- Demjanjuk-Prozess "Zuverlässiges Personal" 13.01.2010
- Demjanjuk-Prozess "Der einzige Zweck war Ermordung" 12.01.2010
- Demjanjuk: Verteidiger streiten "Kommen Sie auf unsere Seite!" 21.12.2009
- Demjanjuk-Prozess Die Last der Überlebenden 21.12.2009
- Demjanjuk-Prozess Obskures Mal am Oberarm 20.04.2010
- Prozess gegen John Demjanjuk Zoff um den Ausweis 14.04.2010
- Demjanjuk-Prozess "Wir hörten die Schreie aus den Gaskammern" 19.01.2010
(SZ vom 14.01.2010)
na, da habe ich mit einem experten zu tun. erzähl mir doch bitte GANZ GENAU über den progrom in kielce. was weisst du darüber: fakten, namen. erleuchte mich mit deinem wissen oder besser gesagt: unwissen. lass uns doch reinen tisch machen. lust drauf?
Ja da stimme ich dir in weiten Teilen zu. Doch auch mit der DDR Gerichtsbarkeit ist es so, dass man es als ganzes bertrachten muss. Es stimmt im Westen wurden viele geschont,warum auch immer,auch mussten hier die Gericht die Schuld nachweisen und nicht umgekehrt.In der DDR gab es genau so viele ehemaligen NS Juristen wie im westen,nur die waren auch willfaehig wie auch immer. Nicht zu vergessen ist hier, dass man diese Sachen leider auch zu Propagandazwecken benutzte. Offt mit gefaelschten Beweisen, auch mir ist es unverstaendlich das man sich hier in Westdeutschland mit den politischen Straftaetern so schwer tat. Siehe die Rente fuer die G. Freisler Witwe,oder der Prozess gegen den General Schoerner der von seinen Untergebenen angestrengt wurde. Da gibt es viel zu sagen,nur es sprengt den Rahen der hier moeglich ist. So nun viele Dank fuer dienen Brief.
Wer selbst im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen.
Ich will nicht ausführlich zu diesem Thema schreiben, denn das füllte Bände.
Es ist schon zutreffend, dass die Masse jener, die wegen Verbrechen während der faschistischen Diktatur hätten zur Verantwortung gezogen werden können, sich in den Westen abgesetzt hatten, waren doch im Osten gerade jene die Besatzer, denen man das grösste Leid angetan hat.
Ungeachtet dessen hat man sich gerade in der DDR intensiv darum bemüht, solche Leute, so sie dort lebten, aufzuspüren und zu bestrafen. Und die zuständigen Behörden in der Bundesrepublik haben sich nicht gerade überschlagen mit ihrer Bereitschaft, dabei Unterstützung zu geben.
Und zm guten Schluss sei noch darauf verwiesen, dass man nach der Vereinigung dem letzten von DDR-Gerichten verurteilten Kriegsverbrecher noch die Strafe herabgesetzt und ihm eine Kriegsversertenrente gezahlt.
Das ist wohl Gerechtigkeit?
Ja es stimmt,ich wollte bei lesen dieses Berichtes in der Sueddeutschen es nicht glauben. Man unterstellt den Gutmenschen und Nazijaegern bei uns,sie wollten die Geschichte umschreiben. Selbst wenn man sehr gemein waehre,das geht doch zu weit. Ein grosser Fehler in dieser Sache ist in West Deutschland hat man sich seit 1945 mit diesen Themen intensiev beschaeftigt. Auch dann wenn es nicht immer gelang die richtigen Taeter zu Verurteilen,die Gruende sind vielfaeltig warum das nicht gelang. Im ehemaligen Ostblock inklusive der ehemaligen DDR war die Sache einfach,fasste man solche Leute beahmen sie ihren Prozess ( wie das dann zuging weiss man auch mitlerweile ) Der Rest war fuer die Machthaber im Osten sowieso im Westen, auch stimmt es das bis auf wenige Ausnamen ( Auschwitz-Prozess ) der Ostblock sich weigerte Unterlagen aus seinen Archiven den Gerichten aus dem Westen zu ueberlassen. Nun es fehlt bis heute im ehemaligen Ostblock eine Aufarbeitung dieser Zeit.
Wenn sich deutsche Staatsanwälte und Politiker unbedingt als Musterschüler der Vergangenheitsbewältigung aufführen wollen, dann ist das ohnehin etwas heikel. Vollends abstrus wird es aber, wenn der Angeklagte ein 89-jähriger Ukrainer ist, der erstens allenfalls Werkzeug der Täter war und zweitens wegen der gleichen (mutmaßlich von ihm mitverübten) Verbrechen schon in Israel in Haft gesessen hat.
Da schlägt die beabsichtigte Saubermann-Attitüde schnell in ihr Gegenteil um, was die Wahrnehmung im Ausland anbetrifft. Die Reaktionen dort zeigen, wie überflüssig und selbstgerecht diese Prozeß-Inszenierung im Grunde ist. Und jene, die sich nur zu gern vor den eigenen Mitbürgern als Moralisten und Antifaschisten aufspielen, stehen jetzt sogar als Relativierer da. Man könnte darüber lachen, wenn es nicht so traurig wäre.
Paging